Warum vertragen Menschen große Kälte unterschiedlich gut?

Warum vertragen wir in unseren hiesigen Breiten eigentlich die Kälte so schlecht, haben zum Beispiel Herzpatienten so zu tun, während in Sibirien teilweise Minus 30, 40 Grad ertragen werden. Liegt das an der Gewöhnung oder vielleicht an den Genen oder steckt da etwas anderes dahinter? (Diese Frage hat Karin Weiß aus Aue gestellt.)

Wie der Mensch mit besonders kalten Umgebungstemperaturen zurechtkommt, hängt von mehreren Faktoren ab. Einer davon ist die Leistungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems. So verengen sich bei kalter Außentemperatur die Blutgefäße in den peripheren Körperbereichen, um die Wärmeabstrahlung zu verringern, und dabei steigt der Blutdruck, gegen den das Herz anpumpen muss. Kreislaufschwache Bewegungsmuffel kommen daher mit frostigen Temperaturen schlechter zurecht als etwa ein trainierter Sportler. Wobei der das auch seinem besseren Stoffwechsel verdankt, einem weiteren Schlüsselfaktor für die Kältetoleranz. So vertragen Männer die Kälte besser als Frauen und junge Menschen die Kälte besser als alte, weil sie über mehr stoffwechselaktive und Wärme produzierende Muskeln verfügen. Der isolierenden Fettschicht kommt hingegen beim Kälteschutz nur eine Nebenrolle zu.

Der Stoffwechsel ist auch der Hauptgrund, weswegen die Inuit mit den extrem tiefen Temperaturen am Polarkreis klarkommen. Die Mitochondrien in ihren Zellen können gut Körperfett verbrennen und dadurch viel Wärme produzieren. Und diese Fähigkeit ist den Inuit in die Wiege gelegt. Sie stammt genetisch von den sogenannten Denisova-Menschen, die vor 76.000 bis 52.000 Jahren in Südsibirien lebten und enge Verwandte des Neandertalers waren. Die australischen Aborigines und die Alacuf-Indianer in Westpatagonien sind übrigens auch sehr kälteresistent - und auch sie verfügen über viele Denisova-Gene. Beim Europäer findet man sie hingegen fast gar nicht.

Was nicht heißen soll, dass unsere Kältetoleranz nicht bis zu einem gewissen Grad trainierbar ist. Beispielsweise durch Kneippsche Kaltwasseranwendungen. Wer sich im Herbst regelmäßig kalt abduscht oder im Storchengang durch kaltes Wasser stapft, trainiert sein Herz-Kreislauf-System im Umgang mit Kältereizen - und wird dann weniger Probleme mit dem Winter haben.

Und selbstverständlich kommt es auch etwa bei den Sibirjaken darauf an, sich dem Wetter gemäß anzuziehen und dafür zu sorgen, dass die Wärme im Körper bleibt. Onkel Max hat selbst mal mehr als zwei Monate im Winter in Westsibirien zugebracht, zu einer Zeit, da dort Temperaturen um die 20 Grad unter dem Gefrierpunkt die Regel waren. Damit er mit seinen Gastgebern überhaupt das Haus verlassen konnte, liehen sie ihm eine über beide Ohren reichende, außerordentlich gut warm haltende Pelzmütze aus, wie sie als Schapka auch hierzulande bekannt ist. Sie ist dort eben nicht in erster Linie ein Lifestyle-Accessoire, sondern pure Zweckbekleidung, die im Idealfall auch noch gut aussieht. Wenn man sie schon tragen muss, dann nimmt man sie eben gern auch als Statussymbol. Wer bei solchen Temperaturen ohne Mütze auf die Straße geht, gilt dort als sehr unvernünftig, wenn nicht als verrückt. Denn bei minus 20 Grad ist es nur eine Frage von Minuten, bis einem die Ohren erfrieren oder zumindest gravierend Schaden nehmen. Gut erinnerlich ist Onkel Max noch, wie er bei der Ankunft auf dem frühmorgendlichen Flughafen in Nowosibirsk bei eisigen Temperaturen von seinen Gastgebern mit Blumen begrüßt wurde. Er weiß nicht mehr, ob es Rosen oder Nelken waren. Aber dass die Blütenblätter im Freien bei leichter Berührung abbrachen wie Glas, weiß er bis heute. Und an noch eins erinnert er sich: Es war einer der wenigen Winter in seinem bisherigen Leben, in denen er sich nicht erkältet hat. (jzl/tk)

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