Götterfackeln am Polarkreis

Eine Hurtigruten-Reise ist an sich schon spektakulär. Im Winter kommt mit dem Nordlicht noch ein echter Knüller dazu.

Am fünften Tag endlich ertönt das ersehnte Kommando: "Nordlicht auf ein Uhr" meldet Reiseleiter Marco gegen halb zehn über die Bordlautsprecher von MS "Nordkapp". Fortan gibt es kein Halten mehr. So gut wie jeder der über 300 Passagiere schnappt sich Jacke, Mütze und Handschuhe und stürzt sich ins Getümmel - das Schauspiel will keiner verpassen.

Draußen hat die Natur in nachtwinterlicher Polarkreis-Eiseskälte ein Festmahl angerichtet. Nicht mal der Verdacht eines Wölkchens trübt die Sicht zwischen Erde und tiefblauem Himmel. Sterne, Sternbilder und Mond leuchten in einer Klarheit und Intensität, dass einem beim Anblick fast schwindlig wird. Und als hätte Aladin besonders kräftig an der Wunderlampe gerieben, steigt hinter wilden Bergen ein grünlichgrauer Dschinn auf. Ein langsam waberndes geisthaftes Flimmern, das sich zum mächtigen Streif auswächst. Zur Flamme, die die Nacht erhellt. Zur Monsterhand, die nach dem Schiff zu greifen scheint.

Hier also, eine Schiffstunde nördlich von Tromsø, begrüßt uns die sagenhafte Aurora borealis in voller Schönheit. Für die meisten an Bord etwas grundsätzlich Neues, doch auch alte Hasen wie Fotofuchs Henry, der diese Reise bereits zum sechsten Mal im Winter macht, ist hin-gerissen: "Mit Mond habe selbst ich das noch nicht erlebt", schwärmt der rüstige Westfale, schießt begeistert ein Bild nach dem anderen und gibt Tipps zum kreativen Umgang mit der sensiblen Materie.

Denn Polarlicht auf Film oder Chip "einzufangen" ist kein Pappenstiel, wie sich schnell zeigt. Bei Belichtungszeiten zwischen zehn und zwanzig Sekunden geht schon mal gar nichts ohne halbwegs passable Kamera, Stativ und Fernauslöser. Außerdem bewegt sich das Schiff, Sterne und Lichter am Horizont verwuscheln folglich zu Streifen. Nur einer Handvoll ambitionierter Hobby-Fotografen gelingen denn auch letztlich ganz passable Nordlicht-Fotos, die an-schließend stolz herumgezeigt werden.

Aurora borealis, Morgenröte des Nordens, taufte der Franzose Pierre Gassend im 17. Jahr-hundert dieses Schauspiel, das den Menschen des Nordens stets ein Mirakel war und für die Wissenschaft ein faszinierendes Forschungsobjekt. Heute sind die Geheimnisse des Polarlichts weitgehend entschlüsselt. Man weiß, dass sich das Phänomen an den magnetischen Feldlinien der Erde ausrichtet und in Höhen von 90 bis 500 Kilometer abspielt.

Was sich dort oben meist als grüne, aber auch rote, violette und blaue Kaskaden, Vorhänge, Streifen, Bögen und Bänder zeigt, ist Strahlung des Sonnenwindes, die vom Magnetfeld der Erde "eingesaugt" wird. Die Atmosphäre der Polkappen bremst diese Teilchen ab, ihre Energie wird als Licht wieder abgestrahlt. Die Götterfackeln, wofür viele Naturvölker die Lichterscheinungen hielten, sind oft tausende Kilometer lang, aber nur wenige Kilometer breit. Zudem extrem energiegeladen: Ein Nordlicht von zwei Stunden Dauer verbraucht rund 200 Mrd. KWh Energie - damit könnte man zum Beispiel die Privathaushalte Bayerns ein Jahr lang mit Strom versorgen.

