Geld-zurück-Chance für Germania-Ticket

Nach der Pleite könnte bei Kreditkartenzahlern die Bank einspringen. Doch das klappt nicht immer reibungslos.

Ein bisschen Hoffnung, sich die Kosten für ihren Urlaubsflug zurückzuholen, hat Simone Lis noch. "Ich wollte im Sommer mit Germania nach Ägypten fliegen", sagt die Frau aus dem ostsächsischen Pulsnitz. Der Anfang Februar gestellte Insolvenzantrag für den Billigflieger macht ihre Pläne zunichte. Nun will Lis zumindest ihr Geld retten. Eine Idee, wie das klappen könnte, sei ihr beim Austausch mit Facebook-Freunden gekommen. "Eine Bekannte hatte voriges Jahr das gleiche Problem bei der Air-Berlin-Pleite. Sie hat das Geld für ihre Tickets auf Heller und Pfennig zurückbekommen."

Tatsächlich existiert diese Möglichkeit - für Germania-Kunden, die ihre Flüge direkt bei der Fluggesellschaft gekauft und mit ihrer Kreditkarte bezahlt haben. Möglich mache es ein Verfahren, das in der Finanzbranche als "Chargeback" bezeichnet wird, erklärt Andrea Heyer von der Verbraucherzentrale Sachsen.

Der englische Begriff lässt sich in etwa mit "Ausgleichsbuchung" übersetzen. Gedacht ist die Methode als Schutz bei Internetkäufen, beispielsweise wenn eine Bestellung verloren geht, Ware beschädigt ausgeliefert wird oder jemand Opfer von Onlinebetrügern wird. Die Rückholoption existiert aber auch dann, wenn eine Fluggesellschaft vor oder während des Urlaubs in die Insolvenz rutscht - wie die Germania. So steht es in den Chargeback-Konditionen von Visa und Mastercard.

Erster Ansprechpartner für verhinderte Fluggäste ist in diesem Fall nicht die Kreditkartenfirma, sondern jenes Geldinstitut, das die zum Ticketkauf benutzte Kreditkarte ausgegeben hat. Banken und Sparkassen halten die nötigen Reklamationsformulare bereit, teilweise auch Informationen zu benötigten Unterlagen und einzuhaltenden Fristen. Allerdings müssten die Betroffenen zuvor nachweisen, dass sie versucht haben, ihr Geld vom vorläufigen Verwalter der insolventen Airline zurückzubekommen, erklärt Matthias Urbach vom gemeinnützigen Verbraucherportal Finanztip. "Mindestens benötigt man eine Mitteilung, dass der Flug nicht stattfindet."

Jedes ausgefüllte und eingereichte Reklamationsschreiben durchläuft schließlich eine Einzelfallprüfung. Läuft alles reibungslos im Sinne des Ticketkäufers, wird eine Rückbuchung binnen weniger Tage veranlasst. Wichtig zu wissen: Die Geldinstitute dürfen wegen des erhöhten Bearbeitungsaufwands eine Chargeback-Gebühr in Rechnung stellen. Diese kann "je nach (...) Gegebenheit zwischen 20 und 60 Euro liegen", heißt es beim Zahlungsdienstleister Novalnet. Solche Kosten können unabhängig vom Ergebnis der Fallprüfung anfallen. Wer also Pech hat, muss trotz verweigerter Ausgleichsbuchung Gebühren zahlen. Hinweise, dass besonders hohe Beträge angefallen wären, hätten er und seine Kollegen aber bisher nicht erhalten, sagt Urbach.

Stichprobenartige Nachfragen der "Freien Presse" zum Thema Chargeback zeigen, dass es bisher entweder wenige Umsatzreklamationen zu geben scheint - oder aber niemand darüber reden will. Vergangene Woche habe man "eine Handvoll Reklamationen" auf dem Tisch gehabt, sagt Andreas Rieger von der Ostsächsischen Sparkasse in Dresden. Bei der Direktbank ING ist die Rede von einer Zahl im "niedrigen dreistelligen Bereich". Andere Institute, darunter die Commerzbank, Deutsche Bank, die Postbank und die DKB, möchten überhaupt keine Angaben machen. Die DKB hat immerhin eine spezielle Webseite eingerichtet, auf der alle relevanten Informationen für ihre Kreditkartennutzer zu finden sind: www.dkb.de/info/germania/.

