Auf der Lauer

Die Aussicht, seltene Tiere in wilder Natur zu be- obachten, macht Namibia zum Sehnsuchtsziel. Auf Safari durch ein Stück Afrika, das auch ein bisschen deutsch ist.

"Der Leopard muss jetzt ganz in der Nähe sein", flüstert Gerd und mahnt zur Ruhe: "Nicht von den Sitzen aufstehen. Keine Arme aus dem Safari-Auto rausstrecken!" Seine Erkenntnis verdankt der Ranger einer Antenne, die er prüfend gen Himmel hält. Der Leopard trägt ein Halsband, mit dem Gerd ihn orten kann. Zu gering wäre sonst die Chance, das seltene Raubtier auf 200 Quadratkilometern zu Gesicht zu bekommen.

Das Gelände im Norden Namibias gehört der Stiftung Africat, die die Großkatzen erforscht und sich um ihren Erhalt bemüht. Denn Wilderer wollen ihnen ans Fell. Farmer töten sie, wenn sie ihre Bestände bedroht sehen. Namibia hat deshalb schon mehr als 40 Prozent seines Territoriums unter Schutz gestellt.

Die Aussicht, wildlebende Tiere in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten, macht das Land für Touristen so anziehend. Und es kommen immer mehr - fast 300.000 im Jahr allein aus Europa. "Luxus bedeutet heute nicht mehr, in teuren Hotels abzusteigen, sondern intensiv die Natur zu erleben", sagt Tourismuschef Matthias Lemcke.

Namibia erfüllt dabei perfekt das Klischeebild, das von Filmen wie "Jenseits von Afrika" genährt wird. Es ist Sehnsuchtsziel für all die Ausgebrannten, die der Hektik der Großstadt oder ihrem überfrachteten Alltag entfliehen wollen. Sie sitzen neben Gerd im offenen Allradfahrzeug und starren gebannt auf das kniehohe Gras, das sich goldgelb im Wind wiegt. Versteckt sich dort ein Leopard? "Sorry Leute", sagt Gerd, "der muss in das trockene Flussbett dort hinten abgetaucht sein. Ich empfange ihn nicht mehr."

Das klassische Ziel für Tierbeobachtungen ist in Namibia der Etosha-Nationalpark. Von der Hauptstadt Windhoek führt ein über 400 Kilometer langes Asphaltband zu einem der vier Eingangstore: Rechts und links des Weges nichts als Gras und Dornenbüsche. Erde und Himmel küssen sich am Horizont. Namibia ist ein weites Land. Auf einer Fläche zweieinhalb mal so groß wie Deutschland leben nur 2,3 Millionen Menschen.

Die Fahrt zum Etosha-Park dauert reichlich vier Stunden. Am Tor verlangt der Ranger 80 Namibia-Dollar pro Person - umgerechnet etwas mehr als fünf Euro. "Das bleibt nicht so billig", sagt Mark, der Gästeführer. "Im Januar steigen die Preise."

Hinter dem Tor wird die Piste bald staubig. Die Dornenbüsche haben ein weißes Kleid an. Denn Herzstück des Parks, der größer als Sachsen ist, ist ein ausgetrockneter Salzsee. Die Besucher kommen mit Mietauto - einem SUV am besten, weil man dann besser sieht. Viele Lodgen bieten morgens und nachmittags Touren im offenen Geländewagen an. Der Aufpreis lohnt sich, weil hinter geschlossenen Fensterscheiben das wahre Safari-Gefühl nicht so recht aufkommen will. Zudem verständigen sich die Profi-Fahrer untereinander, wo es spektakuläre Tiere zu gucken gibt. "Lion - ein Löwe", knarzt es aus dem Funkgerät. Leider knapp 50 Kilometer westlich.

Etwa 500 Löwen leben heute im Nationalpark. Wenn sie im hohen Gras auf der Lauer liegen, sind sie kaum zu erkennen. "Siehst Du die Zebras da drüben, wie sie unruhig werden?", sagt Mark. "Da muss eine Großkatze in der Nähe sein." Die Gestreiften lösen anfangs noch Bewunderungsrufe aus. Doch weil es so viele Zebras gibt, werden sie irgendwann so interessant wie Kühe auf einer bayerischen Weide. Ebenso die Springböcke oder Perlhühner, die fast schon lebensmüde vor den Autos herflattern. Die meisten Touristen wollen Fotos von den "Big Five" als Trophäen mit nach Hause bringen: Elefant, Nashorn, Löwe, Leopard und Büffel. Doch Letztere gibt es im Etosha gar nicht.

Ein Reisebus zieht eine Staubfahne hinter sich her. Als rechts eine Herde Oryx-Antilopen auftaucht, springen alle Menschen links im Bus von ihren Sitzen auf, um auch ein Foto zu erhaschen. Mark nennt solche Touren spöttisch Buffetsafaris, weil Masse nicht so recht zum klasse Tiererlebnis passen will.