Aber auch ohne das Sahnehäubchen Polarlicht ist die Torte einer winterlichen Hurtigruten-Reise überaus gehaltvoll. Da sind die weiß bestreuten und schneeverzuckerten Berg- und Felsenkulissen, die an Steuerbord fast immer und an Backbord ziemlich häufig Spalier ste-hen. Da ist das diffuse und mystische Licht der tief stehenden Wintersonne, das sich besonders morgens und abends dramatisch durch Bergkettenlücken und Wolkenbänke bohrt und für allgemeines Entzücken sorgt.

Da gibt es extreme Passagen wie den engen Stokksund, in dem Kaiser Wilhelm einst die Nerven verlor und dem Lotsen ins Steuerrad griff. Was diesen zu der wenig demutsvollen Bemerkung veranlasste: "Majestät, hier bin ich der Chef!" Immerhin erhielt er zum Dank für die traumwandlerisch sichere Navigation eine goldene Uhr vom deutschen Kaiser.

Da sind nicht zuletzt die kleinen Häfen und großen Städte, in denen die elf Hurtigruten-Schiffe stets pünktlich an- und ablegen: Bergen als Ausgangspunkt und Ziel der Reise. Die Jugendstil-Stadt Ålesund und Trondheim mit dem Nationalheiligtum des Nidaros-Doms. Tromsø mit der Eismeerkathedrale oder Honningsvåg, die kleine Hauptstadt der Nordkap-Insel Magerøya.

Elf Tage dauert die komplette Reise von Bergen nach Kirkenes an der russischen Grenze und wieder retour. Der Fahrplan ist zudem so gestrickt, dass auf dem Rückweg am Tage erlebt wird, was auf dem Hinweg in den Nächten unsichtbar blieb; Lofoten-Wand, Trollfjord und Raftsund zum Beispiel sieht man erst auf dem Rückweg an Tag neun. Und: Stehen auf der Route gen Norden die Städte im Focus, ist es südwärts die raue und wilde Natur des norwegischen Nordens.

Über alle Attraktionen und Sehenswürdigkeiten hält Bordreiseleiter Marco Voigtländer die Passagiere zuverlässig auf dem Laufenden - in Norwegisch, Englisch und Deutsch. Der eloquente Thüringer ist zuständig für Ausflüge, Tagespläne, Brückenbesuche, Events wie die Polarkreistaufe sowie sämtliche Durchsagen. Er fungiert außerdem als Verbindungsglied zwischen Crew und Passagieren, ist Mädchen für alles und hat ein offenes Ohr für jeden. Ein aufwändiger Job, der ihm aber sichtlich Spaß macht. Und manchmal auch eigene Entscheidungen abverlangt.

An diesem Abend jedenfalls muss keiner enttäuscht ins Bett. Eine Stunde etwa hat die schöne Aurora ihr Schauspiel aufgeführt und in mehreren Akten einige ihrer Gesichter gezeigt: Schlingen, Schleifen, Schlieren und Wirbel, deren einzige Konstante das sanfte Verschmelzen ineinander ist. Bis irgendwann der großen Götterfackel schließlich der Saft ausgeht und sie vom Himmel verschwindet. Ebenso abrupt, wie sie entzündet wurde.

Zu diesem Zeitpunkt stehen nur noch die Härtesten der Harten an Deck. Mit Frostbeulen an Händen und Füßen, aber grenzenlos glücklich: Allein für dieses zauberhafte Spektakel der Natur hat sich die Reise schon gelohnt.

Nordlicht-Versprechen

Die Seereisen Bergen-Kirkenes-Bergen (11 Tage) oder Bergen-Kirkenes-Trondheim (10 Tage) kosten ab 1739 Euro (inklusive Rail & Fly, Flüge, Transfers und HP an Bord).

Nordlicht-Versprechen: Damit garantiert die Reederei das Nordlichterlebnis und bietet im unwahrscheinlichen Nordlicht-Ausfall-Fall eine Seereise als Entschädigung an - gratis.


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