Warum spielen William Shakespeares Werke in Italien?

Was hat William Shakespeare veranlasst, seine Werke in Italien anzusiedeln? Er war doch Brite. (Diese Frage hat Brigitte Beckmann aus Glauchau gestellt.)

Bevor wir zur eigentlichen Beantwortung der Frage kommen, müssen wir zunächst zwei Irrtümer ausräumen. William Shakespeare, der wohl bis heute bedeutendste Dramatiker englischer Zunge (1564 - 1616) war kein Brite. Konnte er gar nicht sein. Das Königreich von Großbritannien, das Engländer, Schotten und Waliser unter einer gemeinsamen Krone zu Briten machte, wurde erst im Jahre 1707 gegründet - also 91 Jahre nach Shakespeares Tod. Shakespeare war also "nur" Engländer.

Zweitens spielen ja nicht alle Komödien, Dramen, Tragödien et cetera des Mannes aus Stratford-upon-Avon in Italien. Aber, es sind eine ganze Menge. Onkel Max hat sich mal die Mühe gemacht, nachzuschlagen, wo denn die Schauplätze seiner Werke liegen und ist zu dem Ergebnis gekommen: Sie liegen über ganz Europa verteilt. Dabei stellt Italien tatsächlich einen geografischen Schwerpunkt dar. Elf Stücke Shakespeares spielen zumindest teilweise dort. Mit der Betonung auf geografisch: Italien ist ja ebenfalls ein Staatengebilde neueren Datums und existiert so, wie wir es kennen, erst seit 1861. In der Renaissance bestand es aus rund 20 Königreichen, Herzogtümern und Republiken und hatte einen ganz anderen Zuschnitt als heute. So gehörte Korsika damals zur Republik Genua, während das heute italienische Sardinien unter spanischem Einfluss stand. Und Tirol war noch ungeteilt.

Außerdem spielen einige der Shakespeare-Stücke noch in der Antike, also im Alten Rom. Im Übrigen sind auch diese elf "italienischen" Stücke nur genau so viele, wie Shakespeare auf den Britischen Inseln angesiedelt hat. Der Rest seiner Stücke verteilt sich auf die Territorien der heutigen Länder Dänemark, Frankreich, Griechenland, Kroatien, Österreich, Spanien, Türkei, Ägypten, Libanon und Libyen. Einige haben wechselnde Schauplätze, und ob der Wald von Arden aus "Wie es Euch gefällt" in England oder Frankreich liegt, darüber streiten die Gelehrten. Auch die Mittelmeerinsel, auf der "Der Sturm" spielt, ist namenlos - vielleicht auch fiktiv.

Aber warum nun hat er so viele seiner Werke im Ausland spielen lassen? Zum einen wohl, weil Exotik schon damals ein Mittel war, ein Publikum neugierig zu machen. Wie es zu Hause zuging, war den Zuschauern geläufig. Die Faszination des Fremden auf halbwegs risikoarme Weise zu erleben, Verhaltensstereotype auf fremde Völker zu projizieren - dafür war das Theater der rechte Fleck. Und zugleich eine Gelegenheit zur Zeitreise. Schließlich spielen viele seiner Stücke in Epochen, die schon damals weiter zurücklagen als für uns heute die Zeit Shakespeares. Nun muss man aber auch feststellen, dass sich Shakespeare seine Geschichten nicht aus den Fingern gesogen hat. Vielmehr hat er zu großen Teilen bereits bestehende literarische Vorlagen zur Hand genommen und zu Bühnenwerken umgearbeitet. Oder er bediente sich zumindest literarischer Motive. So wie heute Literatur gern verfilmt wird oder auch Theater gern auf Filme zurückgreifen, um sie auf die Bühne zu bringen. Insofern war auch Shakespeare ein guter literarischer Verwerter. So verwendete er, um ein Beispiel zu nennen, für seine weltberühmte Tragödie "Romeo und Julia" das 1562 publizierte Versepos "The Tragicall Historye of Romeus and Juliet" von Arthur Brooke, das wiederum einen weit verzweigten Stammbaum von Vorgängerversionen hatte - und eben im italienischen Verona und der Nachbarstadt Mantua angesiedelt war. Zugrunde lag das verbreitete Motiv der Liebenden, die widrige Umstände trennen. Auch beim "Hamlet" stammen die Grundzüge der Geschichte aus antiken und mittelalterlichen nordischen Erzählungen, die möglicherweise um Elemente aus zeitgenössischen Theaterstücken und philosophischen Schriften angereichert wurden. Historische Stoffe der Antike brachten ihre Schauplätze in weiter Ferne praktisch mit - ebenso wie Shakespeares Königsdramen, die er im eigenen Land ansiedelte.

Allemal kann man feststellen: Rein künstlerisch war der Mann, der von 1970 bis 1993 die Rückseite der 20-Pfund-Note des Vereinigten Königreiches zierte, ein echter Europäer. Und das lange bevor der Gedanke eines vereinigten Europa, das die Briten nun leider verlassen haben, überhaupt politische Relevanz erlangte. (tk)


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