Wie viele Stradivaris werden noch gespielt?

Stradivaris sind sehr selten geworden. Wie viele Instrumente gibt es noch weltweit? Wie viele werden bespielt? Wie sind die Preise für so ein Instrument? Und wer waren die Vorbesitzer der heute erhaltenen Instrumente? Lässt sich nachvollziehen, wer eine als Erster gekauft und dann an wen weiterverkauft hat? (Diese Fragen hat Philipp Keller aus Muldenhammer gestellt.)

Der Cremoneser Saiteninstrumentenbauer Antonio Stradivari (1648 - 1737) hat Forschern zufolge im Lauf seines Lebens rund 1100 Musikinstrumente hergestellt - neben Violinen, von denen bis heute rund 620 erhalten sein sollen, auch Bratschen, Violoncelli sowie einige wenige Gitarren und Mandolinen nebst einer Harfe. Stradivaris Instrumente erfreuten sich ob ihrer Qualität bereits zu dessen Lebzeiten großer Beliebtheit. Viele seiner Instrumente, die bis heute bespielt werden, tragen Namen, die ihnen von Vorbesitzern gegeben wurden, wodurch sie und ihr Weg heute noch recht gut zurückzuverfolgen sind. In der Regel jedoch nicht bis zu ihrem Erstbesitzer. Das mag daran liegen, dass bald nach Stradivaris Tod ein regelrechter Boom auf die von ihm hergestellten Instrumente einsetzte. Der war jedoch nicht so sehr von praktizierenden Musikern getrieben, sondern von Sammlern, Forschern, Plagiatoren und Spekulanten, denen es weniger um die Musik ging als - nun, eben darum, auf andere Weise ihren Profit aus den Instrumenten herauszustreichen als mit dem Bogen. Lokale Musiker, die zuvor gute Kunden Stradivaris gewesen waren, konnten sich diese Instrumente nun gar nicht mehr leisten. Der Umstand, dass sie länger oder kürzer in "fachfremde" Hände gerieten, mag zwar zum einen dazu beigetragen haben, dass sie, dem Spielbetrieb entzogen, auch nicht kaputtgespielt wurden, aber auch dazu, dass mit den Jahrzehnten und der Vererbung an Kinder und Enkel auch die Informationen zur Provenienz der Instrumente verloren ging, wie man die Besitzerhistorie bei Kunstwerken - um solche handelt es sich ja - nennt. Viele Sammler hat wohl auch schlicht nicht interessiert, wem ihr Instrument zuvor gehört hat. Hauptsache, Stradivari.

Eine Stradivari, deren Provenienz lückenlos dokumentiert ist, ist eine vom Meister 1716 geschaffene Geige, die heute "Messiah" genannt wird: Stradivari behielt sie bis zu seinem Tod in seinem Eigentum, danach blieb sie zwei Generationen in der Familie, ehe sie durch die Hände verschiedener Geiger, Sammler und Instrumentenbauer ging und schließlich 1939 ihren Platz im Ashmolean Museum in Oxford fand. Von vielen weiteren Geigen ist zumindest seit dem 19. Jahrhundert dokumentiert, wem sie gehörten, in der Regel bekamen sie auch erst ab dieser Zeit ihre Namen. Einige Stradivaris werden heute von ihren Eigentümern, also Streichersolisten, selbst gespielt, sehr viele gehören aber auch (musikfremden) Unternehmen, Banken, Stiftungen oder vermögenden Einzelpersonen, die die Instrumente zeitweise oder unbefristet hochtalentierten Musikern zur Verfügung stellen. Wie viele allerdings genau noch bespielt werden und wie viele in Museen oder Sammlertresoren ruhen, habe ich nicht herausgefunden.

Für nachweislich originale Stradivari-Instrumente zahlen Liebhaber extreme Preise: 1998 wurden bei einer Versteigerung bei Christie's in London für die "Kreutzer"-Violine 947.500 Pfund Sterling bezahlt, was etwa 1,5 Millionen Euro entspricht. Einen weiteren Rekordpreis erzielte die von Christie's in New York versteigerte "Lady Tennant" im April 2005: Ein unbekannter Bieter gab 1,53 Millionen Euro dafür aus. Am 16. Mai 2006 wurde dieser Preisrekord abermals in den Schatten gestellt, als Christie's in New York die Stradivari mit dem Namen "Hammer" für 3,544 Millionen US-Dollar (rund 2,7 Millionen Euro) versteigerte. Den bis heute höchsten Preis erzielte die vom Auktionshaus Tarisio in London 2011 versteigerte "Lady Blunt": Einem unbekannten Bieter war sie 9,8 Millionen Pfund Sterling (rund 11 Millionen Euro) wert. 1971 war das Instrument, das zu den weltweit besterhaltenen Stradivaris zählt, noch bei Sotheby's für 84.000 Pfund Sterling zu haben gewesen. Das entspricht einer Wertsteigerung in 40Jahren fast um das 117-Fache.

Und warum klingt eine Stradivari nun so toll? Darüber streitet die Wissenschaft. Es gibt Fachleute, die machen das Fichtenholz dafür verantwortlich, das während der "kleinen Eiszeit" im 16. bis 18. Jahrhundert gewachsen ist und eine geringere Dichte aufweist als heute verfügbares. Auch Pilzbefall am Baum kann diesen Effekt haben. Andere verweisen auf die Lackierung und die Imprägnierung mit Borax, die den Holzwurm fernhalten sollte. Blindtests, bei denen ein Geiger verschiedene Instrumente hinter einem Sichtschirm vor Publikum spielt, haben in jüngster Vergangenheit aber auch gezeigt, dass eine Stradivari im Klang nicht grundsätzlich einem modernen Instrument überlegen ist, sondern viel Subjektives mit hineinspielt. (tk)

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