Durch Böhmens Hain und Flur

Wie in einem Hufeisen wird Tschechien von Bergen umschlossen. Diese Gegend lässt sich wunderbar erwandern, zum Beispiel zwischen Schluckenauer Zipfel und Liberec. Über allem thront dort der ikonischste Gipfel des Landes.

Fleischman ist schon da. "Er sitzt vor Ihnen" antwortet der junge Mann an der Rezeption im Hotel Ještìd und schmunzelt. Fleischman, ein "Mädchen für alles" in einem Haus über den Wolken, ist der Held in Jaroslav Rudiš' Roman "Grandhotel". Und am Originalschauplatz dieser fiktiven Geschichte, die in Deutschland wie in Tschechien viele Leser fand, ist man natürlich auf die Frage nach Fleischman eingestellt. Aus dem Tal in Liberec sind die Wanderer bergan gestiegen. Jetzt wird es bald dunkel - und auf dem Ještìd, zu deutsch Jeschken, hebt ein Herbststurm an.

Das Hotel thront auf dem Gipfel in 1012 Metern Höhe. Es wurde 1973 eröffnet und hat die Form einer Rakete; in ihrem Ende steckt eine Fernsehantenne. Der Architekt Karel Hubáček setzte dem Jeschken diese Spitze auf. Die Linien seines preisgekrönten Baus bilden eine Fortsetzung des Gebirgskamms und vollenden die natürliche Form des Berges auf perfekte Weise. Die Tschechen erklärten das Hotel daher zu ihrem Bauwerk des 20. Jahrhunderts.

Drinnen, im frisch renovierten Retrozimmer mit Original-Interieur aus den Siebzigerjahren, lebt man wie in einem Raumschiff. Durch langgezogene, schräg liegende Fenster, die sich nicht öffnen lassen, schaut man hinunter auf die Lichter der 100.000-Einwohner-Stadt Liberec, früher Reichenberg. Und man ist froh, diese Nacht ausnahmsweise mal nicht draußen verbringen zu müssen. Heftig rüttelt der Wind an dem Stahlkegel, Regen peitscht gegen das Glas.

Die Gruppe, die sich hier versammelt hat, ist mit Rucksack, Zelt und Isomatte unterwegs. Ein Freiberger bringt sie Jahr für Jahr im Herbst in Böhmen zusammen. Seit 25 Jahren geht das so, es treffen sich Freunde aus Studienzeiten, deren Freunde und Partner - Altbekannte und Neuhinzugekommene. Was eint sie?

Böhmerwald, Erzgebirge, Lausitzer Bergland, Iser- und Riesengebirge, schließlich Adlergebirge, Altvater und Beskiden - wie ein Hufeisen legen sich Berge in einem Dreiviertelbogen rings um die Tschechische Republik. Der Kulturwissenschaftler Petr Mikšíček erschloss sich diese Bergkette im Jahr 2000 während seines Studiums auf einer 90-tägigen Wanderung. In der böhmischen Lausitz traf er auf Rentner aus Deutschland, denen die Orte dort vertraut schienen und die deutsche Namen für Berge und Dörfer gebrauchten. So begann der junge Tscheche, sich selbst mit der Vergangenheit zu beschäftigen, die für viele seiner Landsleute damals noch ein Tabu war. "Waldgang" - so nannte Mikšícek sein Buch über den Weg entlang der deutsch-tschechischen Grenze, auf dem er nicht nur die Natur, sondern auch die untergegangene Zivilisation des Sudetenlandes entdeckte und der er seither seine Arbeit als Kulturwissenschaftler, Fotograf und Autor widmet.

Eine Gegend mit reizvoller Natur, die Geschichte atmet, die sich behutsam entwickelt und sich dabei zugleich ein Stück ihrer Urtümlichkeit bewahrt: Das ist es, was auch die Gruppe aus Sachsen immer wieder nach Böhmen zieht. Auf dem Jeschken ist der Morgen nach dem Herbststurm noch windig und frisch, aber ein klarer Himmel kündigt Wetterbesserung an. Der Weg führt hinab durch den Wald, über Felder und Wiesen, kleine, verschlafene Dörfer. Die Gruppe hat sich zerstreut, doch am Abend treffen sich in Lázně Kundratice alle wieder.

Der Ort, der früher Bad Kunnersdorf hieß, empfängt noch immer Kurgäste. Zur Heilung des Bewegungsapparates gibt es Schwefeleisenmoor - oder, wie an diesem Abend, den Tanz im Kurheim. Ein Unterhalterduo schmeißt die Show an Keyboard und Mikrofon, das ist hier nicht Baden-Baden oder Pyrmont. Dafür kann man sich als Backpacker, auch in größerer Gruppe, dazusetzen, essen und trinken. Ganz unkompliziert geht das - und zur Feier des Abends dürfen sich die deutschen Spontangäste auch noch einen Tanz wünschen. Die Melníker Polka, bitteschön!

Für die Nacht findet sich dann eine Wiese am Waldrand, gleich neben dem Kurgelände. Die Tschechen nehmen das locker, wildes Zelten ruft hier nicht gleich die Polizei auf den Plan. Čundr nennen sie dieses Outdoor-Leben. Puristen tun dies bis heute in Tarnfleckhosen, schweren Stiefeln und Parka, längst aber haben unsere Nachbarn eigene erfolgreiche Outdoor- und Klettermarken wie Husky, Ocún oder Kilpi kreiert. Die Tschechen sind ein munteres Wandervölkchen. Man trifft sie überall, auf den Bergen dieser Welt.

