Warum sind die Alpen von Süden her höher als von Norden?

Vor einigen Jahren wurden die Alpen neu vermessen. Und zwar einmal vom Norden her, auf Basis des Meeresspiegels von Ost- oder Nordsee, und einmal vom Süden, vom Mittelmeer aus. Dabei stellte sich heraus, dass sich eine Differenz von einigen Zentimetern ergab. Wie kam das zustande? (Diese Frage hat Albrecht Glier aus Markneukirchen gestellt.)

Tatsächlich gibt es Unterschiede bei den Höhenangaben einiger Alpengipfel - je nachdem aus welchem der Alpenländer die Werte kommen. So hat die Zugspitze nach deutschen Angaben eine Höhe von 2962,06 Metern. In Österreich ist sie rund 30 Zentimeter "höher". Diese Unterschiede haben allerdings nichts mit der Erdkrümmung zu tun, wie Professor Martin Horwath auf Anfrage erklärt. "Die Begründung liegt in unterschiedlichen Höhensystemen vieler europäischer Länder mit jeweils unterschiedlichen Referenzpunkten."

Martin Horwath hat an der Technischen Universität Dresden die Professur für Geodätische Erdsystemforschung inne. Geodäsie ist die Wissenschaft von der Abbildung und Ausmessung der Erdoberfläche. Sie liefert enorm wichtige Daten, so zum Beispiel Höhenwerte von Bergen. Diese sind vor allem für die Bauwirtschaft von großer Wichtigkeit. Allerdings haben die meisten europäischen Länder aus historischen Gründen ein eigenes geodätisches Höhensystem. "Deutschland bezieht sich auf den sogenannten Amsterdamer Pegel. Gemessen wurde er täglich zwischen dem 1. September 1683 und dem 1. September 1684. Aus diesen Daten hat man dann den Mittelwert gebildet", sagt Martin Horwath. Gemessen wurde dieser Meerespegel an der Haarlemer Schleuse in Amsterdam, und seitdem ist dieser Wert der Nullpunkt für alle Höhenangaben in Deutschland. Auch Norwegen, Schweden, Finnland, Lettland und - logisch - die Niederlande haben den Amsterdamer Pegel für ihre nationalen Höhensysteme als Referenzpunkt gewählt. Heißt: Auch bei einer Vermessung der Alpen von deutscher Seite aus spielt dieser Pegel als Referenzpunkt die entscheidende Rolle.

Andere Alpenländer haben allerdings andere Bezugspunkte gewählt. Die Schweiz und Frankreich beziehen sich auf den Pegel der südfranzösischen Stadt Marseille. Österreich bezieht sich auf den Pegel von Triest. Die an der Adria gelegene, heute italienische, Stadt gehörte bis zum Ende des Ersten Weltkrieges über viele Jahrhunderte zur Habsburgermonarchie. In Österreich wird daher bei Höhenangaben häufig der Zusatz: Höhe über Adria angefügt. Italien wiederum bezieht sich auf den Pegel in Genua. Alle diese gemessenen Pegel unterscheiden sich voneinander. Im Extremfall beträgt der Unterschied bis zu 50 Zentimetern, und im Fall der Zugspitze variiert dann die Angabe zwischen Deutschland und Österreich um die besagten 30Zentimeter. Dass sich die Meerespegel so unterscheiden ist ganz normal. Martin Horwath: "Viele Menschen denken, die Meeresspiegel gleichen sich weltweit irgendwie aus. Aber es gibt eben Unterschiede, bedingt durch Meeresströmungen oder unterschiedliche Salzgehalte. Und so kommt es zwischen Nordsee und Mittelmeer und auch innerhalb des Mittelmeeres zu Unterschieden."

Hinzu kommt ein unterschiedlicher Zeitpunkt der Messung. Der Amsterdamer Pegel ist mit fast 350 Jahren der älteste. Der Pegel in Marseille wurde 1860 festgelegt, der Pegel von Triest 1875. Innerhalb solcher Zeiträume unterliegen Meeresspiegel natürlichen Schwankungen und langzeitigen Änderungen.

Dass die unterschiedlichen Höhensysteme immer mal wieder Probleme bereiten, sah man im Jahr 2003 beim Bau der Hochrheinbrücke zwischen der Schweiz und Deutschland. Beim Bau berücksichtigte man zwar den Unterschied beider Höhensysteme um 27 Zentimeter. Durch einen Vorzeichenfehler wurde dieser Unterschied allerdings nicht ausgeglichen, sondern verdoppelt: auf 54 Zentimeter. Der Fehler wurde dann aber noch rechtzeitig bemerkt, und es wurden noch entsprechende Ausgleichsmaßnahmen eingeleitet. Beide Brückenteile passten am Ende also aneinander. (kaip)

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