Chicago und die neue Lust auf Bratwurst

Deutsche haben Chicago einst geprägt - und sie tun es heute wieder. Eine Reise zu Menschen, für die Traditionen aus der "Alten Welt" und der amerikanische Traum zusammengehören.

Worauf gründet ein Deutscher seinen amerikanischen Traum? Im Fall von Thorsten Lumbsch sind es Flechten. Ausgerechnet jene Mischung aus Pilz und Alge, mit deren Hilfe sich die Natur in unseren Breiten gern die Dächer zurückerobert, hat ihn nach Chicago geführt. Thorsten Lumbsch empfängt mich mit Kaffee und Keksen im Field Museum, einer der bedeutendsten naturhistorischen Sammlungen der Welt. Jahresetat: rund 50 Millionen Dollar. Wie dieser Batzen Geld eingesetzt wird, darüber hat Lumbsch ein gewichtiges Wort mitzureden. Denn der gebürtige Hesse, der hier als Kurator begann, ist nicht nur Flechtenforscher, sondern mittlerweileauch Vizepräsident des Museums.

In der öffentlichen Wahrnehmung, zumindest in Europa, ist Chicago nicht sonderlich positiv besetzt. Ein Moloch mit 2,7 Millionen Einwohnern, mit Wolkenkratzern und quietschender Hochbahn, eine Stadt, die im Winter froststarr ist und den US-Negativ-Rekord bei der Mordrate hält.

Wer Chicago besucht, erlebt etwas ganz anderes: eine internationale, quirlige, junge, kulturvolle, kreative und grüne Metropole. Nicht ohne Grund wird die drittgrößte Stadt der USA als Reiseziel immer beliebter. Und sie ist auch kein schlechter Ort zum Leben, sagt Thorsten Lumbsch. Sein Wohnviertel, Andersonville, ist beschaulich: geprägt von alten Ziegelhäusern und einer von Restaurants, Cafés und Bars gesäumten Hauptstraße. Und es ist nicht weit weg vom Strand des Michigan-Sees, der wie ein türkisfarbener Ozean vor Chicago liegt.

Als er 2003 seine erste Stelle im Field Museum antrat, habe er sich nie vorstellen können, dass er die Stadt einmal lieben würde, sagt Lumbsch. Auch wenn er die gewaltigen Unterschiede zwischen Arm und Reich nach wie vor schockierend findet. ebenso sei die oft berichtete Gewalt auf den Straßen keine Erfindung. Zur Wahrheit gehört aber: Sie spielt sich in zwei Problemvierteln ab, die kein Tourist auf seiner Sightseeing-Liste hat.

Der Vizepräsident des Field-Museums ist Teil der Einwanderer-Geschichte Chicagos, die lange von Deutschen geprägt war. Wer etwas über die Zeit des stärksten Zuzugs erfahren will, ist bei Monica Jirak und Monica Felix richtig. Die beiden jungen Frauen repräsentieren das Dankhaus, ein deutsch-amerikanisches Kulturzentrum im Viertel Lincoln Square. "Dank" steht dabei für Deutsch-Amerikanischer National-Kongress. Diese Bezeichnung wirkt so angestaubt wie das kleine Museum im Haus, das mit historischen Vereinswimpeln, Zinndeckel-Bierkrügen, Pickelhauben und vergilbten Fotos an die Blüte der deutschen Kultur in Chicago im 19. und frühen 20. Jahrhundert erinnert.

Über eine halbe Million Chicagoer haben deutsche Wurzeln, schätzt man. Vor allem die Jüngeren sind wieder neugierig auf die Kultur ihrer Vorfahren, mit der die Stadt im Zweiten Weltkrieg nahezu komplett gebrochen hat. Dass ihr Museum eher einen verzerrten Eindruck von den Ahnen liefert, wissen die beiden Monicas. Deshalb helfen die rührigen Mitarbeiterinnen des Dankhauses mit Sprach- und Kochkursen, Ausstellungen zeitgenössischer Kunst und gern auch mal mit einer Fußball-Übertragung, um ein zeitgemäßes Deutschland-Bild zu vermitteln.

