Was wurde aus dem Kind aus "Nackt unter Wölfen"?

Ich habe kürzlich den Defa-Film "Nackt unter Wölfen" gesehen, dessen gleichnamige Romanvorlage von Bruno Apitz zum Lesestoff meiner Schulzeit gehörte. In diesem Zusammenhang interessiert mich, welche Rolle der Autor des Buches im Film spielt, da Bruno Apitz im Abspann als Darsteller erwähnt wird. Außerdem interessiert mich, was aus dem "Buchenwaldkind" Jerzy Zweig wurde und wann und warum die Häftlingsbaracken abgerissen wurden, da ich sie bei einer Klassenfahrt 1982 nicht mehr gesehen habe. Zudem wüsste ich gern, ob die Namen der Protagonisten in Buch und Film, Höfel, Pippig, Bochow, Krämer, Kluftig, Reiseboth, Mandrill und so weiter authentisch sind oder von Apitz geändert wurden. (Diese Fragen hat Jens Platzer aus Plauen gestellt.)

1958 publizierte Bruno Apitz, selbst 1937 bis 1945 Häftling im Konzentrationslager Buchenwald, seinen Roman über die Rettung eines Kindes vor dem sicheren Tode. Das Buch wurde schnell zum Bestseller, in über 30 Sprachen übersetzt und in der DDR Schullektüre, Lehrplan Klasse 10.

Nun gibt es erhebliche Unterschiede zwischen der Romanhandlung und dem tatsächlichen Schicksal des historischen Buchenwaldkindes Stefan Jerzy Zweig.

Ja, klar, denn Apitz verarbeitete diesen historischen Stoff in einem literarischen Kunstwerk. Und das ist nun mal kein sachlicher Bericht, ebenso wie dessen Filmadaption keine Dokumentation sein kann und will. Roman und damit auch der Film lehnen sich an wahre Begebenheiten an. - "Ich habe mich schon im Lager mit dem Gedanken befasst, wenn ich einmal lebend herauskommen werde, dann will ich die Geschichte von der Rettung dieses kleinen Polenkindes schreiben", so wird der Schriftsteller zitiert im Hörfunkfeature "Millionen lesen einen Roman". Im Jahre 2005 hat Stefan Jerzy Zweig selbst seine Biografie im Eigenverlag veröffentlicht unter dem Titel "Tränen allein genügen nicht". Das Buch enthält den authentischen Bericht seines Vaters Zacharias Zweig, den dieser 1961 für die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem verfasst hatte. Hier beschreibt er den gemeinsamen Weg mit dem Sohn nach der Trennung von Frau und Tochter, die 1944 in Auschwitz umkommen, vom Krakauer Ghetto bis nach Buchenwald. Dort wird der Dreijährige nach tagelangem Transport im Viehwaggon an der Hand des Vaters offiziell im Lager aufgenommen und auch dank dessen Einsatzes übersteht er die Zeit dort. Ein Aspekt, den Bruno Apitz in seinem Roman vollständig ausklammert.

Was wurde nun aus dem einstigen Buchenwaldkind? Nach der Befreiung des KZ am 11. April 1945 durch die US-Armee führten seine Wege zunächst nach Polen und Frankreich, 1949 nach Israel. Der Junge lernt schnell Hebräisch, schließt das Gymnasium ab und leistet Wehrdienst in der israelischen Armee. Von dem Apitz-Roman und dessen Verfilmung erfahren Vater und Sohn erst 1964, als Reporter der DDR-Zeitung "BZ am Abend" sie endlich gefunden hatten. Stefan Jerzy beginnt ein Studium an der Filmhochschule Babelsberg. Nie aber wird er in der DDR wirklich heimisch. Er wird Kameramann, heiratet eine DDR-Bürgerin und zieht 1972 mit ihr und dem gemeinsamen Sohn nach Österreich. Dort bekommt er eine Stelle beim ORF in Wien, wo er, nunmehr pensioniert, bis heute lebt.

"Wir haben einen Film gemacht, der berührte", so das Fazit des Schauspielers Armin Mueller-Stahl. Er verkörpert im Film, unter Regie von Frank Beyer, die Rolle des Kapos der Effektenkammer, André Höfel. Willi Bleicher, der reale einstige Kapo der Effektenkammer, ist also nicht identisch mit der Höfel-Figur. Höfel, Krämer und all die anderen Helden sind tot. Nur ihre Namen leben im Buch fort. "Sie zu ehren, gab ich vielen Gestalten des Buches ihre Namen." So Apitz, im Vorwort. Und ja, er hatte am Ende des Filmes selbst eine kleine Rolle. In der Befreiungsszene tanzt der damals 62-Jährige mit dem Kind auf dem Arm einen Jubeltanz, bricht dabei zusammen: Herzinfarkt.

Die Frage nach dem Abriss der Häftlingsbaracken ist verbunden mit dem Aufbau der KZ-Gedenkstätte. Seit 1951, als auch die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) das Lager räumte, in dem sie Nazi-Verbrecher, politische Systemgegner und denunzierte Unschuldige interniert hatte, wurden die Baracken des Lagers weitgehend abgerissen. 1958 folgte die Einweihung als "Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald". (sewa/tk)

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