Auf dem Dach von Slowenien

Jeder Slowene will einmal in seinem Leben auf dem Triglav stehen. Jetzt habe ich es auch geschafft - dank einer starken Frau.


Es ist 20.30 Uhr. Draußen ist es finster. Total erschöpft sacke ich auf einer Bank in der Kredarica-Hütte zusammen. Glückshormone durchströmen meinen Körper, ich bin den Tränen nah. Elizabeta Hlede setzt sich neben mich und fragt, ob ich denn morgen früh, zum Sonnenaufgang, noch mal auf den Triglav möchte. Gerade liegt ein elfstündiges Martyrium hinter mir, und ich versuche herauszufinden, ob es diese Frau wirklich ernst meint. Offensichtlich ja, denn da ist wieder dieses Strahlen in den Augen, das die Bergführerin bekommt, wenn nur der Name Triglav fällt.

Alles begann am Vormittag im Skiausbildungslager Rudno Polje (1350 Meter) mit Lizas Frage: Hast du einen Helm dabei? Ja. Einen Gurt? Ja. Eine Taschenlampe? Äh, nein. Dass mir gerade dieses Accessoire später zum Verhängnis werden soll, konnte ich mir in diesem Moment nicht vorstellen.


Liza nimmt mich trotzdem mit - über steil ansteigende Waldwege, feuchte Bergwiesen, steinige Serpentinenpfade bis auf einen Kammweg, unter dem ein weites Tal noch unter einer dicken Wolkendecke schläft. Die Slowenin, die ansonsten Bergsteiger auf den Elbrus im Kaukasus oder auf den Großglockner in Österreich führt, kennt diese Gegend wie ihre Westentasche. "Dort unten hatte Tito seine Jagdhütte, er ist gern im Triglav-Nationalpark gewesen", sagt sie. Dann zeigt sie auf unser Wanderziel: den Triglav, Sloweniens höchster Berg.

Wie oft sie denn schon auf dem Gipfel war? Das könne sie nicht sagen. Sie liebe diesen Berg. Immer, wenn sie in der Nähe ist, will sie auch hoch, erzählt die 52-Jährige - als ob das ein kleiner Hüpfer wäre.


Erste Rast in der Hütte Vodnikov Dom. Ich treffe Gasper Kramar. Der Slowene erzählt mir, dass er in etwas mehr als einem Jahr 90 Kilogramm abgenommen habe - um einmal im Leben auf dem Triglav zu stehen. Mit diesem Ziel ist er einer von zwei Millionen. Denn jeder Slowene, sagt Liza, möchte einmal in seinem Leben diesen Berg bezwingen.

Wir essen eine Buchweizensuppe mit Wurst, dann geht es weiter. Nach vier Stunden strammen Berganlaufens erreichen wir unser Nachtlager. Die Hütte Kredarica steht auf 2515 Metern Höhe, rund 350 Meter unterhalb des Gipfels. Liza fragt mich, ob ich denn gleich noch am Abend hochgehen will, der Sonnenuntergang sei oben wunderschön. Nach dem langen Bergmarsch habe ich zwar ziemlich schwere Füße. Aber morgen früh auf den Gipfel und dann die ganze Strecke bis zum Ausgangspunkt unserer Tour zurück, das sind auch keine guten Aussichten.


Also los. Vor uns thront ein monströser Felskoloss, auf dem sich winzige Farbpunkte wie Ameisen bewegen. Die Bergsteiger sind schon dort, wo ich noch hinmuss. Aber will ich das wirklich?

Egal, nicht viel nachdenken, einfach laufen - bis die Wand vor mir nahezu senkrecht nach oben führt. Ich lege den Klettergurt an und setze einen Helm auf. Der ist wegen herabfallender Steine ein Muss.

Ein Karabiner mit Schlinge sichert mich an einem Drahtseil, während ich mich an Griffen im Kalkfelsen nach oben ziehe. Die Füße suchen Halt auf den rutschigen Tritten. Der Ansturm hat den Kalkstein an manchen Stellen in Marmor verwandelt. Liza sagt, dass es weiter oben stellenweise so glatt war, dass man Strukturen in den Stein geschlagen hat, damit die Bergsteiger nicht abrutschen. Halleluja.


Ich zittere mich weiter nach oben. An Passagen, an denen das Drahtseil endet und man ein Stück ohne Sicherung überbrücken muss, frage ich mich, wie ich hier später wieder runterkommen soll. In Gedanken sehe ich mich schon an einem Seil hängen, das in einen Rettungshubschrauber gezogen wird.

