Der König ist tot, es lebe der K-Pop

Die koreanische Welle schwappt über die Welt. Wie sieht es dort aus, wo alles begann? Eine Reise ins Land der Morgenstille.

Wer hat den Größten? Die Frage drängt sich auf, und zwar umso mehr, je länger man durch den Tumuli-Park von Gyeongju spaziert. Nur: Die Antwort fällt dabei kein bisschen leichter. Denn hinter jedem Hügel taucht ein neuer Hügel auf. Als hätte ein Riese nach Belieben seine, nun ja, Haufen gesetzt. Oder die Natur ihrer Laune freien Lauf gelassen.

Tatsächlich trifft weder die eine noch die andere Hypothese zu. Die merkwürdige Hügellandschaft inmitten der einstigen Hauptstadt ist einzig und allein das Werk von Menschenhand. Geschaffen für Tote in einer längst vergangenen Epoche. Es sind die Gräber der Herrscher des Silla-Reiches, aus dem das heutige Korea hervorging. Und der Park mit seinen 23 Grabhügeln ist nichts anderes als ein gigantischer Friedhof.

Aber welcher König besitzt denn nun den größten Grabhügel? Die Archäologen haben nachgemessen. Und so muss man vom Nordeingang nur ein paar Schritte nach links gehen und steht vor einem wirklich beeindruckenden Hügel. Genau genommen ist es ein Doppelhügelgrab. 23 Meter hoch, 120 Meter lang und 80 Meter breit. Hier ruhen seit mehr als 1500 Jahren König Soji und seine Gemahlin. Möglicherweise hatte die Königin sogar noch mehr Einfluss auf das Reich als ihr Mann. Das legen zumindest Ausgrabungen nahe, wie Reiseleiter Charlie sagt: "Beim König fand man eine vergoldete Krone - die der Königin war aus purem Gold." Mehr als 30.000 Gegenstände bargen die Archäologen: Schmuck, Gefäße, Werkzeug. Und die Leiche einer lebendig eingemauerten Hofdame.

Eine sehr lange Zeit interessierte sich niemand für diese Geschichte. Die Dynastien kamen und gingen, Kolonialmächte pressten das Volk aus, Anfang des 20. Jahrhunderts machten sich die Japaner das Land untertan. Schließlich folgte die Teilung Koreas in zwei Staaten. Wer hatte da schon Interesse an grasbewachsenen Grabhügeln?

Grabräuber vielleicht. Aber deren Treiben wäre schnell aufgefallen. Einfach mal ein Loch buddeln, das funktioniert hier nämlich nicht. Das erfahren Besucher im Cheonmachong, dem Grabmal des Himmlischen Pferdes. Der Hügel ist zwar nur etwa halb so hoch wie das Doppelgrab gleich nebenan, und man weiß nicht mal, für wen er errichtet wurde. Dafür kann man ihn sogar von innen besichtigen. 1973 erforschten Experten die Konstruktion, trugen Schicht für Schicht ab und fügten anschließend wieder alles akkurat zusammen - nicht, ohne einen Zugang und einen großen Hohlraum zu schaffen.

Dort steht man nun vor einer Glasscheibe und staunt über den hölzernen Sarg, die hölzerne Truhe und die Sattelauflage mit dem Bild eines fliegenden Pferdes, das dem Grab seinen Namen gab. Die wertvollsten Grabbeigaben, darunter eine goldene Krone, sind nur Kopien; die Originale befinden sich im Nationalmuseum von Gyeongju. Mindestens genauso faszinierend ist der Blick auf die Wände. Hier kann man die ausgeklügelte Bauweise studieren. Über der Hohlkammer stapeln sich riesige Steine, darüber eine Lehmschicht und obenauf fünf Meter Erde. Da konnte in aller Ruhe Gras drüber wachsen.

Heute sorgt der Status des Weltkulturerbes dafür, dass die Silla-Herrscher ihre Ruhe haben. Der Schutz erstreckt sich übrigens nicht allein auf den Tumuli-Park. Über die ganze Stadt verstreut befinden sich weitere Grabhügel; etwa 180 sollen es sein, in der weiteren Umgebung gar über 1000. Die meisten sind aber eher klein, und auch dafür hat Reiseleiter Charlie eine Erklärung: "Mit der Verbreitung des Buddhismus zog Bescheidenheit ein."

Diese Bescheidenheit prägt das Land bis in die Gegenwart. Koreaner wie Charlie, der eigentlich Byeong-Cheol Gang heißt, nennen es fehlendes Selbstbewusstsein. Dabei hat Südkorea in den vergangenen 50 Jahren einen atemberaubenden Aufschwung erlebt. Das Land ist Weltmarktführer bei der Produktion von Schiffen und Halbleitern, Firmen wie Samsung, Hyundai und LG kennt man auf allen Kontinenten. Während man in Deutschland noch über mögliche Gefahren von 5G diskutiert, wird der Verkehr in Seouls City bereits mithilfe dieser Technik gesteuert.