Vom Dankhaus sind es nur ein paar Schritte zur Hochbahn-Station Western Avenue, in deren Foyer ein Stück Berliner Mauer steht. Noch einmal um die Ecke, und man steht in der Lincoln Avenue vor "Gene's Sausage", einem kleinen Supermarkt mit beachtlichem Alte-Welt-Sortiment von Sarotti bis Sauerkraut. Frische Bratwurst gibt's in zehn verschiedenen Sorten aus der eigenen Fleischerei. Dass der Abstand zu Europa aber zu groß für Kleinstaaterei ist, weiß man spätestens nach dem Schwatz mit dem Inhaber. Der so deutsch wirkende Laden wird von einer polnischstämmigen Familie geführt.

Direkt gegenüber, im "Chopping Block" (Hackklotz), kann man alle erdenklichen Kochkurse buchen, darunter seit einiger Zeit auch deutsche Grillkunst. Kursleiter Hans Mooser stammt aus Hof, hat unter anderem in Hotels in Hamburg und London gekocht und zeigt den Amerikanern nun, wie man Bratwurst erhitzt. Die Kursteilnehmer an diesem Abend: ausnahmslos junge Leute mit deutschen Wurzeln. Sie schwärmen von Reiseplänen zum Oktoberfest, während sie Kartoffelsalat anrühren, die Würste auf den Gasgrills wenden und Bratäpfel für den Nachtisch vorbereiten. Wie es ihnen schmeckt? Ungewohnt, aber lecker. Fünf Sterne für Hans.

Gerade haben die Chicagoer eine Afroamerikanerin zur Bürgermeisterin gewählt. Das sagt viel aus über die Erwartungen an ihre Stadt: weltoffen, sozial, gerecht. Lori Lightfoot gehört dem linken Flügel der Demokratischen Partei an. Für die junge, urbane Bevölkerung symbolisiert sie das Gegengewicht zur Politik von US-Präsident Donald Trump.

Nicole Outrequin Quaisser hat den Namen Trump oft vor Augen. Er prangt in gigantischen Lettern am zweithöchsten Wolkenkratzer der Stadt, der sich direkt gegenüber ihres jüngsten Restaurants befindet, dem "Land & Lake Kitchen" am East Upper Wacker Drive. Nicole Outrequin Quaisser hat in Hamburg Hotelfachfrau gelernt, lebt seit 1993 in Chicago und leitet inzwischen gemeinsam mit ihrem Mann, einem Franzosen, ein kleines Gastro-Imperium. Sieben Restaurants und ein Catering-Unternehmen gehören zur LM Restaurant Group. Auch Nicole lebt ihren amerikanischen Traum. Sie könne sich nicht vorstellen, jemals wieder nach Deutschland zurückzugehen, sagt sie.

Für die Wirtschaft, bedauert die Gastronomin, sei Trump eine Katastrophe. Seine rigide Einwanderungs- und Aufenthaltspolitik mache es ihr immer schwerer, Arbeitskräfte für ihr 200 Mitarbeiter starkes Unternehmen zu finden. Hotels und Restaurants in Chicago beschäftigen generell viele Lateinamerikaner, die nun Probleme haben, eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Die Angst vor Ausweisung geht um.

Im Field Museum läuft zurzeit eine kleine Sonderschau. "Brewing up Chicago" zeigt, welche Rolle die vor allem deutschstämmigen Bierbrauer in der Entwicklung der Stadt im 19. Jahrhundert gespielt haben. Heute ist die Metropole bekannt für viele kleine Brauereien in alten, teils lange vernachlässigten Nachbarschaften, die von jungen Familien erobert werden. Auch so knüpft Chicago an seine Wurzeln an.

