Was ist wirklich "tragisch"?

Ich stoße mich daran, dass man bei selbst verschuldeten Unfällen (wie neulich, als jemand eine geschlossene Halbschranke umfahren hat) von "tragisch" spricht oder schreibt. Was hat das Wort "tragisch" für eine Bedeutung? (Diese Frage hat Roland Seifert aus Falkenau gestellt.)

Um die eigentliche Bedeutung des Wortes zu verstehen, müssen wir uns ganz bis zu den alten Griechen begeben. Tragisch (griechisch tragikos) heißt nach Aristoteles ein Ereignis, das zugleich Mitleid (mit dem Betroffenen), eleos, und Furcht (um uns selbst), phobos, erweckt. Nach der griechischen Philosophie muss ein tragisches Ereignis einerseits jemand erleiden, weil es sonst nicht selbst Leid wecken könnte; aber es darf nicht die gerechte Strafe eines wirklichen Verbrechens sein. Denn dies würden wir zwar bedauern, aber nicht bemitleiden. Andererseits muss es furchtbar sein, weil wir es sonst nicht fürchten würden, und es muss willkürlich verhängt sein. Nur das unverdiente Leiden ist wirklich tragisch, ein "Schicksalsschlag des Lebens gegen den Menschen".

Nun kann man im Fall der schweren Verletzung oder des Todes durch einen selbst verschuldeten Unfall heute darüber streiten: Hat der Betroffene angesichts seines fahrlässigen oder willkürlichen Fehlverhaltens eine solche Verletzung mit womöglich lebenslangen Folgen oder gar den Tod verdient? Nach den bislang gültigen ethischen Grundsätzen unserer Gesellschaft wohl nicht, zumal niemand, der nicht in suizidaler Absicht handelt, mutwillig Leben oder Gesundheit aufs Spiel setzt. In so einem Fall der Fahrlässigkeit oder Mutwilligkeit ohne Abschätzung der Folgen könnte man einen solchen Unfall wohl tatsächlich tragisch nennen, ereilt den Betroffenen doch das Schicksal in Gestalt seiner eigenen Unzulänglichkeit. Oder wie sieht es aus mit einem Drogenopfer, das aus Neugierde der Sucht verfallen ist? Hier würde wohl der menschliche Reifegrad zum Zeitpunkt der Entscheidung für die Droge darüber entscheiden, ob der Fall tragisch ist oder nicht.

Aber andererseits wird das Wort "tragisch" sicher bisweilen unreflektiert verwendet - unbegründet zum Beispiel, weil das beschriebene Ereignis an sich vielleicht bedauerlich, aber nicht tragisch ist, der Sprechende oder Schreibende es aber nicht eine Nummer kleiner hat. Insofern ist bei diesem Wort tatsächlich mitunter Sprachschlamperei im Spiel. (tk)

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