Warum nennt man das Karussell auch "Reitschule"?

Das Karussell nannte man früher "Reitschule". Wie entstand der Begriff? Was hat er mit der Schule und was mit dem Reiten zu tun? (Diese Frage hat Kathrin Beckert aus Chemnitz gestellt.)

Als ich die Frage das erste Mal gelesen hatte, war mir ehrlich gesagt nicht recht klar, was die Fragestellerin meint. Mir war der Begriff "Reitschule" für die Rummel-Attraktion einfach nicht geläufig. Vielleicht bin ich zu jung, aber auch im Norden aufgewachsen, derweil der Ausdruck im Süddeutschen tatsächlich verbreitet ist. Und man muss gar nicht tief graben, um festzustellen, dass beides wirklich im Zusammenhang steht. Somit lautet zunächst die Antwort: Das Karussell nennt man Reitschule, weil die ersten Karussells tatsächlich reitpädagogischen Zwecken dienten und nicht so sehr dem Vergnügen ihrer Benutzer.

Im Mittelalter nämlich wurde eine Art von Karussell dazu benutzt, Ritter zu trainieren. Sie nahmen außen auf dem Karussell Platz und mussten versuchen, die um das Karussell herum aufgehängten Ringe mit ihrer Lanze zu durchstechen. Da man die Lanze gemeinhin mit der rechten Hand hielt, drehte sich das Karussell gegen den Uhrzeigersinn. Das erscheint mir nach einer Sichtung von Internet-Fotos bis heute die bevorzugte Drehrichtung zu sein.

Im 18. Jahrhundert war es an den Höfen Europas üblich, dass Herren wie Damen auf Pferden leichte Geschicklichkeitsübungen vollführten, bei denen zum Beispiel mit einer Lanze versucht werden musste, kleine Ringe aufzustecken. Daher kommt auch der deutsche Begriff Ringelreiten. Später wurden die echten Pferde durch von Menschenkraft betriebene Vorläufer des Karussells ersetzt.

Das erste motorisch angetriebene Karussell wurde am 1. Januar 1863 im englischen Bolton auf einem Töpfereimarkt in Betrieb genommen. Es war von Thomas Bradshaw gebaut worden, wurde von einer Dampfmaschine angetrieben. Diese Bauart verbreitete sich binnen eines Jahrzehnts über ganz Europa und bis nach Nordamerika. Da schon damals nichts "auserfunden" war, fiel es bald einer Landmaschinenfabrik ein, die charakteristische Auf- und-Ab-Bewegung, die den Eindruck des Reitens verstärkt, in die Drehbewegung der Karussellpferde zu integrieren. Erst das wäre eigentlich die Form von Reitschule gewesen, die den Karussellbetreibern im Mittelalter vorschwebte. Aber das Mittelalter war vorbei. Kino-Altmeister Alfred Hitchcock setzte dieses Auf und Ab in Verbindung mit der Drehbewegung als eindringlichen Effekt in seiner Verfilmung des Krimi-Klassikers "Der Fremde im Zug" ein.

Eine zugegeben andere, ebenso populäre Bauart dieses Vergnügungsapparats inspirierte den Schriftsteller Herbert Rosendorfer zu einer amüsanten Episode in einer Erzählung. In deren Kern kommt eine etwas angetrunkene Festgesellschaft auf ihrem gemeinsamen Heimweg beim nächtlichen Passieren eines bereits geschlossenen Rummelplatzes auf die Idee, noch gemeinsam eine Runde auf dem Kettenkarussell zu drehen. Zumal, der Verantwortliche mit der nötigen Schlüsselgewalt unter den Festgästen ist. Nach dem Motto "Kneifen gilt nicht" heißt es aber: Wenn schon, dann gehen alle aufs Karussell! Der Mann mit Schlüssel setzt von einem der inneren Sitzplätze das voll besetzte Fahrgeschäft in Gang - und bald dämmert es den Anwesenden, dass dank der Fliehkraft niemand mehr da ist, der den nötigen festen Boden unter den Füßen hat, um das Karussell irgendwann wieder zum Stillstand zu bringen. Die Festgesellschaft wird erst am nächsten Morgen gefunden und aus ihrer Dauerrotation erlöst, als sich alle bereits die Seele aus dem Leib gekotzt haben.

Ein schönes literarisches Bild für die verbreitete Neigung mancher Menschen oder ganzer Bevölkerungsgruppen, leichtsinnige, aber schwerwiegende Entscheidungen zu treffen, die sie in eine prekäre Situation bringen, aus der sie ohne fremde Hilfe nicht mehr herauskommen. (tk)

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