Eine Zeitreise durch den sagenhaften Osten Irlands

Mythische Ganggräber und mystische Ruinen erzählen von 5000 Jahren Geschichte. Eine Zeitreise durch den Osten Irlands.

Es ist stockfinster. Plötzlich bohrt sich ein feiner Lichtstrahl durchs Schwarz. Wird langsam heller, breiter und erleuchtet schließlich vollends die Gruft einer 5200 Jahre alten Grabkammer. In dieser stehen gerade eng gedrängt zwei Dutzend Leute und staunen gebannt, wie Gästeführerin Alice die Sonne simuliert. Einmal im Jahr nämlich, exakt zur Wintersonnenwende, fällt diese frühmorgens durch den schmalen, langen Tunnelgang in die Totenkammer ein - für nur wenige Minuten. Ein genialer und ähnlich umwerfender Effekt wie im Felsentempel von Abu Simbel. Hier, in diesem UnescoWelterbe, wurde er allerdings schlappe 2000 Jahre früher "ersonnen".

Das Grab steckt tief drin im sagenhaften Grabhügel von Newgrange nördlich von Dublin. Ein Koloss von 13 Metern Höhe, stolzen 80 Metern im Durchmesser und umgeben von einem Ring aus 97 Riesensteinen. Der größte Klotz hält Wache vor dem Eingang und ist über und über verziert mit Spiralmustern - was sie bedeuten, bleibt bis heute ein Rätsel. Wie vieles andere aus dieser uralten Zeit. Zum Beispiel das kuppelartig geschichtete Dach, das seit seinem Bau absolut wasserdicht hält - ein extrem wichtiger Faktor im ziemlich nassen Irland. "Pfusch am Bau war damals offenbar noch kein Thema", schmunzelt Alice vergnügt, "bis heute musste hier jedenfalls nichts, aber auch gar nichts repariert oder erneuert werden."

Fast in Sichtweite erhebt sich der Hügel von Tara - für die Iren historisch wie spirituell ein Ort von überragender Bedeutung. Als Heimat von Göttern und Kultort von Druiden war der Hill of Tara einst Nabel der irisch-keltischen Welt, auf dem Volksversammlungen abgehalten, Gesetze erlassen, Stammesstreitigkeiten geschlichtet und Könige gekrönt wurden.

Am "Stein des Schicksals" empfingen über die Jahrhunderte etwa 140 irische Hochkönige ihre Weihen und Würden. Oder wurden mit Pomp zu Grabe getragen wie der legendäre König Laoghaire. Diesen setzte man im 5. Jahrhundert stehend bei, mit erhobenem Schwert in der Hand, damit er noch im Tod seine Feinde in Schach halten konnte.

Ziemlich genau in der Landesmitte und idyllisch am Ufer des Shannon liegt das nächste Nationalheiligtum: Clonmacnoise. Anno 548 begründet vom später als heilig verehrten Ciarán, entwickelte sich hier ein klösterliches Gemeinwesen. Junge Scholaren aus ganz Europa strömten in Scharen hierher, um ihre Bildung zu vervollkommnen. Seiner Schätze wegen immer wieder von Iren, Wikingern und Normannen überfallen, geplündert und gebrandschatzt, blieb Clonmacnoise dennoch für fast tausend Jahre das geistige und geistliche Zentrum Irlands. Erhalten geblieben ist ein malerisches Ruinenfeld aus ehemaligen Kirchen und Kapellen, wehrhaften Rundtürmen und uralten Grabtafeln samt verwitterten Kreuzen.

Etwas früher noch beginnt die Geschichte des Rock of Cashel. Spektakulär schon die Lage: Wie eine Krone thront der Berg über dem smaragdgrünen "Golden Vale" von Tipperary. Der Legende nach ein vom Teufel ausgespucktes Stück Berg, einer anderen Sage zufolge ein märchenhafter Tanzplatz von Feen. Hier genossen weltliche und religiöse Herren weit über tausend Jahre den Blick und die Macht über die Bilderbuchlandschaft. Auf dem Fels residierten zunächst die Könige von Munster, in ihrer Bedeutung vergleichbar den Hochkönigen von Tara. Einer von ihnen, König Angus, soll hier im 5. Jahrhundert von Irlands Nationalheiligem zum Christentum bekehrt worden sein. Bei der Taufe bohrte St. Patrick dem König versehentlich die Spitze seines Krummstabes in den Fuß. Was Angus schweigend und mannhaft ertrug - er glaubte, dies sei ein wichtiger Teil der Zeremonie.

Auf die Könige folgte die Kirche. 1127 entstand mit der romanischen Cormac's Chapel das erste Gotteshaus, dessen uralte Wandmalerei-Fragmente gerade mit modernsten nichtinvasiven UV-Methoden umfassend und schonend restauriert werden. Eine Aufgabe von nationaler Bedeutung, geht es doch um die ältesten und seltensten Fresken des Landes und damit einen wesentlichen Teil der irischen Kunstgeschichte.

Zurück zum Ausgangspunkt. Das Städtchen Trim am Ufer des Boyne ist schon mal bemerkenswert, weil es hier mehr Mittelalter gibt als irgendwo sonst in Irland. An der "Furt der Holunderbäume" - nach dem irischen Namen für Trim - kann man zum Beispiel die älteste Brücke des Landes überqueren. Das ist allerdings nur schmückendes Beiwerk für ein anderes herausragendes Meisterwerk. Mit Trim Castle nämlich besitzt die Stadt das größte und besterhaltene Kastell aus anglo-normannischer Zeit. Eine gewaltige Ruine, die von der Flussseite wie die Erscheinung aus einem Ritterfilm und folglich ausgesprochen malerisch wirkt. Das fand auch Regisseur Mel Gibson, der für sein Oscar-gekröntes Epos "Braveheart" um den schottischen Freiheitshelden William Wallace die Ruine mit Kunststoff, Holz und Pappmaché in einen zeitgenössisch-authentischen Zustand zurückversetzte und als York Castle ausgab. Und das ist ausnahmsweise mal eine Tatsache.

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