Im Reich des Drachens

Die Drakensberge in Südafrika sind ein Paradies - auch für Wanderer. Eine Zulu-Bergführerin kennt die schönsten Wege und hilft ängstlichen Gästen über Kettenleitern.

Der Wanderweg ist schmal. "Bleibt zusammen", ruft Bergführerin Zee Ndaba. "Lasst keine großen Abstände entstehen." Wenn das so einfach wäre. Im Gebüsch sitzen Paviane, am Wegesrand wachsen Mini-Ananasse und riesige gelbe Lilien. Reizüberflutung. So viel zu sehen, zu riechen, zu fotografieren.

Zee wird ungeduldig. "Ihr wollt euch doch den Gipfel nicht entgehen lassen", ruft die Zulu-Frau. Sie ist knapp 1,80 Meter groß und von kräftiger Statur. Die Zöpfchen, eng am Kopf geflochten, stecken unter einer Schirmmütze. Die Drakensberge, das höchste Gebirge im Süden Afrikas, sind ihre Welt. Je nach Sonneneinfall und Wolkenbild verändern die Bergrücken ringsum ihr Gesicht. Was bleibt, ist die Silhouette eines Drachens. "Und wer nicht glaubt, dass der Drache hier war, schaut einfach nach rechts", sagt die Bergführerin und zeigt auf den türkisblauen Stausee Fika-Patso. Er ist geformt wie der dreifüßige Abdruck des Drachenfußes.

Mehrere Gruppen sind in der warmen Mittagssonne auf dem Weg zum Gipfel Mont-Aux-Sources. Ungewöhnlich für Südafrika, denn Bergwandern ist hier längst nicht so populär wie bei uns. Doch in den Drakensbergen geht eine Schulklasse singend voran. Die Jugendlichen kommen aus Pretoria und wollen gemeinsam auf dem Hochplateau übernachten. Vorher müssen sie wie jeder Wanderer eine echte Mutprobe bestehen. An Kettenleitern geht es 30 Meter die Steilwand hinauf. Die Furchtlosen aus der Wandergruppe schwingen, mit einer Hand am Griff, auf einer nur notdürftig gesicherten Leiter hin und her, den Blick in die Ferne gerichtet. Alle anderen reihen sich an einer zweiten Eisenleiter mit runden Griffen und guter Befestigung ein. Nur nicht nach unten schauen! Zee klettert hinterher, hilft bei jedem Schritt, setzt die Füße auf, ermuntert. Beim Zwischenstopp hilft sie den Blassen mit einem Zuckerriegel, damit sie auch die zweite Leiter schaffen. Ohne routinierte Führerin wäre die Tour wohl möglich, aber lange nicht so sicher zu schaffen.

Auf dem Plateau in reichlich 3000 Metern Höhe ist alle Angst vergessen. So viel Weite, so nah am Himmel. Der sonst so wilde Tugela-Fluss ist im südafrikanischen Sommer zum Rinnsal geschrumpft. Seicht kriecht er zur Felskante, um dort rund 900 Meter in die Tiefe zu tröpfeln. Kaum vorstellbar, dass dies der spektakuläre Tugela-Fall sein soll.Selbst Zee, die den rund fünf Stunden langen Weg über rund 1000 Höhenmeter oft mit Gästen wandert, wird andächtig. Hier oben fühlt sich die 40-Jährige frei, ist immer neu berührt von der Schönheit der Landschaft. Sie brauche die Weite in den Bergen, sagt sie, um das Leben in der Ebene zu meistern. Zuhause in Amazizi, einem Dorf am Fuße der Drakensberge, halten die Männer sie für verrückt. Doch das stört sie nicht. Als eine der ersten schwarzen Bergführerinnen Südafrikas, die zwei Jahre lang in Theorie und Praxis für das Zertifikat gebüffelt hat, ist sie oft tagelang mit Gästen auf Trekkingtouren im Hochgebirge unterwegs. Auch, um das Schulgeld für ihre beiden Söhne bezahlen zu können.

Der Ältere ist Legastheniker. Seitdem er an der Privatschule lernt, gehe alles besser, erzählt Zee. Noch verdient die geschiedene Mutter mit den Bergtouren nicht genug. Hin und wieder muss sie in einer Hotelbar jobben, um die Familie über die Runden zu bringen. Während sie weg ist, werden die Jungs von ihrer Mutter betreut. Zee bewundert sie. Die Stärke, sagt sie, habe sie von ihr geerbt. Und von den Bergen. Manchmal muss sie eine Nacht oben verbringen, um den Sonnenaufgang am nächsten Morgen zu erleben. In solchen Momenten fühlt sie sich frei und stark.

