Hoch hinaus am Hochofen

Abenteuerstadt Duisburg: Früher wurde hier Eisen produziert, heute kann man klettern, radeln, tauchen. Und schlafen.

Wer die am tiefsten gelegene Hütte des Deutschen Alpenvereins (DAV) sucht, muss sich sehr weit in den Norden begeben - nach Duisburg. "Sie liegt nur 26 Meter über dem Meeresspiegel und ist offiziell anerkannt", betont Klettergartenwart Horst Neuendorf.

Innen versprüht die Duisburger Nordparkhütte, so der offizielle Name, das gleiche Flair wie die DAV-Hütten im Gebirge: Fotos von Bergpanoramen an den Wänden, historische Seile in Vitrinen und hölzerne Doppelstockbetten in den Schlafräumen. Nur die Umgebung ist etwas gewöhnungsbedürftig. Denn während man von der Dresdner oder der Chemnitzer DAV-Hütte auf tiefe Täler und hohe Alpengipfel blickt, sind es hier mehr als 50 Meter hohe Hochöfen.

Bis 1985 standen diese Stahlkolosse noch unter Feuer. Mithilfe von glühendem Koks wurden Eisenerze bei rund 2000 Grad Hitze zu Roheisen geschmolzen. Der ehemalige Hüttenwerker Andreas Staszewski lässt diese Geschichte bei Führungen durch das Gelände wieder aufleben. Er erzählt, wie Schmelzer in Holzschuhen und silbernen Schutzanzügen Löcher in die Hochöfen bohrten, woraufhin sich das Eisen in einem Sandbett den Weg in sogenannte Pfannenwagen suchte. Mit den Wagen konnte das Roheisen im noch flüssigen Zustand zur Weiterverarbeitung in die umliegenden Gießereien gefahren werden.

Bis zu 1000 Menschen und mehr waren an den fünf Hochöfen beschäftigt und haben in 82 Jahren insgesamt 57 Millionen Tonnen Eisen produziert. 1985, als die Stahlpreise in den Keller fielen, kam das Aus für viele Hüttenwerker - und die riesige Produktionsanlage brauchte eine neue Bestimmung. Die Manager des Betreibers Thyssen wollten die Stahlriesen ursprünglich demontieren lassen und verkaufen. Eine Bürgerinitiative setzte sich dafür ein, dass die Hochöfen an Ort und Stelle als Kulturdenkmal erhalten bleiben. Ihr Wunsch wurde erhört - und nach vielen Jahren der Umgestaltung konnte 1994, vor genau 25 Jahren, der Landschaftspark Nord auf einer Fläche von 180 Hektar eröffnet werden. Die Kosten inklusive Grunderwerb und Altlastenbehandlung betrugen 100 Millionen DM.

Der Park verfügt über ein 30 Kilometer langes Fuß- und Radwegenetz. Heute wachsen dort mehr als 450 Arten von seltenen und geschützten Blütenpflanzen. Auch 40Brutvogelarten konnten im Landschaftspark nachgewiesen werden, von denen elf auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten stehen.

Entlang des Flusses Emscher, der den Landschaftspark auf drei Kilometern durchfließt, haben Architekten Biotope mit Terrassen entstehen lassen, die das Regenwasser speichern und nach und nach wieder in den Wasserlauf abgeben. Noch vor 30 Jahren sammelte die Emscher die Abwässer der Industrieanlagen und Wohnhäuser der Umgebung - entsprechend soll es an warmen Tagen auch gerochen haben.

Der Landschaftspark bietet viele Möglichkeiten für Freizeitsport: In einem alten Gasometer, in dem früher das bei der Eisenherstellung anfallende Gischtgas aufgefangen wurde, ist heute ein Tauchgebiet entstanden. Sporttaucher und Anfänger können darin 13 Meter bis zum Grund schwimmen und dort ein Schiffswrack, ein Flugzeug und zwei Pkw Trabant in einem künstlichen Riff entdecken. Zudem dient der Landschaftspark als Strecke für 24-Stunden-Mountainbike-Rennen.

Einer der Höhepunkte ist der größte künstliche Kletterpark Deutschlands. Mitglieder des DAV Duisburg wählten dafür das ehemalige Kokswerk aus - an den Pfeilern, die die Schienen der Transportbahn tragen. "Dazu brauchte es viel Fantasie und ein wenig Verrücktheit", sagt Horst Neuendorf, der selbst einen Großteil der 600 Kletterrouten in seiner Freizeit geschraubt hat. Zuvor musste aber erst mal der Dreck weg. "Erst mit Drahtbürste, dann mit einem Kärcher", erinnert sich Neuendorf.

Heute klettern nicht nur Duisburger die Wände hoch. Sportler aus ganz Deutschland wollen die Routen und Klettersteige in dieser imposanten Umgebung bezwingen. Damit sie direkt von den Haus- in die Kletterschuhe wechseln können, nisten sie sich in der DAV-Hütte neben den Hochöfen ein.

Direkt ab Hauptbahnhof 

Anfahrt: Die Adresse ist Landschaftspark Duisburg Nord, Emscherstraße 71, 47137 Duisburg. Mit der Straßenbahn nimmt man ab Hauptbahnhof die Linie 903 Richtung Dinslaken und fährt bis zur Haltestelle "Landschaftspark Nord", von dort in die Emscherstraße (Fußweg ca. zehn Minuten). www.landschaftspark.de

Öffnungszeiten:  Der Landschaftspark ist 24Stunden ganzjährig offen und kostet keinen Eintritt. Führungen gibt es ab zehn Euro. Nachts gibt es Fackelführungen, sie starten im Sommer ab 21 Uhr und kosten 14 Euro.

Übernachten: Ein Bett in der Duisburger Nordparkhütte kostet 13 Euro, für DAV-Mitglieder zehn Euro, Kinder bis sechs Jahre frei. Buchungen über die Telefonnummer 0203 428120 oder dav-duisburg@t-online.de. Eine andere günstige Möglichkeit ist eine Übernachtung in derJugendherberge direkt am Landschaftspark Nord. Zimmer kosten dort ab 22,90 Euro. Telefon: 0203 417900

Klettern: In der DAV-Anlage kostet Klettern für Erwachsene neun, für Jugendliche von 15 bis 17 Jahre drei und für Kinder bis 14 Jahre zwei Euro. DAV-Mitglieder (auch Sächsischer Bergsteigerbund) zahlen sechs Euro.

Tauchen: Für Taucher mit Tauchschein kostet eine Ganztagskarte im ehemaligen Gasometer 26 Euro. Für Anfänger gibt es Karten für Schnuppertauchen ab 49 Euro. Telefon: 0203 4105353

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