Sparen mit Pass

Hinkommen: Von Dresden und Leipzig fliegt Lufthansa mit Zwischenstopp in Frankfurt oder München nach Chicago. Hin- und Rückflug kosten zusammen ab rund 600 Euro.

Einreise: Neben dem Reisepass ist vorab eine Esta-Registrierung (auch für Kinder) erforderlich( 14 Dollar).

Essen: Die Stadt ist bekannt für Hot Dogs mit gekochter Rinderwurst und Senf statt Ketchup. Chicagos Gastro-Szene bietet aber viel mehr. Sie ist jung, kreativ und international.

Herumkommen: Mit dem Citypass (Erw. 108, Kinder 89 Dollar) spart man beim Besuch von fünf Attraktionen bis zu 50 Prozent und erhält zudem bevorzugten Eintritt.

Die Recherche wurde unterstützt von Choose Chicago.

Stadt mit Bohne

Chicago-Besucher kommen hoch hinaus oder fühlen sich auf dem Wasser ganz klein - sieben Tipps.

Entdecken: Kostenlose Führungen durch die Innenstadt, den Loop, bietet das Programm Chicagogreeter. Einwohner führen Gruppen von bis zu sechs Personen. Auf diese Weise entdeckt man Winkel, die man als Tourist nicht auf dem Schirm hat. Auch deutschsprachige Führungen sind möglich, buchen muss man mindestens zehn Tage im Voraus.

 

Wasser: Früher gehörten die Ufer des Chicago River in der Innenstadt der Industrie, mittlerweile erobern sich die Menschen den Fluss als Erholungsraum zurück. Ein Spaziergang auf dem baumgesäumten Riverwalk entschleunigt. Wer an sonnigen Tagen aufs türkisblau schimmernde Wasser will, leiht sich ein Kanu oder lässt sich die Wolkenkratzer-Landschaft während einer Architektur-Flussrundfahrt erläutern.

 

Kunst: Eine umfangreiche Impressionisten-Ausstellung und eine große Sammlung moderner Kunst von Picasso bis Pollock - im Art Institute of Chicago kann man gut einen halben Tag verbringen. Eintritt 25 Dollar, Kinder bis 13 Jahre frei.

 

Kinder: Beim Chicago-Trip mit Kindern ist das naturhistorische Field Museum ein Muss, ebenso lohnenswert ist ein Besuch im Shedd Aquarium und im Lincoln Park Zoo. Der Eintritt in den Zoo ist frei, Aquarium (40/Kinder 30 Dollar) und Field Museum (ab 24/ Kinder ab 17 Dollar) sind recht teuer. Hier lohnt es sich, über den Kauf eines Citypasses nachzudenken (siehe Kasten).

Whiskey: Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Chicago keine Destillerie. Bis die Behörden 2008 wieder eine erste Brenn-Lizenz erteilten. Seither hat sich "Koval" weltweit einen hervorragenden Ruf erarbeitet - vor allem mit Whiskey auf der Grundlage von Bio-Mais. Gründer Robert Birnecker stammt aus Österreich. Mittwochs, sonnabends und sonntags gibt es Destillerie-Führungen; wer das etwas andere Chicago-Mitbringsel sucht, wird im betriebseigenen Laden fündig.

 

Entspannen: Der Millennium Park ist eine interessante Mischung aus Kunst und Grün. Hier spiegeln sich die Wolkenratzer im berühmten Cloud Gate, einer Stahlskulptur, wegen ihrer Form bekannt als "Bohne". Und hier trifft man sich den ganzen Sommer über zu Konzerten, wobei der Eintritt stets frei ist - etwa beim Gospel- und beim Blues-Festival sowie beim Grant-Park-Music- Festival mit klassischer Musik.

www.choosechicago.com

 

Von oben: Die Aussichtsplattform "360 Chicago" des John Hancock Center im 94. Stock (22 Dollar) und die Glasbalkone des Willis (Sears) Tower im 103. Stock ("Sky Deck", 25 Dollar) bieten den besten Blick über die Stadt.

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