Hoch und heilig

Ein neuer Bergpilgerweg führt durch eine ganz besondere Gegend von Osttirol. Was ist mehr gefragt - Glaube oder Kondition? Wir haben den Test gemacht.

Einen "Herrgottswinkel" nennt Dekan Bernhard Kranebitter diese Gegend. Denn hier, rund um Lienz und Matrei in Osttirol, seien die Menschen schon immer ein bisschen gläubiger gewesen als anderswo. Viele Bräuche und Zeremonien hätten sich bis heute erhalten. Dazu gehört auch das Wallfahren von einem Tal ins andere - über den Pass. Ein religiöses Unternehmen mit durchaus alpinem Anspruch.

"Diese jahrhundertealte Tradition wollten wir aufgreifen und mit dem sehr aktuellen Wunsch vieler Menschen nach Entschleunigung, Reduktion und Selbstreflexion verbinden", sagt Kranebitter. So entstand die Idee für den Bergpilgerweg "Hoch und Heilig". Dafür haben die Initiatoren keine neuen Pfade angelegt, sondern vorhandene Routen in Osttirol und den angrenzenden Gebieten von Oberkärnten und Südtirol miteinander verknüpft - immer wieder gesäumt von jahrhundertealten Pilgerstätten, Wallfahrtskirchen und Kapellen.

Doch der Bergpilgerweg ist nicht irgendein neues Angebot für die wachsende Pilgergemeinde: Mit 13.000 steigenden Höhenmetern auf neun Etappen ist "Hoch und Heilig" selbst für erfahrene Bergwanderer ein anspruchsvolles Unterfangen. Der Glaube, auch an sich selbst, kann da hilfreich sein. Ohne gute Kondition wird die Tour aber schnell zur Tortur. Zwar beginnen manche Abschnitte moderat, die Herausforderung lässt jedoch nie lange auf sich warten. Wir haben den Test gemacht mit der Überquerung zweier besonders markanter Pässe: des Villgrater (2510 Meter) und des Virger Törls (2615 Meter).

Das Tal ist noch kühl und schattig, als wir an der Kirche Maria Schnee in Kalkstein zu unserer ersten Tour starten. Offiziell ist es die sechste Etappe des Bergpilgerweges. Frühes Aufstehen unvermeidlich, denn allein die reine Gehzeit wird mit acht Stunden angegeben. Und wir wollen ja nicht durch die Landschaft rennen: Ohne Schauen, Staunen, Innehalten und die eine oder andere spirituelle Einheit würde die Tour ihrem Anspruch wohl nicht gerecht.

Auf den ersten Kilometern geht es noch leicht dahin; wir passieren die liebevoll restaurierte Wegelate Säge und den malerischen Sinkersee, in dem sich die fernen Bergrücken spiegeln. Auf einer sonnenüberfluteten Lichtung bleibt Dekan Kranebitter, der uns an diesem Tag begleitet, stehen. "Schweige und höre, neige deines Herzens Ohr", singt er mit klarer Stimme und lädt uns ein, die nächste Stunde ohne die bis dahin muntere Unterhaltung zu wandern. Wir sollen uns "einmal richtig sattsehen und satthören und führen lassen." Und tatsächlich hören wir plötzlich auch das leise Plätschern winziger Bächlein, vernehmen das zaghafte Lied eines einzelnen Vogels, sehen das rötliche Beerenlaub, das vom bevorstehenden Herbst kündet.

Mit sinnlichen Genüssen ganz anderer Art wartet dann die Unterstaller Alm auf: Eine Rast bei köstlicher Nusstorte wappnet uns für den sportlichen Teil des Tages. Das Villgrater Törl ist zwar nicht mehr weit, aber fast 850 Meter über uns - wir müssen also sehr steil hinauf. Die Sonne steht inzwischen hoch über den Wiesenhängen, der Schweiß rinnt, die Gespräche verebben ganz von selbst. Unsere Blicke kleben am Boden und erhaschen prächtige Silberdisteln; eine Kreuzotter ringelt sich über den Pfad. Zwei Stunden später erreicht der durchtrainierte Dekan als Erster den Pass. Hinter uns liegt das Villgraten-, vor uns das Defereggental; die Aussicht ist postkartenreif. Keine Straße, keine Seilbahn, nur ein Meer aus Gipfeln.

Hinunter tasten wir uns anfangs recht vorsichtig, doch mit der Breite der Wege nimmt auch das Tempo zu. Bernhard Kranebitter betet einen Rosenkranz - das passt gut zum inzwischen gleichförmigen Schritt. Auf der Terrasse der urigen Alpe Stalle gönnen wir uns noch einmal eine kleine Brotzeit, der Wasserfall des Stallebaches setzt den letzten großen optischen Höhepunkt. Der Rest der Strecke ist pure Fleißarbeit und zieht sich zugegebenermaßen gewaltig. Für den liebevoll angelegten Wassererlebnisweg im Tal hat keiner mehr einen Blick. Und in St. Jakob sind wir so geschafft, dass wir den Besuch der Pfarrkirche auf den nächsten Morgen verschieben.

Den materiellen Lohn für die Mühen des Tages gibt es in Form eines deftigen Osttiroler Essens, den ideellen in der Kirche. Jede absolvierte Etappe wird mit einem Stempel in den Pilgerpass und einem farbigen Segensband für den Rucksack honoriert.

Nach dem Kirchbesuch am nächsten Morgen bringt uns ein Taxi hinauf zum Waldrand, damit wir unseren Zeitplan einhalten können. "Das ist nicht verboten oder verpönt", beruhigt uns Inge Egger. Die ehrenamtliche Pilgerbegleiterin leistet uns auf der zweiten Tour Gesellschaft. "Jeder entscheidet selbst, ob er seine Grenzen ausloten oder mal ein Stück fahren möchte." Die grauen Wolken und der kalte Wind machen uns die Wahl leicht.

