England per Boot

Wo in Großbritannien früher Waren transportiert wurden, suchen Touristen heute Entschleunigung. Unterwegs auf alten Kanälen rund um Birmingham.

Schleusenschlüssel! Colin Charman muss jedes Mal kichern, wenn er das seltsame Wort mit englischem Akzent ausspricht: "Es ist mein deutsches Lieblingswort." Vor allem sei es aber ein Zauberwerkzeug, erklärt der Mitarbeiter des Hausboot-Verleihs Kate Boats im Städtchen Warwick. Ohne den Schleusenschlüssel könne man die vielen Schleusen im Kanalnetz rund um Birmingham weder öffnen noch schließen. Deshalb gehört er zur Grundausstattung jedes Bootes.

Rund 3.200 Kilometer Kanalnetz gibt es in und um Birmingham. Einst wurden hier Waren transportiert, heute sind auf den künstlichen Wasserstraßen Urlauber unterwegs. Knapp 400.000 Einheimische und Touristen nutzen jährlich das Angebot. Die Vorteile liegen auf der Hand: Statt auf stauanfälligen Autobahnen oder in vollen Zügen reist man gemächlich durch teils unberührte Landschaften.

"Die Boote schaffen nicht mehr als vier Meilen pro Kilometer", erklärt der 57-jährige Charman. Seine Firma verleiht mehrere Dutzend Hausboote. In Warwick und Stockton, südöstlich von Birmingham, befinden sich die Heimathäfen. Und hier werden die Boote auch repariert und sogar neu gebaut. Der Chef ist normalerweise nicht an Bord, sondern gibt den Hobbykapitänen vorm Ablegen lediglich eine kurze Einführung - und den Schleusenschlüssel.

Drinnen geht es gemütlich zu: Alles ist mit Holz verkleidet, es gibt eine Küche, eine kleine Nasszelle mit Dusche, ein Doppelbett. Nun schaltet Charman den Motor an. Das schmale, 18 Meter lange Boot tuckert los - in einem Tempo, bei dem Fußgänger fast Schritthalten können. Ein paar kleine Häuschen ziehen vorbei, umgeben von dichtem Gebüsch und Laubbäumen. Im Herzen Englands geht es idyllisch zu. Bis nach Birmingham könnte man nun so entschleunigt reisen. Aber Charman winkt ab: "Da bräuchten wir mehrere Stunden."

Birmingham ist Englands zweitgrößte Stadt. Bei Touristen läuft sie aber eher unterm Radar. Dabei kann sie auf eine reiche industrielle Geschichte verweisen, wie Stadtführer Jonathan Berg erklärt. Birmingham gilt als Wiege der englischen Metallindustrie. Waffen und Schmuck, aber auch größere Maschinen und Eisenbahnen wurden hier produziert. Berg zeigt ein Foto, auf dem Tennisspielerin Serena Williams die Trophäe des Turniers von Wimbledon nach oben reckt. "Die hat ein Schmied in Birmingham in den 1860ern gefertigt."

Auch heute spielt die Industrie noch eine große Rolle. Berg zieht eine Trillerpfeife aus der Tasche. In der Stadt hat der weltgrößte Hersteller von Trillerpfeifen, die Firma Acme, ihren Sitz. Sie beliefert auch den Fußballweltverband Fifa. "Die Industrie in Birmingham ist noch nicht tot", so Berg. Auch wenn Dienstleistungs- und Bankensektor immer wichtiger werden.

Das zeigt sich im Stadtbild, wo neben backsteinernen Altbauten und viktorianischen Kirchen auch gläserne Bürogebäude und Hochhäuser stehen. Birmingham sei eine Stadt, deren Schönheit sich erst auf den zweiten Blick erschließt, sagt Berg. Durch ihre Dynamik, ihre lebendige Pubszene, ihre fußgängerfreundliche Innenstadt. Das wissen auch immer mehr Touristen zu schätzen. Wenn da das leidige Thema Brexit nicht wäre. Stadtführer Berg sieht das entspannt. Einen Besucherrückgang erwarte er nicht. "Das Wichtigste für Urlauber ist doch der Wechselkurs und was sie für ihr Geld bekommen. So gut wie jetzt war der Kurs ewig nicht!"

So entspannt sieht das nicht jeder in der Branche. Zwei Drittel der internationalen Besucher in Großbritannien kommen aus der EU. Dass die verschreckt werden könnten, wäre fatal. "Es wird schwierig für uns", zitierte das Nachrichtenmagazin Spiegel kürzlich Anthony Pickles von der offiziellen Touristenagentur VisitBritain: "Europa ist für unsere Tourismusindustrie absolut lebensnotwendig." Man müsse potenziellen Urlaubern zeigen, dass Großbritannien offen ist und Besucher willkommen heißt.

Auf Colin Charmans Hausboot dagegen ist der Brexit gerade weit weg. Während in der Küche der Kaffee durchläuft, gackern ein paar Enten am Kanalufer. Doch bei aller Entschleunigung muss auch ein bisschen gearbeitet werden. "Wir steuern auf eine Schleuse zu", ruft Charman. Der Schleusenschlüssel liegt natürlich schon bereit. Charman macht das Boot am Kanalufer mit einem Seil fest, steigt von Bord und beginnt mit dem Schleusenschlüssel am Schleusentor zu kurbeln. So öffnen sich die Falltore, was den Wasserausgleich zwischen Schleuse und Kanal ermöglicht. Nach wenigen Minuten ist die Schleuse passiert. Nun kann der Kaffee kommen.

 

Eine Woche Bootfahren

Hinkommen: Von Dresden nur mit Umstieg (z.B. mit Lufthansa über Frankfurt) nach Birmingham. Von Berlin und Prag auch direkt.

Geld: Ein britisches Pfund (£) entspricht zurzeit 1,16 Euro.

Warwick Castle: Karten vorher online kaufen spart Zeit und Geld. Ab 14£ (16 €).

Narrow Boats: Die Boote sind mit nicht einmal 2,5 Metern Breite perfekt für die schmalen Kanäle und bieten bei einer Länge von bis zu 22 Metern dennoch genügend Platz.

Boot mieten: Gute Planung ist wichtig. Wie lang unterwegs sein, was anschauen? Für den Warwickshire Ring (187 km) braucht man 54 Stunden reine Fahrtzeit. Entlang des Rings gibt es viele Vermieterstationen. In der Regel bieten sie Parkplätze für Privat- und Mietautos.

Bootstypen: Die Boote unterscheiden sich nicht in der Leistung, aber stark in Länge und Ausstattung. Die größten bieten bis zu acht Schlafplätze und haben zwei Toiletten.

Preise: Variieren je nach Bootstyp und Jahreszeit. Beispiel: eine Woche Anfang März bei Kate Boats im Zwei-Personen-Boot ab 715 £ (830 €), im Sommer und während der Ferien deutlich teurer. Im Januar und Februar keine Ausleihe.

Regeln: Im Gegensatz zur Straße gilt Rechtsverkehr. Ein Bootsführerschein ist nicht nötig.

Die Recherche wurde unterstützt von England's Waterways. www.englandswaterways.com

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