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Hohe Tauern in Österreich: Das heilige Blut

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Heiligenblut - was für ein seltsamer Name! Das wird sich schon so mancher Urlauber gedacht haben, der das gleichnamige Tausend-Seelen-Dorf inmitten des Nationalparks Hohe Tauern durchquert hat. Hier geht die Großglocknerstraße in die Großglockner-Hochalpenstraße über, hier startet man, wenn man dem höchsten Berg Österreichs noch ein Stück näher kommen will.

Die markante Kirche mit ihrem spitzen Turm wird dabei meist links liegengelassen. Zu unrecht, denn sie bewahrt eine besondere Reliquie: ein Fläschen mit dem Blut Christi. Der Sage nach hatte es ein dänischer Prinz namens Briccius Anno 914 aus Konstantinopel mitgebracht - eingenäht in der Wade.

Unglücklicherweise wurde der Mann von einer Lawine verschüttet. Bei der Beerdigung wollte jedoch ein Bein partout nicht unter die Erde. Also schauten die Bauern genauer hin und fanden so das ominöse Fläschen.

Die Reliquie wurde dem Toten entnommen und an einen sicheren Ort gebracht. Nach dem Bau der Pfarrkirche des Hl. Vinzenz (1460 bis 1491) bekam sie ihren Platz in einem Sakramentshäuschen, wo sie noch heute zu besichtigen ist. Prinz Briccius liegt als Holzfigur eine Etage tiefer in der Krypta.

Der Antrag auf Heiligsprechung blieb erfolglos. Dafür war die Beweislage dann wohl doch zu dünn. Aber der Name blieb: Heiligenblut. (sk)

Null Bock und Spaß dabei 

Die wichtigste Frage gleich zuerst: Werden wir heute wirklich Steinböcke sehen? Georg Granig zieht die Augenbrauen hoch. Soll wohl heißen: Warum sonst seid ihr denn hier? Aber der Ranger will es sich mit seinen Gästen ja nicht verscherzen, also weicht er auf eine diplomatische Antwort aus: "Das sollte schon klappen, aber eine Garantie gibt es nie."

Wir sind im Nationalpark Hohe Tauern, genauer gesagt im südlichen Teil in Kärnten, noch genauer im kleinen Dorf Heiligenblut. Georg hat uns am Hotel abgeholt, ist mit uns per Bergbahn in zwei Etappen hinauf zur Fleißalm gefahren, hat Schneeschuhe samt Stöcken verteilt und schaut nun in erwartungsfrohe Gesichter. Er weiß natürlich, dass Steinböcke scheue Tiere sind und sich auf Höhen zurückziehen, die wir heute nicht erklimmen werden. Andererseits: Es gibt rund 700 Steinböcke im Nationalpark, und hier im Großen Fleißtal werden sie regelmäßig gesichtet. Warum also nicht auch heute?

Nach kaum fünf Minuten hält Georg das erste Mal inne. Er zeigt auf den gegenüberliegenden Berghang, wo sich tatsächlich ein paar Tiere bewegen. Sind das etwa ...? Nein, es sind keine Steinböcke, sondern Gämsen, stellt Georg nach einem Blick durchs Fernglas zweifelsfrei fest. Vier Stück, zwei Geißen und zwei Jahrlinge. Und dann erzählt er, "was die Tiere freut." Also was sie am liebsten fressen. Die Alpenrose zum Beispiel, weshalb man nur einen Handstrauß davon pflücken dürfe ("so viel, wie zwischen Daumen und Zeigefinger passt"). Und Sprossen und Wurzeln ("da steckt viel Energie drin"). Und Flechten, die wie Bärte an den Ästen hängen und deshalb auch so genannt werden: Baumbärte. Je höher die Tiere steigen, desto gehaltvoller seien Gräser und Kräuter, erklärt der Ranger.

In diesem Moment ruft jemand: "Da!" Und kurz darauf: "Ach nee, ist nur ein Skifahrer." Die Gämsen huschen in den Wald, wir stapfen weiter leicht bergan und immer tiefer ins Tal. Ein Schild warnt vorm Abbauen und Sammeln von Mineralien. Zuwiderhandlungen würden "ausnahmslos strafrechtlich geahndet." "Unsinn", brummt Georg. Natürlich dürfe man sammeln, allerdings nur mit Genehmigung der Grundbesitzer - und die sähen das nicht so gern. Mit dem Schild wehrten sie sich gegen professionelle Sammler, die hier regelmäßig nach der Schneeschmelze auftauchen, angelockt von Berichten über Funde von Bergkristall, Granat und - Gold.