"Wer dieses Thema als Kunde angehen will, sollte ein bisschen Widerstand vertragen", empfiehlt Finanztip-Experte Urbach. "Aber die Aussichten sind gut." Er bestätigt Fälle von Air-Berlin-Passagieren, die sich seinerzeit das Geld für ihre Tickets zurückholen konnten. Schwieriger sei es dagegen bei Reisevermittlern, so Urbach. Von diesen Akteuren widersprächen viele dem Chargeback. Ist ihr Widerspruch erfolglos, kann es passieren, dass die Portalbetreiber dann erneut den Flugpreis einfordern - und mit Inkasso drohen. "Dagegen kann man sich dann aber wehren", sagt Verbraucherschützerin Andrea Heyer. Tatsache ist, dass die Rechtslage in diesem Bereich unklar ist.

Über die Chancen, gezahlte Kosten für Germania-Tickets wieder zurückzuholen, wird derzeit in einschlägigen Internetforen eifrig diskutiert. "Meine Chargeback-Prüfung bei der DKB war erfolgreich. Rückbuchung ist erfolgt", schreibt beispielsweise am 7. Februar ein Nutzer der Plattform vielfliegertreff.de. Für ihn offensichtlich noch kein Grund, das Thema gedanklich abzuhaken: "Schau'n mer mal, ob (...) irgendwann noch Post vom Insolvenzverwalter kommt." Andere Germania-Kunden berichten dagegen, sie hätten für ihre eingereichten Unterlagen nicht mal eine Empfangsbestätigung erhalten.

Auch für Simone Lis aus Pulsnitz gestaltet sich der Chargeback-Versuch bislang eher zäh. Von der Bank, die ihre Mastercard Gold ausgegeben hat, gebe es bisher keine Post, sagt sie. "Ich werde da noch mal nachfragen." Die 230 Euro für ihren Ferienflug will sie keinesfalls kampflos abschreiben.

Formulare für Zahlungsreklamation (Auswahl):

www.freiepresse.de/cb_db

www.freiepresse.de/cb_postbank www.freiepresse.de/cb_dkb

www.freiepresse.de/cb_ing

Chargeback möglich?

Szenario 1 - Flug ist Teil einer Pauschalreise: Es besteht kein Recht auf Chargeback. Der Inhaber der Kreditkarte hat einen Sicherungsschein und muss sich mit dem Reiseveranstalter in Verbindung setzen. Der hat fürErsatzbeförderung zu sorgen.

Szenario 2 - Flug wurde direkt bei Germania gebucht, mit Kreditkarte bezahlt und liegt in der Zukunft: Der Kunde muss seine Ansprüche schriftlich beim Insolvenzverwalter einreichen. Sollte der die Reklamation nachweislich ablehnen, kann der Kunde Chargeback beantragen. rnw

Mehr Anträge auf Schlichtung

Vergangenes Jahr hat es 2387 Anträge auf Schlichtung bei der behördlichen Schlichtungsstelle für den Luftverkehr gegeben. Damit sei ein erheblicher Anstieg der Verfahren zu verzeichnen, teilt das zuständige Bundesamt für Justiz (BfJ) in seinem am Mittwoch veröffentlichten Tätigkeitsbericht mit.

In mehr als jedem zweiten Fall (55Prozent) ging es um Flugverspätungen. Aber auch Annullierungen, Gepäckprobleme, Herabstufung von Passagieren in eine niedrigere Klasse und Nichtbeförderungen sind Gründe für Schlichtungsanträge, die Verbraucher per Post, Fax oder auf elektronischem Wege stellen können.

Seit die Stelle ihre Arbeit aufgenommen hat, ist die Zahl der jährlich gestellten Anträge um etwa 133 Prozent gestiegen. Die derzeit vier Schlichter sind demnach zuständig für alle Fluggesellschaften, die sich nicht der anerkannten privatrechtlich organisierten Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (SÖP) angeschlossen haben. An Schlichtungsverfahren der 2009 gestarteten SÖP beteiligen sich inzwischen rund 370 Bahn-, Flug-, Fernbus-, Schiff- und ÖPNV-Unternehmen.

Verfahren der Schlichtungsstelle am BfJ sind bislang mit 120 verschiedenen Luftfahrtunternehmen geführt worden. Die durchschnittliche Verfahrensdauer liegt bei fünf Monaten. Kosten entstehen für den Fluggast in der Regel nicht. Laut BfJ ist die Verfahrensgebühr grundsätzlich von der beteiligten Airline zu zahlen. rnw

Kontakt: BfJ - Schlichtungsstelle Luftverkehr, 53094 Bonn, Tel: 0228/99410 6120, Fax: 0228/99410 6121; luftverkehr@bfj.bund.de

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...