Was ist "immaterielles Kulturerbe"?

Auf einer Eintrittskarte des Mittelsächsischen Theaters ist mir der Aufdruck "Immaterielles Kulturerbe - Wissen. Können. Weitergeben." aufgefallen. Was hat das zu bedeuten? (Diese Frage hat Hans-Werner Thümmrich aus Freiberg gestellt.)

Grundsätzlich bedeutet der Ausdruck "immateriell", dass es sich um etwas handelt, was man nicht anfassen kann, im Gegensatz zu materiellem Kulturerbe, das aus wichtigen historischen Bauten, Dokumenten sowie Werken etwa der bildenden oder auch der Ingenieurskünste bestehen kann.

Als immaterielles Kulturerbe werden kulturelle Ausdrucksformen bezeichnet, die direkt von menschlichem Wissen und Können getragen, von Generation zu Generation weitergegeben und stetig neu geschaffen und verändert werden. Über deren Erhalt hat die Unesco, die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, 2003 eine Konvention geschlossen, nachdem sie bereits 2001 begonnen hatte, besonders erhaltenswerte immaterielle Kulturgüter aus allen Weltregionen zu "Meisterwerken des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit" zu ernennen. Bis 2005 trugen dann weltweit 90 Kulturgüter dieses Prädikat.

Die Konvention trat im April 2006 in Kraft, nachdem 30 Staaten sie ratifiziert hatten. Die bereits auf der Liste der Meisterwerke enthaltenen Kulturformen wurden am 5. November 2008 offiziell in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit überführt.

Mit Stand 2018 sind dem Übereinkommen 178 Staaten beigetreten. Der Beitritt der Bundesrepublik Deutschland erfolgte am 10. Juli 2013. Gemäß Konvention führt die Unesco zwei Listen und ein Register, in die eine kulturelle Ausdrucksform oder ein modellhaftes Projekt zur deren Erhalt aufgenommen werden kann.

Zu diesen Listen wiederum gibt es ein umfangreiches Unterverzeichnis bedeutender immaterieller Kulturgüter in der Bundesrepublik Deutschland. Die Aufnahme in das bundesweite Verzeichnis, das gegenwärtig 88 kulturelle Ausdrucksformen umfasst, ist Voraussetzung für die Bewerbung um die Eintragung auf die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der Unesco.

Zu dessen ersten Einträgen ins Bundesverzeichnis gehörte 2014 die Deutsche Theater- und Orchesterlandschaft. So kommt der Vermerk auf die Eintrittskarte. Jüngster bundesweiter Eintrag ist etwa das deutsche Drechslerhandwerk, weitere aus den vergangenen Jahren die deutsche Brotkultur, die als "Walz" bekannte Wanderschaft von Handwerksgesellen, das Schützenwesen, Orgelbau und Orgelmusik. Letztere genießen inzwischen immateriellen Weltkulturerbestatus, ebenso wie die Genossenschaftsidee, die Falknerei und der Blaudruck.

Der aktuellste Eintrag in die Bundesliste für Sachsen sind die Bergparaden und Bergaufzüge im Freistaat. Es wurden also auch regionale Erscheinungen aufgenommen, etwa bereits 2014 die sächsischen Knabenchöre, namentlich die Leipziger Thomaner und die Dresdner Kruzianer nebst Kapellknaben, und auch der vogtländische Musikinstrumentenbau. Beispiele aus anderen Regionen sind etwa der Rheinische Karneval, die Auseinandersetzung mit der Sage vom Rattenfänger von Hameln, das Theater in niederdeutscher Sprache und die Passionsspiele in Oberammergau. (tk)

unesco.de/ kultur-und-natur/immaterielles-kulturerbe

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