Warum gibt es keine berühmten Mädchenchöre?

Vor Weihnachten wird oft vom Dresdner Kreuzchor und seinen Konzerten berichtet. Außer den Kruzianern fallen mir sofort auch die Leipziger Thomaner und die Wiener Sängerknaben ein. Allerdings keine berühmten Mädchenchöre, oder gibt es doch welche? Wenn ja, wo? Und wenn nicht, warum ist das so? (Diese Fragen hat Detlef Wilhelm aus Hartenstein gestellt.)

Der Fragesteller hat noch gar nicht all die Beispiele genannt, auf die man in diesem Zusammenhang kommen kann. Da wären etwa noch die Regensburger Domspatzen oder der Tölzer Knabenchor. Wobei Letzterer unter den genannten Beispielen der einzige Chor ist, der keinen kirchlichen Ursprung hat. Und an dieser Stelle kommen wir bereits dem Grund dafür nahe, dass es kaum berühmte Mädchenchöre gibt. Es liegt nicht daran, dass Jungen besser oder schöner singen können als Mädchen. Die Hauptursache für die Dominanz der Knabenchöre ist die Tradition. Denn ein großer Teil des Repertoires dieser Chöre ist sakraler Natur. Und da sind wir bei der Bibel. Im 1. Korintherbrief wird der Apostel Paulus dahingehend zitiert, dass Frauen in der Gemeindeversammlung zu schweigen hätten. Wie Paulus das genau gemeint hat, ist heute umstritten. In der männerdominierten Kirche des Mittelalters indes war der Fall klar: Frauen haben still zu sein. Immer. Also haben sie auch nicht zu singen. Für hohe Stimmen polyphoner Chorwerke brauchte man Mädchen und Frauen nicht, da sie in Kirchenchören neben Knaben vor dem Stimmbruch oft von Kastraten übernommen wurden. Das waren speziell in Italien oft Jungen aus kirchlichen Waisenhäusern, die, nüchtern betrachtet, keine Wahl hatten und für die es letztlich eine Überlebensfrage war, sich ihren geistlichen Beschützern unterzuordnen. In welcher Hinsicht auch immer. Da weiß man ja heute mehr als früher. Besagte Waisenhäuser nannte man in Italien übrigens "Conservatorio", wovon sich der bis heute in vielen Sprachen geläufige Begriff für eine Musikschule ableitet. Die Praxis der Entmannung zum Zwecke des Wohlklangs verbot Papst Pius X. im Jahre 1903.

Die Tradition der Knabenchöre ging derweil weiter - nun allerdings unter verschärften Bedingungen, wie Onkel Max' Kollege Christoph Drösser von der "Zeit" in der dortigen Kolumne "Stimmt's?" zu einer ähnlichen Frage schreibt: "Deren Leiter stehen vor der Aufgabe, die Stimmen durch harte Übung zur Perfektion zu bringen, bevor mit spätestens 14 der Stimmbruch eintritt (manchmal übernehmen die älteren Jungen dann tiefere Stimmen). In Mädchenchören besteht dieser Zeitdruck nicht, dort können auch noch Teenager mitsingen, die Chöre klingen generell ,älter' als die engelsgleichen Knabenchöre."

In einer Zeit, in der - völlig berechtigt - Frauen und Mädchen Gleichberechtigung forciert einfordern, ist es da auch nicht weiter überraschend, dass es bereits Versuche gegeben hat, diese männliche Domäne etwas weiblicher zu machen. So ging in diesem Jahr der Fall einer Zehnjährigen durch die Medien, die sich unter anderem um die Aufnahme bei den Leipziger Thomanern bemüht hatte. Ihre Mutter, eine Berliner Rechtsanwältin, hatte zuvor bereits versucht, ihrer Tochter auf dem Klageweg das Mitsingen im ebenfalls rein männlichen Berliner Staats- und Domchor zu ermöglichen. Das Berliner Verwaltungsgericht wies die Klage zurück mit der Begründung, das Recht auf Kunstfreiheit aus Artikel 5 des Grundgesetzes überwiege bei der Entscheidung des Chores, das Mädchen abzulehnen das Gebot der Gleichberechtigung aus Artikel 3. Das Klangbild des Chores habe Vorrang - womit die Richter sagen wollten, das Mädchen könne nicht mit der Begründung abgelehnt werden, dass es ein Mädchen ist, sondern mit der, dass ihre Stimme nicht zu den übrigen passt.

Unter dieser Prämisse wiederum luden die Leipziger das Mädchen im Herbst zum Vorsingen ein, um zu prüfen, ob ihre Stimme nicht doch so knabenhaft ist, dass sie zu den Thomanern passt. Der daraufhin von der Mutter erbetenen Gewährung einer längeren Vorbereitungszeit für ihre Tochter als für andere Bewerber üblich kam die Chorleitung wiederum nicht nach. Das Vorsingen fiel aus. (tk)

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