Wo wurde Deutsch als Amtssprache mit einer Stimme gekippt?

Bei einem Besuch in Kanada erzählte man mir eine unglaubliche Geschichte: Stimmt es, dass es bei einer Vollversammlung der Nationen (keine Ahnung, wann) eine Abstimmung gegeben hat, welche Sprache "Weltsprache" werden soll: Deutsch oder Englisch? Es wurde abgestimmt, und Englisch hatte nur eine Stimme mehr! Kann so etwas möglich gewesen sein? (Diese Frage hat Martina Gutzeit aus Schönheide gestellt.)

Bei "Vollversammlung der Nationen" habe ich sofort an die Vereinten Nationen (UN) und an die dort gebräuchlichen Sprachen gedacht. Aber es ist niemals auch nur im Entferntesten in Erwägung gezogen worden, Deutsch zu einer der UN-Amtssprachen zu machen, zumal selbst heute gerade mal etwa jeder 70. Erdenbürger Deutsch als Muttersprache spricht. Und erst recht nicht, wenn man bedenkt, dass es unterm Strich nicht zuletzt der von Deutschen angezettelte Zweite Weltkrieg war, der zur Gründung der Vereinten Nationen Anlass gegeben hat. Im Uno-Hauptquartier am New Yorker East River spricht man offiziell Arabisch, Chinesisch, Englisch, Französisch, Russisch und Spanisch - letztere fünf Sprachen seit der Konstitution 1946, Arabisch ist 1973 hinzugekommen.

Eine Kollegin hat mich dann auf die richtige Fährte geführt. Was die Leserin wohl meint, ist die Muehlenberg-Legende. Die wiederum besagt, dass es zur Zeit der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika eine Gesetzesvorlage gegeben haben soll, Deutsch als offizielle Landessprache in Pennsylvanien einzuführen. Das Gesetz soll an einer einzigen Stimme gescheitert sein, nämlich am Widerspruch des Deutschamerikaners Muehlenberg.

Das Gerücht entstand um 1840 und fand durch Franz von Löhers Buch "Geschichte und Zustände der Deutschen in Amerika" (1847) Verbreitung. Löher schildert darin, dass es bei einer Abstimmung, ob Deutsch die Amtssprache in Pennsylvanien werden solle, Stimmgleichheit gegeben habe. Der Sprecher des Landtags, ein gewisser Muehlenberg, habe durch seine Stimme den Ausschlag für das Englische gegeben. Er soll erklärt haben: "Je schneller die Deutschen Amerikaner werden, desto besser."

Dieser Satz ist verbürgt, das Drumherum allerdings ist eine grobe Vereinfachung des damaligen historischen Sachverhalts. Abstimmungen über die Amtssprache der USA hat es nie gegeben, auch nicht auf Ebene der Bundesstaaten. Der wahre Kern der Legende liegt hier: Am 9. Januar 1794 reichte eine Gruppe deutscher Einwanderer aus Virginia beim US-Repräsentantenhaus, das damals im pennsylvanischen Philadelphia tagte (Washington D.C. wurde erst im Jahre 1800 US-Hauptstadt), eine Petition ein, in der sie die Veröffentlichung von Gesetzestexten in deutscher Übersetzung forderten. Dies sollte den Einwanderern, die noch kein Englisch konnten, helfen, schneller mit den Gesetzen in der neuen Heimat vertraut zu werden. Doch der Antrag wurde vom Hauptausschuss des Repräsentantenhauses mit 42 zu 41 Stimmen abgelehnt. Der deutschstämmige, zweisprachige Sprecher des Repräsentantenhauses, Frederick Augustus Conrad Muehlenberg, der sich selbst bei der Abstimmung enthalten hatte, erklärte hinterher: "Je schneller die Deutschen Amerikaner werden, desto besser ist es." Ob Muehlenberg nicht doch mitgestimmt hat, darüber streiten die Gelehrten bis heute. Fazit: Es ging um eine Zweitsprache für Gesetzestexte, um mehr nicht.

Im Übrigen: So, als ob es damals um die Frage gegangen wäre, ob Deutsch zur Weltsprache wird oder nicht, sieht es nur in der historischen Rückschau aus und mit dem Wissen, was aus den USA geworden ist. Denn in den ersten 120 Jahren nach ihrer Gründung galten die Vereinigten Staaten im internationalen Maßstab als nordamerikanischer Provinzstaat. Erst die Industrialisierung und zwei Weltkriege schmiedeten daraus eine Supermacht.

Interessant und empfehlenswert ist in diesem Kontext die Lektüre des Romans "Der Komet" des Österreichers Hannes Stein. Er beschreibt darin die fiktive Realität eines Mitteleuropas Ende des 20. Jahrhunderts, in dem Erster und Zweiter Weltkrieg nie stattgefunden haben - Kalter Krieg und Islam-Konflikt sowieso nicht. Und zwar weil Österreichs Thronfolger Franz Ferdinand 1914 in Sarajevo nicht (wie geschehen) einem serbischen Attentat zum Opfer fällt: Er hat die Stadt vorher verlassen, und so besteht kein Kriegsgrund. In dem Buch sind die USA ein kulturell und wirtschaftlich belangloses geopolitisches Anhängsel. Die Musik spielt in einem Europa intakter, aufgeklärter Monarchien, mit Wien als Nabel der Welt. Und in gewisser Weise mit Deutsch als Weltsprache. Ohne Gesetz, einfach dank der normativen Kraft des Faktischen. (tk)

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