Mittags lädt der Bus die Insassen im Rastlager Halali aus, wo sie sich preisgünstig an Schüsseln mit Salaten und Fleisch laben können. Das Halali ist eines von fünf Camps im Etosha-Park, in denen man übernachten kann. Alle anderen Besucher müssen bis Sonnenuntergang raus. Die Camps sind staatlich geführt. Und das merkt man auch. Im Vergleich zu privaten Gästefarmen und den stilvollen Lodges rings um den Nationalpark wirkt hier alles etwas liebloser. Da blättert der Putz, dort bleibt die Dusche kalt. Und die Bedienung hat Mühe, den Ansprüchen der Gäste gerecht zu werden.

Zwar wurde die Apartheid in Namibia vor knapp 30 Jahren abgeschafft. Doch wenn man sich mit weißen Einheimischen unterhält, kommt schnell der Unmut darüber hoch, dass das Land mit etwas mehr Disziplin, Ordnung und Ehrgeiz wirtschaftlich schon viel weiter sein könne. Mit deutschen Tugenden, wie sie die etwa 20.000 Deutschnamibier auch über 100 Jahre nach Ende der Kolonialzeit noch hochzuhalten versuchen.

So wie Christel Thronn beispielsweise, die in einem Heimatmuseum in Tsumeb aushilft. Am Eingang steht eine alte Lok aus deutschem Stahl, am Ausgang gibt es Postkarten mit dem Südwesterlied. Thronn, deren Vater vor den Nazis floh, spricht akzentfrei Deutsch und schaut abends deutsches Fernsehen. "Da fallen jetzt so viele englische Worte. Ich verstehe gar nicht, dass da niemand einschreitet", sagt sie und rückt ihre weiße Bluse grade.

In Namibia sind die deutsche Sprache und Kultur in Form von Backsteinkirchen, Kriegerdenkmalen und Schwarzwälder Kirschtorte noch immer weitverbreitet. Dabei leben in dem Land 13 Völker, die unterschiedlicher kaum sein könnten: von den Ureinwohnern, den Buschmännern, über die bunt gekleideten Herero bis zu den Himba, deren Frauen heute noch oben ohne gehen. Genauso vielfältig wie die Menschen ist die Landschaft: Küste, Wüste, Sanddüne, Canyon, Nationalparks. "Die meisten machen den Fehler und wollen alles sehen - und sitzen dadurch stundenlang im Auto", sagt Tourismuschef Lemcke. Besser sei es, sich auf eine Attraktion zu konzentrieren.

Auf den Etosha-Park zum Beispiel, dem Topziel für Naturfreunde. Die meisten kommen zwischen Juli und Oktober, weil in den Reiseführern steht, dass dann besonders viele Tiere zu den Wasserlöchern wandern. "Doch Namibia ist mit 300 Sonnentagen ganzjährig interessant", sagt Tourismuschef Lemcke, "und der Nationalpark reich an Tieren." In der Regenzeit von Januar bis April schießt das Grün, auch wenn der Niederschlag oft dürftig ausfällt. Und im Mai und Juni ist es tagsüber noch nicht so heiß.

Sobald sich die Sonne über der Salzpfanne senkt, schreiten die Giraffen durch die Ebene. Ein seltsames Hochgefühl breitet sich aus, wenn sie geschickt mit ihrer langen Zunge an den dornigen Akazien zupfen. Oder wenn die Elefanten ihre Rüssel in eine Pfütze tauchen und die Kälbchen wie die Kleinkinder bei der Mutter Schutz suchen. Manchmal wagt sich sogar ein Spitzmaulnashorn aus dem Busch - in Zeitlupentempo, als wolle es sichergehen, dass nicht sein einziger Feind in der Nähe lauert: der Mensch, der für das Horn tötet. Die Kolosse werden im Etosha-Park streng bewacht. "Trotzdem verschwinden jedes Jahr Dutzende. Und keiner will etwas gesehen haben", sagt Mark.

Auf der Africat-Farm, etwas weiter südlich, hat nun auch die Safari-Gruppe von Gerd ihr Erfolgserlebnis. "Hört Ihr den Vogel rufen?", fragt der Ranger. "Ein Warnsignal. Er kommt!". Leise zücken alle ihre Kamera. Nur der Herzschlag hämmert in der Stille. Der Leopard wagt sich aus dem Gebüsch, fixiert den Wagen - und schreitet unbeeindruckt weiter. Sein schwarz-braun getupftes Fell glänzt makellos. Kaum zu glauben, dass ein so schönes Tier als Mantel enden kann.

Zur Safari

Anreise: tägl. Non-Stop mit Air Namibia ab Frankfurt ca. 10 h bis Windhoek, u.a. fliegen auch Condor, Eurowings, Ethiopian, Qatar Airways.

Einreise: ohne Visum, Pass muss mind. 6 Monate gültig sein und 2 freie Seiten enthalten.

Impfungen: keine Pflicht, Malariaprophylaxe je nach Reisezeit und -gebiet.

Zeitverschiebung: keine.

Geld: 1 Euro = ca. 15,5 Namibia Dollar, abheben mit EC- und Kredit-Karte.

Preisbeispiel: Gruppenreise zwischen Etosha und Sossusvlei: 11 Tage ab 1650 Euro bei Diamir Erlebnisreisen, plus Flug ab ca. 700 Euro.

Infos: www.namibia-tourism.com

Die Reise wurde unterstützt von Diamir Erlebnisreisen.

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