Schon die Römer wussten davon, im 14. und 15. Jahrhundert wurde das Edelmetall sogar in großem Stil abgebaut. In dieser Zeit haben die umliegenden Berge wohl auch den Namen Goldberggruppe erhalten.

Wer sich heute als Goldgräber versuchen will, sollte sich ins benachbarte Kleine Fleißtal begeben, empfiehlt Ute Zaworka von der Kärnten Werbung: "Dort gibt es eine richtige Goldgräberstadt, und es wird auch ein bisschen nachgeholfen."

Schön und gut, aber wir suchen ja kein Gold, sondern Steinböcke. Mittlerweile haben wir das Naßfeld erreicht, eine feuchte Wiese auf 1.890 Metern Höhe. Georg Granig baut Stativ und Spektiv auf. Kurz darauf ruft er: "Da hinten hab' ich was entdeckt." Wir dürfen selbst nachschauen, aber niemand kann etwas entdecken. "Ach, ihr habt keine Fantasie", murmelt der Ranger und gibt Anweisungen: "Hinter der hohen Lärche, ein bisschen weiter links, über dem Felsen ..." Nein, niemand sieht etwas.

Der Wanderführer verrückt das Stativ. Neuer Versuch. "Da, über dem Schneefeld, eine junge Geiß!" Will er uns veralbern? Keine Geiß ist zu sehen, vom Bock ganz zu schweigen. "Direkt im Graben, einen Finger nach rechts", weist Georg an. Tatsächlich, da bewegt sich etwas. Nicht eine Geiß, sondern zwei und ein Kitz dazu fressen sich offenbar friedlich satt. Mit bloßem Auge nicht zu erahnen, im Objektiv dagegen deutlich auszumachen. Und als wäre das noch nicht genug, nähern sich von rechts vier weitere Jungtiere. Wie die Profis klettern sie an dem steilen Hang entlang. "Steinböcke können vom ersten Tag an laufen und sind echte Kletterspezialisten" sagt Georg. "Das verdanken sie ihren kräftigen Beinen, elastischen Sohlen und den tief gespaltenen Hufen - sie können beide Zehen einzeln bewegen." So sieht also ein Mythos in echt aus.

Menschen sind seit Generationen fasziniert vom Steinbock. Er gilt als eines der ältesten Sternzeichen, dem Tier selbst werden universelle Kräfte zugesprochen. Das Pulver aus den Hörnern soll gut gegen Schwindel und Vergiftungen helfen, das Blut gegen Durchfall und der Kot gegen Gelenkschmerzen. Also wurde der Steinbock gejagt, wo es nur ging. Bis es ihn nicht mehr gab. Nicht im Fleißtal, nicht in den Hohen Tauern, nicht in den Alpen.

Mit einer Ausnahme: Im italienischen Aostatal wurden Mitte des 19. Jahrhunderts die letzten 100 Tiere unter Schutz gestellt. Weil der Export verboten war, schmuggelten die Schweizer ein paar Tiere über die Grenze und züchteten ihre eigenen Herden. So kehrte der Alpensteinbock - nunmehr offiziell - im Jahre 1960 auch nach Kärnten zurück. Und hier fühlt er sich richtig wohl. Wir haben es mit eigenen Augen gesehen.

Zu den Böcken 

Anreise: Mit dem Auto von Chemnitz nach Heiligenblut rund 760Kilometer.

Ranger-Tour: Die halbtägige mittelschwere Tour zu den Steinböcken startet vom 27. Dezember 2022 bis 4. April 2023 jeden Dienstag, 9.30 Uhr, an der Mittelstation der Großglockner Bergbahnen. Erwachsene 20 €, Kinder 13 € zzgl. Bergbahnticket.

Tipp: Sehr empfehlenswert ist ein Besuch im "Haus der Steinböcke" in Heiligenblut. Ab 15. Dezember täglich außer mittwochs von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Erw. 10 €, Kinder 5 €.

Sparen: Mit der Kärnten Card sind viele Erlebnisse wie Bergbahnen, Hallenbad und Museen - auch das Haus der Steinböcke - kostenfrei. Die Karte kostet für eine Woche 49 €/26 €.

Die Recherche wurde unterstützt von der Österreich Werbung und Kärnten Werbung.

www.nationalpark-hohetauern.at

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