Warum spricht man von der "Dritten Welt"?

Woher kommt der Begriff "Dritte Welt"? Welche Länder sind dann die Erste und die Zweite Welt? (Diese Fragen hat Gunter Sieber aus Limbach-Oberfrohna gestellt.)

Die heute in dieser Form obsolete Teilung der Welt in Erste, Zweite und Dritte ist ein Kind des Kalten Krieges, also der Zeit zwischen 1945 und 1990. Als "Dritte Welt" wurden ursprünglich die blockfreien Staaten bezeichnet, die sich im Ost-West-Konflikt weder der Ersten, noch der Zweiten Welt zuordnen ließen. Letztere beiden Bezeichnungen sind heute nicht mehr gebräuchlich. Sie waren es meiner Erinnerung nach nie dermaßen wie "Dritte Welt".

Zur "Ersten Welt", auch Westen genannt, gehörten die Nato-Mitgliedsstaaten und andere Verbündete der USA. Die "Zweite Welt" war der Ostblock unter Einfluss der Sowjetunion, Länder des Warschauer Pakts inklusive. Diese Sprachregelung war vom Westen geprägt und schwammig. Das wird daran deutlich, dass etwa die Volksrepublik China auch der Zweiten Welt zugerechnet wurde, allein weil sie kommunistisch regiert ist. Dabei wurde außer Acht gelassen, dass die Staats- und Parteiführungen der UdSSR und Chinas einander seit den 50er-Jahren aus diversen Gründen in herzlicher Abneigung verbunden waren. Der wichtigste Grund war wohl, dass China unter Mao Zedong die von der UdSSR und der KP der Sowjetunion für sich reklamierte führende Rolle im weltweiten Kampf für die Befreiung der Arbeiterschaft nicht anerkannte, sondern auf seinem Weg zum Kommunismus bestand.

Im Übrigen fühlte sich China eigenem Bekunden nach der "Dritten Welt" zugehörig. Diesen Begriff benutzten für sich 1955 die sechs afrikanischen und 23 asiatischen Staaten, die an der Bandung-Konferenz in der gleichnamigen Stadt auf Westjava (Indonesien) teilnahmen. Die Zahl der Bandung-Staaten, darunter China, wuchs über die Jahre stetig an. Sie sprachen sich unter anderem für die Unabhängigkeit aller noch nicht souveränen, also noch unter Kolonialregimes stehenden Gebiete sowie gegen Imperialismus und Neokolonialismus aus. 1963 waren es 60. In deren Kontinuität stand schließlich auch die "Gruppe der 77". Die bildete sich bei der ersten Welthandelskonferenz 1964 und nahm den Begriff "Dritte Welt" für sich an.

Heute, nach Ende des Kalten Krieges, steht der Begriff "Dritte Welt" als Oberbegriff für Entwicklungsländer. Er unterstellt ihnen gewisse Gemeinsamkeiten, obwohl diese Länder untereinander sehr verschieden sind, in Entwicklungsstand, Bevölkerungswachstum, Industrialisierungsgrad et cetera. Er ist mithin sehr undifferenziert. Deshalb unterteilt man die "Dritte Welt" in sogenannte Schwellenländer und die "Vierte Welt". Erstere befinden sich im fortgeschrittenen Prozess der Industrialisierung. Da hat jedoch jede Organisation, Weltbank, Internationaler Währungsfonds, OECD, ihre Definition. Die Listen der fraglichen Staaten sind entsprechend länger oder kürzer. Davon setzt sich wiederum die Kategorie der "Vierten Welt", der am schwächsten entwickelten Länder, ab. Zu ihnen gehören vorwiegend zentralafrikanische und südostasiatische Länder. (tk)

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