Polens Norden entdecken

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Einige der schönsten Ziele unseres Nachbarlandes findet man im überwiegend flachen Norden. Geprägt wird er vor allem durch die Ostseeküste, Tausende von Seen mittelalterliche Bauten und weitläufige Waldgebiete.

Stellen Sie sich vor, Sie fahren übers Land - vorbei an Wäldern, Wiesen, Feldern. Hier und da ein Haus mit Störchen drauf. Dazwischen immer wieder mal ein Fluss, ein Blick aufs Meer mit Leuchttürmen und Schiffen, vor allem aber jede Menge Seen. Und dann, wie aus dem Nichts, steht da vor Ihnen plötzlich eine Kirche oder Burg aus rotem Backstein, im besten Falle auch ein Elch. Denn ja: Sie sind im Norden Polens.

Etwa ein Viertel der gesamten Landesfläche nehmen die vier nördlichsten der 16 Woiwodschaften ein. Ihre Namen wie auch Grenzen orientieren sich an historischen Kulturlandschaften: Westpommern, Pommern, Ermland-Masuren und Podlachien. Wer auf Meer fixiert ist, würde das Quartett in dieser Reihenfolge vielleicht so erklären: viel Ostsee, viel Ostsee, wenig Ostsee, keine Ostsee. Historisch betrachtet, wäre dieser letzte, auf Podlachien bezogene Kommentar jedoch nicht ganz korrekt. Zwar hat die Region im äußersten Nordosten tatsächlich keinen Anschluss an das Mare Baltikum. Doch in der Vergangenheit hinterließ das junge Meer auch hier prägnante Spuren.

Neben eiszeitlichen Seen ist das vor allem die Moränenhügelkette des Baltischen Landrückens, der sich südlich der Ostsee wie ein Wall von Jütland bis nach Estland zieht und somit ebenso durch den kompletten Norden Polens. Die Ostsee also ist der rote Faden, der diesen vielfältigen Landstrich überspannt. Und doch dreht sich auch vieles hier um Wälder, Seen und Flüsse, mittelalterliche wie moderne Städte, viel Kultur und spannende Geschichte - wie etwa am Frischen Haff ganz im Osten Polens.

Durchs Buchenlaub am Wegesrand blitzt helles Blau. Gehört es noch zum Himmel oder schon zum Meer? Die Freude darauf, in die Weite dieser stillen Landschaft einzutauchen, treibt voran. Verlässt man die Stadt Elbing (Elblag) Richtung Norden, geht es bald bergauf. Man schaut nach unten durch die Bäume und sieht Wasser. Es ist die Elbinger Bucht, das lang gestreckte, breite Mündungsbecken des Flusses Elbing und erstes Stück des Frischen Haffs.

Die schönste Art, das hügelige Waldland zu erkunden, ist eine Fahrradtour. Nicht umsonst nimmt Polens längster Radweg Green Velo (2000 Kilometer) hier seinen Anfang. Auf und ab führt er zunächst durch das Naturschutzgebiet Elbinger Bucht, dann durch den Landschaftspark Elbinger Höhe. Aus bis zu 200 Metern schaut man hier auf den blauen Horizont. Dahinter liegt Cadinen (Kadyny), bekannt für sein herrschaftliches Gut, seit 1899 Sommerresidenz des letzten deutschen Kaisers. Wilhelm II. gründete hier ein Gestüt für Trakehner und Holsteiner sowie eine Majolika-Manufaktur, in der unter anderem Wandfliesen für den Hamburger Elbtunnel und Berliner U-Bahnhöfe hergestellt wurden. Die Residenz, bis 1945 im Eigentum der Familie von Hohenzollern, dient heute ebenso wie andere historische Gebäude als Hotel. Trotz des dort gepflegten Komforts blieb - wie zu Kaisers Zeiten - der dörfliche Charakter des kleinen Ortes erhalten. An seinem südöstlichen Rand liegt das hügelige Naturschutzgebiet Cadiner Wald - und mittendrin das wiederaufgebaute und von Mönchen bewohnte Franziskanerkloster.

Das Schönste an Cadinen ist sein langer Strand am Haff, der dank windgünstiger Lage ein beliebter Platz für Surfer ist. Er erstreckt sich bis zum Hauptort Tolkemit (Tolkmicko). Dessen bescheidener Seehafen, am polnischen Teil des Frischen Haffs immerhin der größte, dient dem Fischereiverkehr sowie als Ankerplatz für Segelboote und kleine Jachten.

Die schönste Aussicht der Region bietet sich in Frauenburg. Über ziegelrote Dächer, eingefasst von grünen Kronen alter Bäume, schweift der Blick aus 70 Meter Höhe in die Ferne. Vor dem Betrachter liegt das Frische Haff. Im gleichen Blau wie dieses, nur etwas dunkler, erscheint am Horizont die Silhouette eines hohen Ufers: der Hügelwald der Frischen Nehrung. Großzügig betrachtet, gestaltet sich das Bild wohl so, wie Nikolaus Kopernikus (1473-1543) es schon genau an dieser Stelle sah und liebte. Sogar der alte Fischerhafen wird gerade wieder aufgebaut.

Genoss der Arzt und Astronom die Aussicht einst allein und blickte nachts von hier auf Sterne und Planeten, steht sie heute allen offen - auf der Panoramaterrasse des Radziejowski-Glockenturms aus dem 15. Jahrhundert. Ein Nachbau des Foucaultschen Pendels, das dem Wissenschaftler bei der Arbeit half, ist heute darin ebenso zu sehen wie ein Planetarium. Nebenan in seinem Wohnturm forschte der Gelehrte und gelangte zur Erkenntnis, dass sich die Erde um die Sonne dreht - ausgerechnet hier in Frauenburg (Frombork), das, wie er einmal schrieb, "im hintersten Winkel der Welt" liege.

Eine prima Basis, Stadt und Umland zu erkunden, ist das Hotel Kopernik. Besonders Fahrrad-Enthusiasten sind hier in besten Händen. Denn das freundliche Eigentümerpaar Anna und Andrzej Piotrowiak (er ist preisgekrönter Radsportler), hilft Gästen gern beim Planen ihrer Routen und stellt Räder zur Verfügung - etwa für eine Tour am Haff entlang.

Über Rosenort (Rózaniec) mit einem Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert und vielen wilden Brombeerbüschen ringsherum kommt man nach Neu Passarge (Nowa Pasleka). Das Fischerdorf mit Zugbrücke und Segelhafen hat Gästehäuser und zwei Restaurants. Über Jahrhunderte war es geteilt. Der Fluss Passarge, der hinterm Hafen Pfahlbude (Ujscie) ins Haff mündet, trennte Alt und Neu Passarge als Landesgrenze zwischen dem Kreuzordensstaat und Ermland beziehungsweise Polen. Der Green-Velo-Radweg folgt dem Flussverlauf rückwärts durch weites Auenland mit Wiesen und Feldern bis nach Braunsberg (Braniewo). Die im 13. Jahrhundert gegründete Stadt war einst Hauptstadt Ermlands.

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