Nicht so gern spricht man über die Schattenseiten dieser Entwicklung. So führt Südkorea die weltweite Statistik bei Selbstmorden an. Viele ältere Menschen sähen keinen anderen Ausweg mehr, wenn sie in der Regel mit 54 Jahren entlassen werden, erklärt Charlie. Und auch viele Jugendliche kapitulierten vor dem immensen Leistungsdruck. So gut wie jedes Kind besucht nach der Schule noch bis spät in den Abend eine private Förderschule. Denn nur die Allerbesten bekommen einen Studienplatz an einer der renommierten Universitäten, der ihnen dann einen guten Job verschafft.

Touristen kriegen davon kaum etwas mit. Sie erleben ein modernes Land, das gerade dabei ist, seine Traditionen wiederzuentdecken. "Viele Besucher kommen wegen unserer Kultur", sagt Tony Kim im K-Style Hub, dem Besucherzentrum der Koreanischen Tourismuszentrale in Seoul. Ein Rundgang ist wie ein Crashkurs in Sachen koreanischer Kultur: Man darf traditionelle Kleidung anprobieren und in der Küche typische Speisen zubereiten. Man kann aber auch ein Selfie mit Psy schießen. Psy, das ist jener komische Typ, der im Jahre 2012 mit seinem Hit "Gangnam Style" und dem verrückten Pferdetanz das abgehobene Leben im Boom-Bezirk Gangnam auf die Schippe nahm - und den K-Pop auch in Europa und Amerika bekannt machte.

Heute ist die Koreanische Welle selbst ein Exportschlager. Filme, Fernsehserien und eben die Popmusik haben überall auf der Welt ihre Fans. Der Staat und eine gigantische Vermarktungsindustrie helfen dabei kräftig nach. An Hausfassaden und Bussen, auf Handtaschen und Kosmetika - überall sind die perfekt gestylten Boy- und Girl-Groups wie BTS, EXO und Red Velvet präsent. Es gibt eine Straße mit lebensgroßen Pappfiguren der Stars und eine Wand mit deren Handabdrücken. Die Agentur SM Entertainment hat in Gangnam eine mehrstöckige Wallfahrtsstätte mit Souvenirshops und Konzertsaal eingerichtet, wo die jungen Bands mehrmals täglich auftreten - als Hologramm.

Nur ein paar Kilometer weiter, auf dem Gwanjang-Markt, schlägt das Herz des alten Korea. Es riecht nach Fisch und fermentierten Speisen. Hier betreibt Frau Jung einen der vielen Stände. Jeden Tag, zwölf Stunden lang. Ihre Spezialität sind Maultaschen. Alles macht sie selbst - den Teig, die Brühe mit Sardellen und Seetang, das Servieren am langen Tresen. Knapp fünf Euro verlangt sie für die Riesenportion. Reich wird man damit nicht. Aber die Mittfünzigerin ist zufrieden. Was sie von den K-Pop-Bands hält? "Jede Generation hat ihre eigene Musik", antwortet sie, "die jungen Leute sollen ihr Leben genießen."

Mit dem Schnellzug durchs Land

Anreise: Flüge von Frankfurt/M. nach Seoul (11-12 Stunden), täglich z. B. mit Asiana Airlines mit dem A 380 ab 679 Euro.

www.flyasiana.com

Einreise: Reisepass genügt.

Klima: Beste Reisezeit sind Frühling und Herbst.

Unterwegs: Südkorea lässt sich gut mit dem Mietwagen (Rechtsverkehr) oder öffentlichen Verkehrsmitteln erkunden. Der Hochgeschwindigkeitszug KTX braucht von Seoul in den Süden nur rund drei Stunden. Touristen sparen mit dem Korea Rail Pass, den man vorab bestellt und als Gutschein vor Ort gegen ein Ticket tauscht. Taxis sind vergleichsweise preiswert.

Pauschal: Rundreisen gibt es bei zahlreichen Veranstaltern. Tischler Reisen hat eine siebentägige Privattour im Angebot, die u. a. nach Seoul, Gyeongju und Busan führt und auch Zugfahrten einschließt (952 € p. P./ ohne Flug).

www.tischler-reisen.de

Sprache: Mit Englisch kommt man in der Regel gut durchs Land. Viele Hinweisschilder sind zweisprachig.

Geld: Für einen Euro erhält man rund 1300 Won. Man kann preiswert einkaufen und essen, aber auch sehr teuer.

Literatur: Der Reiseführer "Südkorea" aus dem Trescher Verlag bekam 2019 den ITB-Buch-Award. Im gleichen Verlag sind auch Bücher über Seoul und Nordkorea erschienen.

Infos: Einen guten Überblick bietet die Koreanische Tourismuszentrale:

Die Reise wurde unterstützt von KTOPR, Tischler Reisen und Asiana.

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