Was ist von Rudolf Diesels Idee des "Solidarismus" geblieben?

In einer TV-Dokumentation über Rudolf Diesel, den Erfinder des nach ihm benannten Motors, wurde erwähnt, dass er Bücher und Schriften zum "Solidarismus" verfasst hat. Meine Frage: Sind davon noch Exemplare erhalten geblieben, und welche Meinung haben heute dazu Gesellschaftswissenschaftler? (Diese Frage hat Werner Barth aus Waldenburg gestellt.)

Zunächst müssen wir kurz umreißen, was es mit Rudolf Diesels (Foto) Idee des Solidarismus auf sich hat. Die Idee der Genossenschaft steht in deren Zentrum. Im Solidarismus, so Diesels Utopie, fällt das Interesse des Einzelnen mit dem Interesse der Allgemeinheit zusammen. Kern seiner Überlegungen ist eine sogenannte Volkskasse, in die jeder Erwerbstätige einzahlt, um aus dem angesammelten Kapital Kredite für gemeinschaftliche Betriebe der Kassenmitglieder zu finanzieren. Diese Betriebe wiederum sollen in einem geschlossenen, neben oder über dem Markt bestehenden System auch miteinander in Austausch treten. Anders als der Sozialismus, versteht Diesel sein System als eines, das auf Freiwilligkeit basiert und nicht als Staatsdoktrin, "im Rahmen bestehender Gesetze, in friedlicher Entwicklung bei vollkommener individuellen Freiheit". Im Unterschied zum Kapitalismus beruht er nicht auf dem Spiel der Marktkräfte, sondern "auf dem natürlichen Spiel der solidarischen Kräfte".

Zur Frage, wie Gesellschaftswissenschaftler heute dazu stehen, habe ich nichts Konkretes gefunden. Aber Diesels Utopie ist ja im Genossenschaftswesen - das er nicht erfunden hat - verwirklicht, freilich punktuell und nicht so vernetzt, wie er sich das vorgestellt haben dürfte. Der Erfolg gibt ihm Recht: Anerkanntermaßen funktioniert das Prinzip, solange sich alle Verantwortlichen bewusst sind, dass sie für alle Genossenschaftler handeln und nicht ihr persönliches Eigentum verwalten. Speziell in der Finanzkrise 2008 hat das genossenschaftliche Bankenwesen starken Zulauf erfahren. Geraten genossenschaftliche Betriebe ins Wanken, dann, weil einzelne Führungskräfte sich persönlich bereichern, wie im Fall der DGB-eigenen "Neuen Heimat" und der Handelskette Coop in den frühen 80er-Jahren in der BRD. Sprich: Sie haben die Genossenschaft so geführt wie ein wenig verantwortungsbewusster Privatunternehmer seine Firma und (für die falschen Dinge) mehr Geld ausgegeben als eingenommen.

Interessant ist die Geschichte des Werkes, das Rudolf Diesel über seine Idee verfasst hat. Von der 10.000er-Auflage seines 1903 erschienenen Buches "Solidarismus - Natürliche wirtschaftliche Erlösung des Menschen" verkaufte Diesel nur wenige Hundert Exemplare, allenfalls fünf davon sollen Schätzungen zufolge in Bibliotheken überdauert haben. Verloren sind Buch und Botschaft dennoch nicht: 2007 hat der eigentlich auf Independent-Literatur spezialisierte Maro-Verlag in Augsburg - am Standort von Diesels Motorenwerk - einen Nachdruck des Werkes herausgegeben. Auch er ist 13 Jahre nach Erscheinen noch nicht vergriffen. (tk)

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