Arbeiten für lau?

Nicht alle Praktikanten bekommen Mindestlohn - Warum sie trotz Gesetz auch leer ausgehen können, erklärt ein sächsischer Rechtsanwalt

Nach der Verabschiedung des Mindestlohngesetzes gelten volljährige Praktikanten seit diesem Jahr als Arbeitnehmer. Sie arbeiten eine begrenzte Zeit zur Vorbereitung auf ihren Beruf in einem Unternehmen, haben aber noch keinen Lehrabschluss. Obwohl er auch Praktikanten zusteht, bekommen sie nicht immer Mindestlohn. Der Dresdner Fachanwalt Stefan Kreuzer sagt im Gespräch mit Gabriele Fleischer, welche Voraussetzungen nötig sind.

Freie Presse: Hat tatsächlich jeder Praktikant Anspruch auf Mindestlohn?

Stefan Kreuzer: Nein, der Gesetzgeber hat Fälle definiert, in denen das Unternehmen keinen Mindestlohn zahlen muss. Bei Pflicht- oder freiwilligem Praktikum bis zu drei Monaten besteht kein Anspruch auf Vergütung. Das soll unter anderem gewährleisten, dass zum Beispiel Studenten genügend Praktikumsplätze zur Verfügung stehen. Oft verpflichten Schulen und Hochschulen zu Praktika. Daneben kann der Praktikant bei dem Unternehmen auch ein freiwilliges Praktikum ableisten, das am Stück oder in einzelnen Abschnitten durchgeführt nicht mehr als drei Monate dauern darf. Studenten können das für die Anfertigung ihrer Bachelor- oder Diplomarbeit nutzen.

Was ist mit dem Mindestlohn, wenn der Praktikant länger im Unternehmen tätig ist?

Liegt keine der gesetzlichen Ausnahmen vor, muss das Unternehmen dem Praktikanten Mindestlohn bezahlen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn der Praktikant zum Beispiel bei einem freiwilligen Praktikum die Zeit dafür um mehr als drei Monate verlängert. Für den vierten, fünften oder sechsten Monat muss das Unternehmen dann in jedem Fall Mindestlohn zahlen.

Führen mehrere Praktika beim selben Arbeitgeber automatisch zum Mindestlohn?

Nein. Der Praktikant kann beim selben Arbeitgeber zunächst ein Orientierungspraktikum ableisten, nach Aufnahme seines Studiums das Pflichtpraktikum in Abhängigkeit von der Studienordnung und im Anschluss ein höchstens dreimonatiges freiwilliges Praktikum. In diesem Fall muss das Unternehmen noch keinen Mindestlohn bezahlen.

Viele Unternehmen suchen Praktikanten, um so vakante Stellen abzufangen. Ihre Begründung ist, dass sich die jungen Leute so gezielt auf einen Beruf vorbereiten können? Ist das rechtens?

Das ist in der Regel zulässig, weil Unternehmen und Praktikant auf den gegenseitigen Wissensaustausch angewiesen sind. Anders ist es im Fall eines Scheinpraktikums, das lediglich der verdeckte Mantel für ein tatsächlich praktiziertes Arbeitsverhältnis ist. Hier liegt in Wahrheit ein echtes Arbeitsverhältnis vor. Dem Scheinpraktikanten steht deshalb eine Vergütung in Höhe des Mindestlohnes zu.

Was kann ein Betroffener tun, um sein Recht einzufordern?

Der Praktikant sollte bereits bei seiner Bewerbung darauf hinweisen, welche Art von Praktikum er leisten will. Das Unternehmen weiß dann, ob es zur Zahlung des Mindestlohnes verpflichtet ist. Gleichwohl werden in vielen Unternehmen Aufwandsentschädigungen gezahlt. Dafür gibt es keine gesetzliche Vorgabe. Sie können zwischen Unternehmen und Praktikant frei vereinbart werden. Nicht unüblich sind Aufwandsentschädigungen in Höhe von 400 bis 800 Euro brutto pro Monat.

Können Praktikanten ein Zeugnis verlangen?

Bei einem Pflichtpraktikum muss das Unternehmen eine Praktikumsbescheinigung zur Vorlage bei der Schule oder Hochschule ausstellen. Auch bei einem freiwilligen Praktikum kann ein qualifiziertes Zeugnis verlangt werden. Dies ist oft nicht bekannt, steht aber in Paragraf 26 des Berufsbildungsgesetzes.

Müssen Praktikanten Nachtschichten und Wochenendarbeit mitmachen?

Beim Pflichtpraktikum kommt es darauf an, ob Nachtschichten und Wochenendarbeit typisch für das Berufsbild sind, so wie bei Polizei und Feuerwehr. Bei einem freiwilligen Praktikum richtet es sich danach, was Praktikant und Unternehmen im Praktikantenvertrag vereinbart haben.

Haben Praktikanten überhaupt Anspruch auf einen Arbeitsvertrag?

Ja, aber ein schriftlicher Praktikumsvertrag ist nicht zwingend, jedoch empfehlenswert, um Klarheit über die konkreten Arbeitsbedingungen zu haben.

Haften Praktikanten für Schäden, die sie verursachen?

Ja, Praktikanten haften auch für die Schäden, die sie verursachen, wie jeder Arbeitnehmer.

Dürfen Praktikanten mit zu Betriebsversammlungen?

Praktikanten gelten in der Regel als Arbeitnehmer im Sinne des Betriebsverfassungsgesetzes und dürfen deshalb an Betriebsversammlungen teilnehmen.

Steht ihnen Urlaub zu?

Bei einem Pflichtpraktikum steht dem Praktikanten kein gesetzlicher Urlaub zu. Der Praktikant, der ein freiwilliges Praktikum leistet, hat aber Anspruch auf den gesetzlichen Mindesturlaub. Das sind vier Wochen bei einer Fünf-Tage-Woche, der ihm anteilig zu gewähren ist.

Ob ein Praktikum mit dem Mindestlohn zu vergüten ist, lässt sich mithilfe des Klickpfades auf der Webseite schnell überprüfen.

www.freiepresse.de/praktikum

Zur Person

Dr. Stefan Kreuzer ist Anwalt im Wirtschafts- und Arbeitsrecht in Dresden. Seit 1989 gehört er zur Kanzlei DR Kreuzer & Coll, die neben Dresden ein Büro in Nürnberg betreibt. Seit 1993 leitet er die Dresdner Niederlassung. Kreuzer hat einen Lehrauftrag am Landgericht Dresden und an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden.

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