Was für ein Stoff ist "Wasserglas"?

Im Keller des Hauses meines 1996 verstorbenen Vaters haben wir einige Flaschen Wasserglas gefunden. Ich erinnere mich, dass mein Vater das benutzt hat, wenn er etwas betoniert hat - einen Gartenteich zum Beispiel. Ist unser Fund noch zu gebrauchen? Welche Inhaltsstoffe hat Wasserglas, und zu welchem Zweck genau benutzt man es? (Diese Fragen hat Renate Münzner aus Dittmannsdorf gestellt.)

Die Anwendung von Wasserglas, die Sie bei Ihrem Vater beobachtet haben, führt uns schon auf die richtige Spur. Man benutzt die wässrige Lösung, die Sie im Keller gefunden haben, zum Abdichten poröser Strukturen wie Putz und Mauerwerk, Estrich und Beton, als Zusatz von Anstrichen, aber auch als Klebstoff, etwa zum Befestigen von Fliesen, von Papier auf Metall sowie von Elfenbeinplatten (oder dem heutigen Ersatzmaterial) auf Klaviertasten. Wasserglas diente früher ebenso als Entflammschutz für Holzkonstruktionen, findet in der Gießereitechnik gleichermaßen Verwendung wie in Restaurationswerkstätten und in der Zahntechnik. Die Substanz steht am Anfang des Gebrauchs von Gegenständen - etwa als Bestandteil der Einrauchpaste von Tabakspfeifen - und an deren Ende als Mittel zum nachweislichen Unbrauchbarmachen von Automotoren und Erlangen einer entsprechenden Verschrottungsprämie. Ja, vor Erfindung des Kühlschranks hat man sogar rohe Eier damit haltbar gemacht, indem man mit stark verdünntem Wasserglas die Schale luftdicht versiegelte. Und im April 2011 wurde sogar nach der großen Havarie das lecke Kernkraft Fukushima damit abgedichtet.

Die charakteristische Eigenschaft der Wasserglaslösung ist jedenfalls, dass sie, einmal auf einen Untergrund aufgetragen und getrocknet, dicht hält, sich in Feuchtigkeit nicht wieder auflöst - ähnlich wie man das von Gips kennt: Ein einmal getrockneter Verband aus in Wasser gelöstem Calciumsulfat-Halbhydrat, der nach dem Trocknen zu echtem Gips wird, weicht ja auch durch Befeuchtung nicht wieder auf.

Das eigentliche feste Wasserglas ist eine in der Schmelze erstarrte, glasartige, wasserlösliche Siliziumverbindung mit Natrium, Kalium oder Lithium als alkalimetallischem Bestandteil. Ein Silicat also. Je nachdem, ob überwiegend Natrium-, Kalium- oder Lithiumsilicate enthalten sind, spricht man vom (nicht dauerhaft feuchtigkeitsresistenten) Natronwasserglas, von Kaliwasserglas oder Lithiumwasserglas. Kaliwasserglas entsteht etwa, indem man ein Gemenge von Quarzsand und Kaliumcarbonat bei 1100 bis 1300°C verschmelzen lässt. Das abgekühlte Glas wird zu einem Pulver gemahlen. Daraus wird durch Lösen in Wasser bei hohen Temperaturen (zum Beispiel 150°C bei 5bar Druck) flüssiges Wasserglas (Flüssigglas) oder ein entsprechend dickflüssigeres Gel hergestellt.

Ob nun das Wasserglas, was Sie im Keller gefunden haben, noch zu verwenden ist, kann ich freilich aus der Ferne nicht sagen. Sollten die Verschlüsse der Flaschen dicht gehalten haben und der Inhalt noch flüssig sein, spricht aber eigentlich nichts dagegen. Mein Tipp: Probieren Sie es aus, etwa an einer undichten Vase. (tk)

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