Wie bekommt ein Wort mehrere Bedeutungen?

Wie kommt es zustande, dass in der deutschen Sprache ein Wort mehrere verschiedene Bedeutungen haben kann? Also: Das Tor, der Tor, der Stift zum Schreiben und der, der einen Beruf erlernt, die Fliege zum Umbinden und die, nach der der Frosch schnappt? (Diese Frage hat Kathrin Beckert aus Chemnitz gestellt.)

Wir alle kennen das Phänomen der Sprache, dass Wörter häufig vieldeutig sind. "Er wartet an der Bank auf dich". Aber wo finde ich ihn, am Geldinstitut oder an der Sitzgelegenheit? In der Regel gibt es hier wenige Missverständnisse, der sprachliche und außersprachliche Kontext, also wann etwas von wem gesagt wird, sorgt für die gelungene Kommunikation. Aber interessant sind solche sprachlichen Erscheinungen allemal. Auch die Sprachwissenschaft hat ihnen viel Aufmerksamkeit gewidmet.

Viele dieser gleichlautenden Wörter haben in ihrer Bedeutung Gemeinsamkeiten. "Fuchs" zum Beispiel benennt in erster Linie das Raubtier, aber auch einen schlauen Menschen. Hier wird angespielt auf die dem Tier nachgesagte List. Fuchs ist zudem noch ein rothaariger Mensch, der hat die gleiche (Haar)farbe wie das Tier, ebenso ist es beim Pferd, das als Fuchs bezeichnet wird. Oder nehmen wir "Becken". In Wahrigs Wörterbuch finden wir folgende Bedeutungen: 1. Große flache Schüssel (Waschbecken), 2. Großer ausgemauerter Wasserbehälter (Schwimmbecken), 3. Mulde, Vertiefung in der Erdoberfläche (Thüringer Becken), 4. Schlaginstrument aus zwei flachgewölbten Schalen, 5. Knochenring der Wirbeltiere und des Menschen, der aus einem Teil der Wirbelsäule, Kreuz- und Schambein gebildet ist. Alle diese Bedeutungsvarianten stehen unter dem Lemma 'Becken', werden also als ein Wort verstanden. Sie sind sich auch ähnlich, alle haben als gleiches Merkmal der Bedeutung 'Schüsselförmiges'. In einem solchen Fall spricht der Sprachwissenschaftler von Polysemie. Dieses Wort geht zurück auf griech. polys "viel" und sema "Zeichen". Das Wort hat also mehrere Bedeutungen, die aber in sprachgeschichtlichem Zusammenhang stehen. Alle Bedeutungen haben ein gemeinsames Merkmal und beruhen in der Regel auf einem Vergleich: "Er ist schlau wie ein Fuchs" ist verkürzt worden zu "Er ist ein Fuchs".

Anders ist es bei Wörtern, die im Verhältnis der Homonymie zueinander stehen. Der Terminus geht zurück auf griech. homos, "gleich" und nomos, hier "Name". Formal gleiche Wörter haben also unterschiedliche Bedeutungen. Häufig haben sie auch grammatische Unterschiede: die und der Kiefer, Bank mit den verschiedenen Pluralformen Bänke und Banken, ebenso Mutter mit Müttern und Muttern. Was ist die Ursache für solche gleichen Bezeichnungen? Meist sind die Wörter unterschiedlicher Herkunft und haben sich im Laufe ihrer sprachlichen Entwicklung in der Form einander angenähert. "Star" zum Beispiel ist in Wörterbüchern mit drei Lemmata vertreten: 1. Singvogel, 2. Augenkrankheit, 3. Gefeierte Bühnen- oder Filmgröße (so im Duden-Herkunftswörterbuch). Der Star als Vogel geht zurück auf ein germanisches Wort mit der Wurzel -star, die Krankheit dagegen kommt von einem Adjektiv "starblind", in dem der erste Teil ein starr-, 'unbeweglich' ist. Der Star als Künstler ist im 19. Jahrhundert aus dem Englischen ins Deutsche gekommen. Englisch "star" ist eigentlich "der Stern" und ist mit den deutschen "Stern" auch sprachgeschichtlich verwandt. Ein anderes Beispiel ist "Kater" mit dem Kater als Tier und dem Kater als Zustand nach dem Genuss von zu viel Alkohol. Letzterer kommt von "Katarrh". In der sächsischen Studentensprache des 19. Jahrhunderts wurde - eben durch die sächsische Aussprache - daraus der Kater.

Homonymie kann auch dadurch entstehen, dass eine Bezeichnung auf einen neuen Gegenstand übertragen wird, dieser Zusammenhang aber später verloren geht. So ist es bei "Bank": Die Sitzbank geht zurück auf ein altgermanisches Wort. Und auf eben dieses geht auch das Geldinstitut zurück. Im Italien des 15. Jahrhunderts entwickelte sich das Bankwesen. Dort war die Bank zuerst der lange Tisch der Geldwechsler, also eine Art der Sitzbank. Das Wort dafür war schon lange aus dem Germanischen ins Romanische entlehnt worden als "banca, banco". Jetzt wurde es auch für das Geldinstitut verwendet. Und so kam das eigentlich germanische Wort mit vielen anderen Begriffen des Bankwesens wie Konto, Bilanz, brutto und netto über das Italienische wieder ins Deutsche. Dieser Zusammenhang war aber verloren gegangen.

Die Sprache versucht häufig, solche Homonyme zu beseitigen, um eben noch mehr Eindeutigkeit zu schaffen. Neben einer Differenzierung der Artikel oder der Pluralformen können auch unterschiedliche Schreibweisen auftreten. Wörter werden unterschiedlich geschrieben, aber gleich gesprochen - sog. Homophone: Waise und Weise, Saite und Seite. Aber man kann auch die Doppeldeutigkeit bewusst nutzen. Das Teekessel-Raten zum Beispiel tut das. Auch die sogenannten Sponti-Sprüche, die vor allem in den 70er und 80er Jahren aus den unterschiedlichsten Motiven an Häuserwände gesprüht wurden, bedienen sich der Mehrdeutigkeit, um mit der Sprache zu spielen: "Lieber arm dran als arm ab", "Lieber eine Stumme im Bett als eine Taube auf dem Dach", "Lieber ein Schwimmbecken als ein Tennisarm". (rge)

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