Weil Inge Egger auch Bergwanderführerin und Nationalparkrangerin ist, kann sie spannend von Zirben und Flechten, Heilpflanzen und giftigen Gewächsen erzählen. Wir wandern etwas langsamer, aber gleichmäßiger als am Vortag und lernen andere Pilger-Zeremonien kennen. So sollen wir einen Stein mitnehmen als Symbol für die Last, die man im Leben trägt. Und uns in kaltem Bergwasser die Hände waschen - ein Akt der rituellen Reinigung. Mittags picknicken wir bei ungemütlichen zwölf Grad am Gritzer See, kurze Zeit später erreichen wir das Virger Törl. Wie alle Pässe, so Inge Egger, sei dies ein Ort, an den man zurück und nach vorn blickt. Uns pfeift dabei ein rauer Wind um die Ohren, rundum breitet sich eine steinige, karge Hochgebirgslandschaft aus. Doch jenseits des scharfen Grates schimmert der sprichwörtliche Lichtstreif am Horizont. Und je weiter wir dem Virgental entgegensteigen, desto freundlicher zeigt sich das Wetter.

An der Lasörlinghütte umfängt uns menschenleere Stille. Unsere Begleiterin zitiert Rilke und legt Stein-, Papier- und Stoffherzen auf den Boden. "Das Herz kann erwärmt oder erobert werden, man kann es verlieren, es kann einem übergehen", liest sie vor. Und genau das, welch Wunder, passiert in diesem Moment: Die Wolken reißen auf, die Nachmittagssonne wärmt mit goldenen Strahlen, die Gipfel schälen sich aus dem Nebel. Was stört es da, dass noch rund 1150 Abstiegsmeter vor uns liegen?

Nur für Geübte

Anreise: Mit Zug oder Auto nach Lienz. Man kann dort sofort loswandern oder mit dem Postbus zum offiziellen Startpunkt der ersten Etappe nach Lavant fahren.

Anspruch: Der Bergpilgerweg ist rund 200 Kilometer lang; die Wanderer müssen auf neun Etappen insgesamt jeweils 13.000 Höhenmeter im Auf- und Abstieg bewältigen. Dafür sind Bergerfahrung, eine sehr gute Kondition und Trittsicherheit erforderlich.

Wandersaison: Von Mitte Juni bis Ende September. Aufgrund der Höhenlage kann aber auch in dieser Zeit auf einigen Abschnitten Schnee liegen.

Wanderpauschalen werden für die kommende Saison nicht angeboten, aber auf Wunsch hilft die Osttirol Information bei der Planung und vermittelt die Quartiere. Voraussichtlich ab Herbst 2019 soll die komplette Online-Buchung über eine Plattform für Fernwanderwege möglich sein.

Weitere Informationen:

www.ostirol.com

www.hochundheilig.eu

 

Die Recherche wurde unterstützt vom Tourismusverband Osttirol und vom Bildungshaus Osttirol.

Was man zum Bergpilgern braucht

Die Ausrüstung sollte gut ausgewählt werden - ein Handy ist unerlässlich

Anleitung: "Wenn das Haus unseres Lebens in Gewohnheit erstarrt ist oder erschüttert wird oder wenn eine Veränderung ansteht, dann meldet sich die Sehnsucht, das Leben und sich selber wieder mehr zu spüren, der Natur, Menschen und Gott zu begegnen und Orientierung für den eigenen Weg zu finden", heißt es im Pilgerbüchlein, das in allen Tourismusbüros entlang des Weges, im Bildungshaus Osttirol oder als Download erhältlich ist. Darin finden sich ausführliche Beschreibungen aller Etappen, Sehenswürdigkeiten an der Route, mögliche Abstecher und auch spirituelle Übungen.

Start: Wer den gesamten Weg in Angriff nehmen will, startet in Lienz oder Lavant und geht bis Heiligenblut. Die An- und Abreise zum Ausgangs- und Endpunkt sowie zu allen Etappeneinstiegen und -zielen ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln möglich. Zur Vorbereitung wird der Routenplaner des Verkehrsverbundes Tirol (VVT) empfohlen.

Stempel sammeln: Wo es das Pilgerbüchlein gibt, bekommt man auch den Pilgerpass. Am Ziel jeder Etappe findet man im Eingangsbereich der Kirche einen hölzernen Pilgerwürfel mit einem Stempel. Wer neun Stempel vorweisen kann, erhält eine Pilgerurkunde - entweder in der Nationalpark-Lodge Großglockner am Zielort Heiligenblut, bei den Tourismusverbänden oder beim Bildungshaus Osttirol. In den Würfeln liegen auch farbige Segensbänder für den Rucksack.

Gepäck: Pilger tragen ihr Gepäck selbst, ein Transportservice ist nicht vorgesehen. Deshalb sollte man die Ausrüstung sorgfältig auswählen und minimieren. Gute Bergschuhe, wetterfeste Kleidung, genügend Wasser und Proviant sowie Erste-Hilfe-Set und Handy sind jedoch unerlässlich. Notfallnummern und Kontakte der Herbergen speichern oder notieren!

Unterkunft: Spezielle Pilgerherbergen wie am Jakobsweg gibt es nicht, dafür aber zertifizierte Pilgerunterkünfte, die sich auf die Bedürfnisse der Bergpilger eingerichtet haben. Sie nehmen Gäste auch für eine Nacht auf und bereiten Frühstück ab 6 Uhr zu. Nach Absprache wird ein Lunchpaket zubereitet.

www.hochundheilig.eu

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