Waren Elektroautos früher schon einmal verbreiteter als heutzutage?

Von Elektroautos sieht und hört man heute überall und immer - in den Medien, aber auf der Straße kaum. Als ich noch jung war, um 1944, fuhr die Post zumindest in Chemnitz die Päckchen und Pakete allgemein mit Elektroautos aus. War man damals schon weiter? Könnte man da nicht anknüpfen? (Diese Frage hat Werner Hempel aus Chemnitz gestellt.)

Herr Hempel hat völlig Recht - die Elektromobilität hatte nicht nur in Deutschland zum Beispiel vor mehr als 100 Jahren einen erheblich besseren Stand. Es gab zahllose Hersteller, und um das Jahr 1900, man stelle sich vor, waren in den USA 40 Prozent aller Autos elektrisch betrieben! Es gab weltweit angeblich mehr als 500 verschiedene Modelle. Der Nachteil war freilich der hohe Instandhaltungsaufwand der Batterien und der Umstand, dass sich die Akkus schnell erschöpften.

Um aber auf das Thema Reichspost zu kommen - 1935 rechnete das Reichspostministerium vor, Elektroautos könnten bis zu 40 Prozent billiger in der Produktion sein. So gab im vergangenen Jahr die Online-Ausgabe der "FAZ" Joel Fischer wieder, den Kurator der inzwischen geschlossenen Ausstellung "Elektro Mobil" im Museum für Kommunikation Frankfurt. Die Reichspost führte ihm zufolge Tests durch - mit dem Ergebnis, dass Elektroautos die meisten Routen schneller abfuhren als Laster mit Verbrennungsmotor. Sie beschleunigten schneller, was auf gängigen Zustellrouten wichtiger war als Dauertempo. "Bis Ende der 30er Jahre wuchs die Elektro-Flotte der Reichspost auf fast 3000 Fahrzeuge an", so Fischer. Mithin dürfte die Post ein Beispiel dafür sein, wo sich Elektromobilität etablierte: Da, wo sich kostengünstig, weil an einem Ort, ganze Flotten von Fahrzeugen aufladen ließen. In Großbritannien, um ein weiteres Beispiel zu nennen, war das etwa auch der Milchhandel, der ja die Molkereiprodukte täglich bis vors Haus lieferte. Dort surrten damals Zehntausende Milchautos herum.

Fischer benennt auch den Grund, warum letztlich die Elektromobilität nicht mal mehr in solchen Nischen eine Chance hatte - zumindest nicht in der Bundesrepublik: Am 6. April 1955 verabschiedete der Bundestag ein Verkehrsfinanzgesetz, das bis dahin bestehende steuerliche Vorteile für Elektroautos aufhob und sie fortan nach Gewicht besteuerte, was bis zu knapp einer Versiebenfachung der Steuerlast führte. In einer Zeit, da Elektrolaster zu Hunderten auf deutschen Straßen unterwegs waren - und dann nach und nach ausgemustert wurden. Dabei waren sie leise und geruchsfrei. Wo man damals ohne vernünftigen Grund aufgehört hat, macht man heute weiter - auch die Post, die ihren elektrischen Streetscooter gleich selber baute, aber, wie sie im Februar mitteilte, mangels Partnerunternehmen für weitere Investitionen in die Fahrzeugentwicklung und -fertigung die Produktion noch in diesem Jahr einstellen will.

Es ist wie bei so vielen Dingen: Der menschliche Verstand hält mit der technischen Entwicklung und deren Möglichkeiten oft nicht in dem Maße Schritt, wie das wünschenswert wäre. (tk)

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