Dann stehen wir vor einem schmalen Grat. Links und rechts geht es mehrere hundert Meter steil nach unten. Keine Sicherung, etwa 20 Meter lang. Ich balanciere und zähle die Schritte. Nur nicht zur Seite schauen. Noch drei Schritte, zwei, eins - und ich habe wenigstens wieder eine Eisenstange zum Festhalten. Liza lobt mich für meine Tapferkeit. "Super", ruft sie und streckt den Daumen nach oben.


18.30 Uhr. Endlich, wir sind oben. 2864 Meter hoch. Erste Amtshandlung: Triglav-Taufe. Die fällt bei den Slowenen gewalttätig aus. Das "Opfer" muss sich an der Tür der Schutzhütte festhalten und bekommt Schläge aufs Hinterteil - so viele, wie man Lebensjahre auf dem Buckel hat. Mit Liza einige ich mich auf symbolische drei. So, nun bin ich ein echter Triglaver und kann die Aussicht genießen.

Der Ausblick ist grandios. Kleine Wolkendecken umhüllen die anderen Berge, als wollten sie die Täler darunter für die Nacht einkuscheln. Die Bergspitzen laben sich am warmen Licht der untergehenden Sonne. Ich feuere mit meiner Kamera drauflos.


Und plötzlich taucht Gasper Kramar wieder auf. Er hat den längeren, aber etwas leichteren Weg über die Südseite genommen. Schwitzend und mit einem Lächeln schiebt sich der Slowene die letzten Meter auf den Gipfel und fällt seinem Freund um den Hals. Respekt.

Für Liza und mich ist jetzt der Moment des Rückweges gekommen, der Moment, den ich bisher versucht habe zu verdrängen. Noch gibt es ein wenig Streiflicht, mit Konzentration sind die Tritte auf dem Weg zu erkennen. Liza geht vor, ich folge ihr rückwärts, die Hände fest an den Stahlseilen.


Bis wir wieder den ungesicherten Pfad über den Grat erreichen. Meine Kraftreserven sind nahezu aufgebraucht, auch die Psyche ist nicht mehr sonderlich stark. Also bleibe ich erst mal stehen. Ich bin ein erfahrener Kletterer, allerdings ein Sicherheitsfanatiker. Wenn ich an einem Felsen in der Sächsischen Schweiz vorsteige, dann versuche ich auf jedem halben Meter eine Knotenschlinge in einen Felsriss zu bohren. Aber hier ist nun überhaupt nichts. Ich kann einfach nicht anders, als auf allen vieren zu kriechen. 20 Meter weit.


Nun bricht die Dunkelheit über uns herein. Liza sagt, ich solle mir keine Sorgen machen. Sie steigt zwei, drei Meter vor und leuchtet mir dann den Weg aus. Das Ganze läuft irgendwann darauf hinaus, dass die Bergführerin meinen Fuß an die richtige Position setzt. Ich lasse mich auf dieses Spiel ein. Mittlerweile bin ich auch ganz froh, dass ich nichts mehr sehe - und auch sonst niemand dieses Theater zwischen der Frau und dem ängstlichen Deutschen beobachten kann. Nur das heimelige Licht der Berghütte zeigt an, wie wir Höhenmeter um Höhenmeter verlieren - allerdings sehr, sehr langsam. Liza jedenfalls ist noch topfit, erzählt, dass sie schon oft im Dunkeln auf den Triglav rauf- und wieder runtergeklettert ist. Ich glaube, sie könnte den Berg mittlerweile blind bezwingen.

Als wir nach über einer Stunde in der Hütte angekommen sind, frage ich sie, ob sie sich denn gar keine Sorgen um mich gemacht habe. Mit einem Lächeln antwortet sie: "Nein, Christian." Auf den ersten Metern habe sie getestet, ob ich ein guter Kletterer bin. Falls nicht, wäre sie gar nicht erst gestartet. "Du hast das super gemacht", sagt Liza und reckt wieder den Daumen hoch. Meint sie das jetzt wirklich ernst?



Viele Wege zum Gipfel 

Anreise: Von Chemnitz bis zum Triglav-Nationalpark sind es mit dem Auto rund 750 Kilometer.

Geld: In Slowenien zahlt man mit Euro. Die Preise sind etwas günstiger als in Österreich.

Auf den Gipfel: Es gibt viele Routen auf den Gipfel, die kürzeste beginnt im Krma-Tal, eine häufig begangene im Vrata-Tal. Der schönste und längste Aufstieg geht durch das Sieben-Seen-Tal.

Zur Ausrüstung gehören Licht, wetterfeste und atmungsaktive Sachen, Trinkflasche, Helm, Klettersteigset, Müsliriegel, Erste-Hilfe-Set, Handy.

Die Reise wurde unterstützt von www.slovenia.info


Weitere Fotos vom Triglav-Aufstieg

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