Wie schafft ein Zug die verschiedenen Spurweiten in Russland und Deutschland?

Stalin hatte Flugangst. Deshalb kam er im Juli 1945 zur Konferenz der Siegermächte nach Deutschland mit dem Zug zur Potsdamer Konferenz. Wie war das möglich, wo sich doch die deutschen und russischen Spurweiten unterschieden, fragt Rainer Tröger aus Glauchau.

In der Tat ist der weltweite Schienenverkehr weniger einheitlich, als man vermutet - selbst, wenn man von allerlei exotischen Straßen, Schmalspur- oder Grubenbahnen absieht: Zwar ist etwa die sogenannte Normal- oder Regelspur mit einem Abstand von 1435 Millimetern zwischen den Schienen am häufigsten verbreitet, doch allein in Europa gibt es noch etliche weitere Spuren, etwa in Spanien und Portugal die "iberische Breitspur" von 1668 Millimetern oder die irische Breitspur von 1600 Millimetern. Am bekanntesten ist die "Russische Normalie" mit 1520 Millimetern, die in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und Finnland liegt.

Fährt ein Zug von einem Spursystem ins andere, muss er umgespurt werden. Dazu werden an speziellen Grenzstationen die Wagen aufgebockt und die sogenannten Drehgestelle abgeschraubt - das sind die Kästen mit den Rollen. Dann werden die Rollen der Spur A rausgezogen und die der Spur B eingeschoben. Dafür benötigt man ein kurzes Stück Doppelgleis mit beiden Spurweiten.

Für Stalin funktionierte das 1945 aber unter Kriegsbedingungen anders, denn die Wehrmacht hatte beim Überfall auf die Sowjetunion Teile des Schienennetzes auf Regelspur umgebaut: Ursprünglich hatte Hitler geplant, die vorhandenen Strecken zur Versorgung mit erbeuteten Zügen zu betreiben. Es gelang jedoch nicht, ausreichend Loks und Wagen zu erobern, und das Umspuren verlangsamte die Nachschubversorgung: Pioniertrupps mussten also jeweils eine Schiene von den Schwellen lösen und um 89 Millimeter nach innen versetzen, damit deutsche Züge bis an die Front fahren konnten.

Die Eisenbahnpioniere der Sowjetarmee mussten diese Strecken bei ihrem Vormarsch also wieder zurückrüsten - und bauten dabei strategisch wichtige Strecken ihrerseits auf russische Breitspur um. Kompliziert war das bei Weichen und Signalanlagen - hier herrschte oft ein Provisorium durch das "Hin und Her". Allerdings entstand dabei auch eine Breitspur-Durchfahrt bis nach Berlin. Für Stalins Fahrt zur Potsdamer Konferenz wurde dann für die "letzten Meter" ein Ferngleis der Berliner Stadtbahn ab Schlesischem Bahnhof auf Breitspur ausgebaut und nach der Konferenz wieder demontiert. (mqu)

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