Die Spur der Steine

Bei uns wird er mit den Füßen getreten, in Italien feiert man ihn wie einen Schatz: Granit prägt die Landschaft am Westufer des Lago Maggiore. Was ist daran so besonders?

Am Anfang war eine riesengroße dicke Platte aus Granit - und die Frage: Was stellt man damit an? Giuseppe Lusetti aus dem kleinen Dorf Mergozzo hatte da eine Idee: Man könnte daraus eine lange Kette hauen, und zwar so, dass alle Glieder fest und unlösbar miteinander verbunden sind. Klingt verrückt, und das war es dann wohl auch: "So etwas kann nur ein Verrückter tun", sagt Giuseppe selbst.

Jeder Mensch weiß, wie hart Granit ist und wie mühselig seine Bearbeitung. Nur wenige wissen, dass Granit auch schnell brechen kann. Ein Fehler, und die ganze Arbeit ist umsonst. Das schaffst du nie, sagten deshalb die Leute. Giuseppe Lusetti hat es geschafft. 29,3 Meter lang ist das gute Stück geworden, bestehend aus 239 Einzelteilen - laut Guinnessbuch der Rekorde die längste Steinkette der Welt. Die Urkunde aus dem Jahre 2011 hängt in Giovannis Atelier, die Kette selbst wird zurzeit auf der Biennale in Venedig präsentiert. Besuchern zeigt er derweil ein etwas kürzeres Exemplar. Der Mann muss viel Zeit haben.

Hat er auch. Lusetti ist 82 und Rentner. Ein ganzes Jahr habe er an der Kette gearbeitet, erzählt er. Vorher war er in einem Steinbruch beschäftigt. Der Stein hat sein Leben geprägt. Und der Stein prägt die Landschaft am Lago Maggiore, gerade hier am Westufer, wo sich der See weit ins Land schiebt. Die Italiener nennen diese Gegend die Borromäische Bucht; sie erscheint wie eine natürliche Theaterkulisse. Unten das Blau des Lago, oben die steil aufragenden grünen Berge. Und dazwischen, wie an einer Perlenkette, protzige Villen mit üppigen Gärten und eigenem Anlegeplatz. Hauptverkehrsmittel war seinerzeit das Boot.

Der Bauboom brach hier in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus, erzählt Stadtführerin Barbara Dell'Era. Zuerst in Stresa, kurz darauf auch in Baveno und Pallanza. Reiche Engländer liebten die Gegend und das milde Klima. Und jeder wollte es noch schöner haben als der Nachbar. Das sprach sich herum. Queen Victoria kam zu Besuch, Winston Churchill und Ernest Hemingway folgten. Und dann die Touristenmassen. Heute kommen die meisten, um eine oder mehrere der Borromäischen Inseln zu besichtigen. Mit ihren Schlössern und Gärten sind sie Sinnbild der Herrlichkeit, die Menschenhand zu schaffen vermag.

Die Inseln haben ihren Namen von der adeligen Familie Borromeo. Drei der vier Eilande befinden sich in deren Besitz, seit vielen Jahrhunderten schon. Der Name Borromeo ist am Lago Maggiore allgegenwärtig, die Familie selbst mache sich in der Öffentlichkeit eher rar, sagt Barbara Dell'Era. Aber mit etwas Glück könne man dem Prinzen, ein Herr um die 60, sogar persönlich begegnen. Und seine Tochter führe regelmäßig Besuchergruppen durchs Schloss. Nur nicht durch die oberen Etagen und die Kapelle - die werden ausschließlich privat genutzt.

Für Legenden bleibt da reichlich Platz. So soll es ein Vertreter des Adelsgeschlechts der Borromeo gewesen sein, der im 16. Jahrhundert in den nahen Bergen als Erster einen ganz besonderen Stein entdeckte: rosa Granit. Der sah nicht nur schön aus und funkelte hübsch in der Sonne, sondern eignete sich aufgrund seiner Festigkeit auch hervorragend für den Bau großer Gebäude. Besagter Karl Borromäus war übrigens Kardinal von Mailand und der vielleicht berühmteste Vertreter der Familie. 24 Jahre nach seinem Tode wurde er heiliggesprochen, allerdings wegen anderer wundersamer Dinge.

Die ersten Nachweise über den Abbau des rosa Granits sind in Wahrheit noch älter. Im Granit-Museum von Baveno wird erwähnt, dass bereits anno 1490 Steine für den Bau einer Kirche in Pavia gebrochen wurden - immerhin rund 130 Kilometer entfernt.

In den Bergen von Baveno ist es praktisch unmöglich, nicht über das farbige Gestein zu stolpern. Es begegnet einem auf Gehwegen und an Balkonen, als Bänke und Tische. Der Mottarone, der höchste Gipfel der Gegend, müsste eigentlich Granito heißen - so viel von dem magmatischen Gestein steckt darin. Das Rosa hat er übrigens von Orthoklas-Kristallen, einem Feldspat. Ganz in der Nähe gibt es auch weißen und grünen Granit. Und Marmor: Der berühmteste kommt aus Candoglia; der unterirdische Steinbruch liefert bis heute das Material für den Mailänder Dom.

Den Gipfel des Mottarone auf 1491 Metern Höhe erreicht man bequem mit Seilbahn und Sessellift. Man kann ihn auch in etwa vier Stunden zu Fuß erklimmen. Das ist zwar eine schweißtreibende Angelegenheit. Aber der Aufstieg vermittelt auch ein Gefühl, unter welchen Mühen die Picasass, wie die Steinbrecher hier genannt werden, ihre Arbeit verrichteten. Eine kleine Fotoausstellung im Wald zeigt Männer auf halsbrecherischen Gerüsten, daneben liegen Quader und historisches Werkzeug. Auf Steinrutschen wurden die Blöcke einst zu Tal gelassen und über den Lago Maggiore in die weite Welt verschickt.