Das Wandern im frühen Herbst in Böhmen ist eine Wonne. Überall ist der Tisch der Natur reich gedeckt. Von den Bäumen am Wegesrand fallen Äpfel, Birnen, Pflaumen, Nüsse. Seen laden zu einem beherzten letzten Bad ein. Und immer wieder stößt man auf Orte voller Geschichte.

Reichstadt, heute Zákupy, ist so ein Ort. In seinem Barockschloss fand im Jahr 1900 die Hochzeit von Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich mit Gräfin Sophie Chotek von Chotkowa statt - das Thronfolgerpaar, das 1914 in Sarajevo erschossen wurde, der Auslöser für den Ersten Weltkrieg. Das Schloss ist gut erhalten, in Teilen noch renovierungsbedürftig. Es gibt eine Gastwirtschaft mit vorzüglichen Kartoffelpuffern, einen Barockgarten, einen weitläufigen Park. Und zwischen alten Obstbäumen ist Platz für Zelte und Holz fürs Lagerfeuer.

Der Weg ist das Ziel, aber in Böhmen verhält sich das dann doch noch ein wenig anders. Des Wanderers höchste Zufriedenheit stellt sich ein, wenn er nach getaner Wegstrecke ein Lokal findet, das warmes Essen serviert und kühles Bier ausschenkt, und zwar nicht nur das der schnöden Großbrauereien. Willkommen in Sloup v Čechách, zu deutsch Bürgstein!

Man ist durch den Betgraben gestiegen, wo im 19. Jahrhundert eine Kapelle in den Sandstein gehauen wurde. Und wo der Bergrücken aus Felsen und Wald endet, schaut man hinunter ins Tal zur Felsenburg Einsiedlerstein. An deren Fuß steht die "Turistická Chata pod hradem", ein Wirtshaus, das an dieser Stelle durchaus einmal der Erwähnung wert ist. Denn hier werden gleich drei hervorragende regionale Fassbiere ausgeschenkt - Cvikov, Mlýn und Albrecht von der Schlossbrauerei Frýdlant.

An den Tischen in der warmen Herbstsonne wird lange verweilt, und die Beine sind ein wenig schwer. Und so nimmt mancher von hier aus gleich den kürzesten Weg, hinein in den Schluckenauer Zipfel, wo man sich am Abend wieder irgendwie irgendwo trifft.

Im Osten grüßt noch immer der Jeschken mit seiner markanten Spitze. Er wacht über Böhmen und seine Wanderer. Bei schönem Wetter kann man ihn sogar vom Erzgebirge aus sehen.

 

 

 

Wandern mit System

Der Tschechische Touristikklub (Klub českých turistů - KČT) hat im Land ein Wegenetz für Wanderer, Skiläufer und Radfahrer von mehr als 80.000 Kilometern erschlossen und hält es ehrenamtlich instand. Das Besondere: Anders als in Deutschland gilt in ganz Tschechien ein einheitliches Markierungssystem - Wegweiser mit Entfernungsangaben und Quadrate aus drei übereinander angeordneten Streifen, oben und unten weiß, in der Mitte die Leitfarbe: rot, grün, blau oder gelb. Der Klub Tschechischer Touristen wurde 1888 gegründet. Bereits ein Jahr später begann er im tschechisch besiedelten Teil Böhmens und Mährens mit der Markierung der Wanderwege. 1948 wurde der Klub von den Kommunisten verboten und nach der Samtenen Revolution 1989 wiedergegründet. Heute hat der KČT rund 40.000 Mitglieder. (oha)

 

 

 

Bahnland Böhmen: Junge und Rentner - auch aus Deutschland - fahren jetzt spottbillig

Mit 9408 Kilometern Gesamtlänge bei einer Landesfläche von knapp 79.000 Quadratkilometern hat Tschechien eines der dichtesten Eisenbahnnetze der Welt. Selbst kleine Nebenstrecken werden noch immer befahren. Während in Deutschland auf den meisten kleineren Bahnhöfen heute kein Personal mehr arbeitet, sind bei unseren Nachbarn noch fast überall Stationsvorsteher im Einsatz, die die Züge mit Kelle und Pfeife abfertigen. Zugleich ist aber ein großer Teil des Streckennetzes veraltet, vielerorts steht die Modernisierung von Bahnsteigen und Bahnhöfen noch aus.

Seit 1. September können junge Leute und Rentner in Tschechien zu ex-trem niedrigen Preisen Bahn fahren. Nach einem Beschluss der Regierung zahlen Schüler und Studenten bis 25 Jahre und Senioren ab 65 Jahre für alle Tickets im Regional- und Fernverkehr nur noch ein Viertel des Normalpreises. Der Rabatt gilt auch für Ausländer. So kostet für diese Personengruppen etwa die Fahrt mit dem Eurocity von Ústí nad Labem nach Prag nur 1,50 Euro. Dazu kann man im Speisewagen gut und günstig essen und trinken. In den Eurocity-Zügen der tschechischen Staatsbahn České Dráhy, die etwa von Hamburg oder Berlin über Dresden nach Prag fahren, gilt auf tschechischem Gebiet eine Happy Hour. Es gibt Fassbier - und die Schnitzel werden noch von Hand geklopft. (oha)

 

Dieser Beitrag stammt aus unserem Spezial "100 Jahre Tschechoslowakei".

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