Dass die Drakensberge Kraft geben, wird auch den Gästen klar, wenn der Blick von der Steilkante auf das Amphitheater fällt, wie der Bergrücken gegenüber heißt. Gut erkennbar ist der Teufelszahn oder der Zahnstocher des Teufels, wie die Einheimischen einen markanten Gipfel nennen. Doch der Drache zeigt sich an diesem Nachmittag unruhig und hüllt das Tal in Nebelschwaden. Binnen weniger Minuten ziehen sie mit kaltem Wind herauf und ebenso schnell wieder hinab. Zee ruft die Gruppe zusammen. "Jetzt muss es schnell gehen, damit wir trocken in der Witsieshoek-Lodge ankommen."

Einreise ohne Visum möglich 

Anreise: Ab München oder Frankfurt/Main mit South African Airways nach Johannesburg. Der rund zehnstündige Direktflug geht über Nacht. Von dort weiter mit Reisebus oder individuell mit dem Mietwagen. Flüge mit Zwischenstopp bieten Alitalia oder Qatar Airways.

Einreise: Deutsche Touristen benötigen für Aufenthalte bis maximal 90 Tage kein Visum. Der Reisepass muss noch mindestens 30 Tage gültig sein und zwei freie Seiten für Sichtvermerke haben.

Geld: Für einen Euro erhält man rund 15 südafrikanische Rand.

Reisezeit: Im südafrikanischen Frühling (September/Oktober) sind die Tage angenehm warm und die Nächte nicht zu kalt.

Erleben: Empfehlenswert ist eine geführte Rundreise. Hauser Exkursionen bietet zum Beispiel eine 17-tägige Wander- und Safarireise "Wandern im wilden Norden" an. Sie führt durch sechs Nationalparks, inklusive sind Wanderungen in den Drakensbergen, Fußpirschs sowie Geländewagen- und Bootsafaris. Übernachtet wird u. a. im Sungubala Eco Camp, das Strom aus Wind und Sonne gewinnt. Die Reise kostet ab 3298 Euro inkl. Flug.

Die Recherche unterstützten Hauser- Exkursionen, South African Airways und South African Tourism Board.

www.southafricantourism.de

Zu Fuß zu den Elefanten 

Im Mtomeni Safari Camp gibt es kaum Strom, dafür aber wilde Tiere 

Im Mtomeni Safari Camp, das zum erweiterten Kruger-Nationalpark gehört, wartet Abenteuer pur auf die Gäste. Mit den Führern Edwin und Tina geht es direkt zum angrenzenden Großen Letaba-Fluss, wo Elefanten Schlammbäder nehmen und Impalas und Büffel an den Ufern grasen. Zum Sonnenuntergang fahren die beiden im offenen Jeep mit ihren Gästen zu einem Hügel, wo sich im besten Fall auch Giraffen zum Sundowner-Foto gesellen.

Im Camp sorgen dann Suzzy und Winci aus dem Nachbardorf für ein leckeres Abendessen. Strom wird ausschließlich mit Solarzellen erzeugt und ist nur für das Laden von Kamera- und Smartphoneakkus gedacht. Das Duschwasser erhitzt sich in Fässern auf dem Dach selbst. Föne sind Luxus, darauf kann man hier getrost verzichten. Ohne Taschenlampe wird der Weg zum Zelt schwierig. Wobei das Wort Zelt ein falsches Bild von der Unterkunft vermittelt. Auf Pfählen gebaut, hat diese zwar Zeltwände, ist im Innern aber mit bequemen Betten samt Moskitonetzen, Schreibtisch und einer Dusche ausgestattet. Von der Terrasse geht der Blick auf den Fluss - atemberaubend. Nachts ist man akustisch mittendrin in der Wildnis. Gern reiben sich Flusspferde an den Stelzen des Zeltunterbaus. Willkommen in Afrika!

Direkt nach Sonnenaufgang gehen Edwin und Tina mit ihren Gästen auf Pirsch. Immer dabei: ein Gewehr, um bei Gefahr einen Warnschuss abgeben zu können. Bei der Pirsch erfahren die Gäste, woran man an der Urinpfütze des Elefanten dessen Geschlecht erkennt, weshalb es ewig dauert, bis eine tote Giraffe verwest ist, und warum man sich besser von jungen Büffelmachos, sogenannten Daggaboys, fernhält.

Überall sieht man runde Trichter im Sand, wo Ameisenlöwen ihre Beute fangen. Krönender Abschluss ist ein Stopp am Letaba-River, wenn dort die Köpfe der Flusspferde auftauchen. kh

Eine Übernachtung im Camp kostet rund 33 Euro, ein Frühstück 8,50 und die Wanderung 12 Euro.

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