"Rosa Granit aus Baveno findet man an der Basilika San Paolo in Rom, in der Pariser Oper und am Kolumbus-Denkmal in New York", berichtet die Archäologin und Museumsleiterin Elena Poletti. In Sachsen ist ihr kein Beispiel bekannt. Kein Wunder: Granit hat man hier selbst genug, darunter den roten aus Meißen.

Am Lago Maggiore und in den Seitentälern gab es bis in die 1990er-Jahre etwa 90 Steinbrüche; heute sind es noch 15, und nur ein einziger liefert den berühmten rosa Granit. Der Abbau sei zu aufwendig geworden, sagt Marcello Marchi. Und das treibt den Preis: "Ein Quadratmeter mit zwei Zentimetern Höhe kostet mich rund 130 Euro - das ist fast so teuer wie Marmor", sagt der Steinmetz. Stattdessen poliert er schwarzen Granit aus Afrika und schneidet Marmor aus China. Der Kunde ist König. Ohnehin tauge der hiesige Granit nur noch bedingt als Baumaterial. "Früher wussten die Arbeiter im Steinbruch, wo die Venen verlaufen; dort wurde der Stein dann gebrochen." Heute erfolge der Abbau maschinell und ohne Rücksicht auf die Bruchlinien. Deshalb müsse jede Granitsäule mit Eisenträgern stabilisiert werden.

Marchi, 55, setzt in Baveno die Tradition der Familie Polli fort. Drei Generationen lebten mit und von dem roten Granit. Fotos in der Werkstatt zeigen die berühmtesten Arbeiten, darunter Statuen für die Kriegsdenkmäler in der Normandie und in Verdun. Und auch die Figur des Steinmetz' an der Uferpromenade von Baveno wurde hier gefertigt. Mit dem Sterben der Steinbrüche sind wohl auch die Tage dieses Handwerks gezählt. Zumindest am Lago Maggiore. "Wir wollen es als Kulturgut erhalten", verspricht Bavenos Bürgermeisterin Maria Rosa Gnocchi.

Was bleibt, sind die vielen Werke aus Granit. Und die Steinbrüche, die wie offene Wunden in den Bergen klaffen. Kreative Köpfe haben bereits eine Lösung, was man daraus machen könnte: ein Freilufttheater. Seit ein paar Jahren findet im Sommer an wechselnden Orten das Festival "Tones of the Stones" statt. In diesem Jahr bildete die Cava la Beola di Monte die spektakuläre Kulisse, gezeigt wurde unter anderem die "No-Gravity-Show" - in Erinnerung an 500 Jahre da Vinci und 50 Jahre Mondlandung. Einen besseren Ort hätte man nicht finden können. Zumindest nicht auf Erden.

Die Inseln sind Pflichtprogramm

Anreise: Am schnellsten mit dem Flugzeug nach Mailand-Malpensa, von dort sind es noch 60 km bis Baveno. Es gibt auch Zug- und Busverbindungen. Mit dem Auto von Dresden rund 880 km.

Reisezeit: Im Frühling und Herbst ist die Sicht gut, dafür kann es häufig regnen. Im Sommer ist es meist trocken, dafür aber trüb und zuweilen auch heiß. Im Winter kann es auch schneien - dann sind aber auch die meisten Hotels geschlossen.

Unterkunft: Hotelzimmer gibt es in der Hochsaison kaum unter 100 Euro. Günstigere Alternative sind Campingplätze, die auch über Bungalows verfügen.

Essen: Gute italienische Küche ist hier nicht teurer als in Deutschland, der Wein eher preiswerter.

Ausflug: Ein Besuch der Inseln Madre, Bella und Pescatori ist Pflichtprogramm. Die Hin- und Rückfahrt mit der Fähre kostet je nach Anzahl der Inseln zwischen 7,50 und 13 Euro.

Die Recherche wurde unterstützt von der Gemeinde Baveno.

www.bavenoturismo.it

Drei ganz besondere Tipps

Blütenmeer: Villa Taranto

Die botanischen Gärten in Pallanza sind eine einzige Augenweide. In dem 16 Hektar großen Park blüht es von April bis Oktober - so lange ist die Anlage auch täglich geöffnet. Unter mehr als 100.000 Pflanzen befinden sich viele Exemplare, die man sonst nur außerhalb von Europa findet.

(Erw. 11 €, Kinder (6-14) 5,50 €)

Adrenalinkick: Zipline

Mit 120 Sachen durch die Luft fliegen: Im Hinterland des Lago Maggiore ist das möglich. Bereits die kurvenreiche Anfahrt von Verbania ist ein Abenteuer - aber nichts gegen die rasante Überquerung des bis zu 350 Meter tiefen Tals. 100 Sekunden dauert der Spaß, den man sitzend oder bäuchlings liegend absolvieren kann. Damit ist dies die weltweit einzige Seilrutsche, wo zweierlei Stile möglich sind.

(Online-Ticket 25€, vor Ort 39 €)

Natur: Nationalpark Val Grande

Wer die Einsamkeit sucht, wird sie hier garantiert finden. Das war nicht immer so; Spuren menschlicher Siedlungen findet man noch heute. Aber auch die holt sich die Natur zurück. Heute gilt Val Grande als größtes Wildnisgebiet Italiens, ein Teil davon darf gar nicht betreten werden.

www.parcovalgrande.it

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