Wann wurde die Kreuzigung abgeschafft?

Hinrichtungen per Kreuzigung waren im Römischen Reich an der Tagesordnung. Wie grausam das war, zeigt der Film "Die Passion Christi" mit Mel Gibson. Aber wann wurde diese Hinrichtungsart endgültig abgeschafft? (Diese Frage hat Uwe Großmann aus Bärenstein gestellt.)

Aus aktuellem Anlass möchte ich etwas weiter ausholen. Nach christlicher Überlieferung ist Jesus zwar am Kreuz gestorben und am dritten Tage auferstanden. Deswegen feiern die Christen diese Woche Ostern. Aber Gekreuzigtwerden - was heißt das eigentlich? Woran stirbt man da? Und wer hat das erfunden? Die Idee dieser Form der Hinrichtung stammt von den Phöniziern, von denen aus die Methode sich um 1000 v. Chr. ins Zweistromland (heute Irak) zu den damals dort herrschenden Assyrern und Persern verbreitete. Da bestand die Strafe noch darin, einen Verurteilten an einem Baum festzubinden und dem Erfrieren oder Verdursten auszusetzen.

Wenige Jahrhunderte später hatte sich das Kreuzigen, etwa bei Eigentumsdelikten, bis ins antike Griechenland verbreitet. Seit dem Makedonischen Großreich (ab 700 v. Chr.) wurde auch das Annageln häufig praktiziert. Nun schuf man auch besondere Richtplätze für die Kreuzigung - meist auf einem Berg oder Hügel - und benutzte eigens dafür vorgesehene Pfähle. 332v.Chr. ließ Alexander der Große nach der Eroberung von Tyros etwa 2000 Assyrer im wehrfähigen Alter kreuzigen. Das Judentum übernahm nur das Aufhängen, nicht jedoch das Annageln von den Nachbarvölkern und wandte es nur gegen Fremdherrscher oder bei extremen religiösen Vergehen wie Gotteslästerung an. Von den Makedonen und Karthagern übernahmen die Römer das Kreuzigen. Im Römischen Reich wurde es vor allem an Sklaven praktiziert, um andere Sklaven von Flucht oder anderen Vergehen abzuschrecken. Auch Aufständische wurden so hingerichtet. Besonders in eroberten Gebieten, aber auch der Spartakusaufstand 71 v. Chr. endete mit der Kreuzigung von 6000 Anhängern des Sklavenführers. Die Kreuzigung war demnach eine politische Strafe zum Machterhalt. An römischen Bürgern durfte sie von Rechts wegen nicht angewandt werden.

Forscher bezweifeln heute, dass Jesus (oder sonst wer) nur mit Nägeln am Kreuz fixiert worden sein kann, wie es viele Maler darstellen. Denn zumindest wenn man Nägel durch die Handflächen in den Querbalken eines Kreuzes treibt, würde diese Konstruktion nie allein das Gewicht des menschlichen Körpers halten. Ab 30 Kilogramm Last beginnt das Gewebe zu reißen, und der Gekreuzigte fällt herunter. Und bei dieser Form des Hängens trägt jede Hand das volle Gewicht des ganzen Körpers. Nicht etwa nur die Hälfte. Forscher gehen deshalb davon aus, dass der Nagel entweder durch den Handwurzelknochen verlief oder unterhalb des Handgelenks zwischen Elle und Speiche hindurch (beides sehr schmerzhaft!), und dass der Delinquent zusätzlich mit Seilen am Querbalken gesichert war. Der Nagel durch die übereinandergelegten Fußwurzel- oder Fersenbeinknochen am Pfahl hat kaum tragende Funktion, solange der Gekreuzigte nicht die Knie durchdrückt, was lediglich die extrem große Pein in den Füßen steigert.

Zumindest bei den Römern begann die Hinrichtung überdies schon damit, dass der Delinquent gegeißelt wurde - ausgepeitscht, oft mit einer Knute, deren Schwänze mit Bleistücken und Rinderknochensplittern gespickt waren. Experimente haben gezeigt, dass man damit auch Rippenbrüche hervorrufen kann. Der Todgeweihte war also schon schwer verletzt, wenn er ans von ihm selbst zur Richtstatt geschleppte, rund 40 Kilogramm schwere Kreuz kam. Einmal aufgerichtet, fand er daran auch keine bequeme Körperhaltung mehr. Wie er sich auch drehte und wand - es muss die Hölle gewesen sein. Bei zuvor gesunden Menschen trat der Tod durch Ersticken, Kreislaufkollaps oder Herzversagen meist innerhalb von drei Tagen ein. Ihm gingen Qualen wie Dehydrierung, Wundbrand und Verkrampfung der Atemmuskulatur voraus.

Wann wurde nun die Kreuzigung abgeschafft? Und warum? Vereinfacht und zugespitzt erklärt: Humanitäre Gründe waren es eher nicht. Im 4. Jahrhundert nach Christus war im Römischen Reich das Christentum zur wichtigsten Religion aufgestiegen. Seit 313 galt im ganzen Reich die Religionsfreiheit. In der Folgezeit privilegierte Kaiser Konstantin das Christentum und verbot 320 die Kreuzigung in seinem Herrschaftsbereich. Ein Grund dafür war, dass das Kreuzzepter zu einer der Kaiserinsignien werden sollte. Voraussetzung dafür war, in weiten Kreisen der Bevölkerung die Akzeptanz für das Kreuz als Zeichen des Kaisers und seiner Religion zu schaffen. Mit einem noch in Gebrauch befindlichen Hinrichtungsinstrument wäre das schwierig gewesen. (tk)

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