Wie gelangte Kaiserin Sissi nach Madeira?

Mein Traum-Reiseziel ist seit Jahren Madeira. Aber ich möchte nicht fliegen! In vielen Berichten über Madeira wird immer wieder erwähnt, dass Kaiserin Elisabeth von Österreich, bekannt als Sissi, dort zur Kur weilte. Nun würde mich interessieren, wie sie ohne Flugzeug dorthin kam. (Diese Frage hat Erika Härtwig aus Burgstädt gestellt.)

Sie haben insofern Recht, als Kaiserin Sissi nicht nach Madeira geflogen sein kann: Als sie ihre Kurreise auf die portugiesische Insel im Ostatlantik antrat, ging der deutsche Flugpionier Otto Lilienthal gerade das zweite Jahr aufs Gymnasium. Seine US-Kollegen Wilbur und Orville Wright waren noch nicht mal geboren.

Die einzige Möglichkeit, damals auf eine so abgelegene Insel zu reisen, war eine Schiffsreise. Und so gelangte 1860 natürlich auch Sissi, die sich dort von starkem Husten kurieren sollte, auf die Insel. Dann allerdings beginnt bereits das große Rätselraten. In der Literatur wird zwar erwähnt, dass Sissi, die mit dieser Kurfahrt eine Zeit ausgedehnter Reiseaktivitäten quer durch Europa eröffnete, viel mit den Staatsyachten der kaiserlichen österreich-ungarischen Marine unterwegs war. Es gab die drei schaufelradbetriebenen Yachten "Greif", "Fantasie" und "Miramar": Erstere kommt nicht in Frage. Zur Zeit der Madeira-Fahrt Sissis lag sie auf dem Grund der Adria bei Malamocco, wo das erst 1866 gehobene Schiff die Einfahrt zur Lagune von Venedig versperrte. Die "Miramar" wurde erst 1870 gebaut. Bleibt nur die "Fantasie". Von der heißt es in einer entsprechenden Chronik im Internet, am 17. Mai 1861 seien mit ihr von Triest aus Kaiser Franz Joseph I. und Erzherzog Ferdinand Max gestartet. Sie wollten des Kaisers Gemahlin entgegenfahren, die an Bord der britischen Yacht "Victoria and Albert" nach Österreich zurückkehrte. Das aber vermutlich nicht von Madeira, sondern von der griechischen Insel Korfu. Dorthin war die Kaiserin nach einem der Madeira-Kur folgenden Rückfall in Wien gereist. Sie war heilfroh, das höfische Leben an der Donau wieder hinter sich lassen zu können. Ob unter britischer Flagge oder der der Donaumonarchie - man kann jedenfalls davon ausgehen, dass Sissi auf Reisen standesgemäß unterwegs war. So wohnte sie ja auch: Auf Korfu ließ sie sich einen Palast im antiken Stil, das sogenannte Achilleion, bauen. Auch auf Schloss Gödöllö, das sie vom ungarischen Volk zur Krönung geschenkt bekommen hatte, soll sie sich sehr wohlgefühlt haben. Durch Europa fuhr sie meist mit einem eigens für die Kaiserin gebauten Hofsalon-Gespann der Eisenbahn, das aus je einem Schlaf- und Salonwagen bestand. Und sie reiste nicht allein: Ihr Hofstaat bestand aus 102 Bediensteten, neben Hofdamen waren Köche dabei, Zuckerbäcker, Hoftafelgestalter - und Stallburschen: Unüblich für ihre Zeit, war Sissi leidenschaftliche Reiterin. Selbst Postbeamte gehörten zur Entourage, damit überall, wo sie weilte, ein Telegrafenamt installiert werden konnte, über das sie erreichbar war. 1889 beging ihr schwer depressiver Sohn Rudolf auf Schloss Mayerling erweiterten Suizid, indem er erst seine Geliebte, die Baroness Marie von Vetsera, und dann sich  selbst erschoss. Danach fand Elisabeth erst recht keinen Halt mehr: Sie unternahm von da an vor allem Reisen mit der kaiserlichen Yacht, da sie sich zum Ozean hingezogen fühlte.

"Hinaus, hinaus aufs weite Meer

Treibt mich ein mächtig Sehnen,

Doch weil ich keine Flügel hab',

Muss ich sie mir entlehnen", heißt es in einem Gedicht der Bewunderin Heinrich Heines. Ihre Leidenschaft für das Meer reichte so weit, dass sie an Deck ihres Schiffes einen Glaspavillon errichten ließ, in dem sie sich auf hoher See aufhalten konnte. Ja, sie ließ sich darin bei schwerer See an einem Stuhl festbinden, um ihrem bevorzugten Element so nah wie möglich zu sein. Ihre Verbundenheit zum Meer reichte gar so weit, dass sie sich ein Anker-Tattoo auf die Rückseite der linken Schulter stechen ließ. Und vielleicht war diese auf vielerlei Art ausgelebte Liebe zum Meer in Wirklichkeit eine sublimierte Todessehnsucht. Eines ihrer Gedichte legt solche Gedanken nahe:

"Wer hat's dir wohl verraten,

Du liebe Nordsee mein,

Dass ich mit Leib und Seele,

So ganz und gar bin dein? ...

Ob's wohl die Möven waren,

Die es dir hinterbracht? -

Denn oft am Strande wandelnd,

Hab's ihnen ich gesagt.

Seitdem läss't keine Ruhe

Du mir bei Tag und Nacht;

Rufst mich bald wild und drohend,

Dann wieder schmeichelnd sacht.

Du willst mich wiegen, schaukeln,

Dein Arm ist ja so weich,

Bis endlich du mich dennoch

Ziehst in dein nasses Reich." Doch ihr war ein anderer Tod beschieden. Der jährt sich am Montag zum 120. Mal: Sissi wurde am 10. September 1898 auf der Seepromenade in Genf von einem italienischen Anarchisten mit einer dünnen, spitzen Feile erstochen. Sie hielt den Angriff zunächst für einen Faustschlag und starb, ohne medizinische Hilfe gesucht zu haben, kurz darauf an innerer Verblutung - mit 60 Jahren. Anders, als es ihr Wunsch war, wurde sie nicht, "am Meer, am liebsten in Korfu" beigesetzt. Sie ruht, wie es österreichischen Monarchen geziemte, in der Wiener Kapuzinergruft. (tk)

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