Immer an der Küste entlang

Der Süden Portugals gilt als Geheimtipp zum Überwintern. Als Wanderziel kennen ihn bisher die wenigsten.

Wenn Diogo Trindade aufbricht zu einer Tour durch die schroffe Felslandschaft der Rota Vicentina, dann vergisst er nie die Farben. Rot, gelb, grün, blau - abgefüllt in kleinen verschraubten Plastikfläschchen. Die gehören wie die Pinsel zu seinen Wanderutensilien.

Diogo ist Guide an der Westküste der Algarve und regelmäßig unterwegs auf dem Fishermens Trail oder auf dem Caminho Histórico. Der Fischerpfad und der Historische Weg zählen zu den bekanntesten Wanderrouten zwischen dem Norden des Alentejo und dem Cabo de Sao Vicente, dem südwestlichsten Punkt Europas. Dazwischen ist seit dem Jahr 2012 ein Wegenetz von 740 Kilometern entstanden, mit den beiden Haupt- und zahlreichen Rundwegen in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden.

An diesem Morgen führt Diogo seine Gäste auf einem Rundweg. Die Tour beginnt hinter den Bars am Strand von Amado. Der Ort - das sind ein paar alte Fischerhäuser, Strandbars, eine Surfschule und Parkplätze. Im Sommer tummeln sich hunderte Badegäste in der kilometerlangen Bucht und müssen dennoch nicht wie die Heringe aneinander liegen. Jetzt, im Winter, nehmen es ein paar Surfer in Neoprenanzügen mit den Wellen des Atlantiks auf.

Der sandige Pfad ist Teil des Fishermens Trail, der Wanderern das gewaltige Küstenpanorama im äußersten Westen des Kontinents nahebringt. Die ersten paar hundert Meter führen über einige Hügel hinüber zur Bucht von Murracao. Von dort geht es immer bergauf und bergab über uralte Sandsteinformationen. Die Erosion hat aus ihnen in 200 Millionen Jahren eine anscheinend nie enden wollende Kette malerischer Buchten und schroffer Felswände geschaffen.

An einer der vielen Wegmarken erklärt der Guide das etwas komplizierte System aus vier Farben, mit denen die Touristiker das regionale und überregionale Netz ihrer Wanderrouten markieren. Dann zieht er die Fläschchen mit gelber und roter Farbe aus der Westentasche und pinselt die Wegweiser sorgfältig nach.

Rechts und links des Weges wachsen Thymian, Grasnelken, Erikakraut. In den Tälern, in denen sich nach Regen kleine Bäche bilden, dominieren die afrikanischen Tamarisken, wilde Artischocken, Wacholder und Pfingstrosen, die hier schon zu Ostern blühen.

Ein paar Kilometer nördlich, unweit der Kleinstadt Aljezur, sind auf einem schroffen Felsen Zeugnisse der wechselvollen Geschichte dieser Region zu sehen. Eine halbe Wanderstunde südlich der Bucht vom Monte Clerigo tauchen die Reste eines uralten Hauses auf. Die Mauern gehören zu dem, was vom Ribat von Arrifana übrig ist, einer muslimischen Küstenfestung, die Araber vermutlich im 12. Jahrhundert errichtet hatten.

Seit 2001 erforschen Archäologen das Areal, auf dem auch die Grundmauern weiterer Gebäude zu erkennen sind. Die Siedlung gilt als Zeugnis des islamischen Zeitalters auf der iberischen Halbinsel. Sie verschwand wieder im Nebel der Geschichte. Nur ein Minarett, so ist überliefert, diente im späten Mittelalter als Wachturm hoch über der Atlantikküste. Aufgrund seiner architektonischen Ähnlichkeiten mit nordafrikanischen Grenzbefestigungen und anhand von Küchenutensilien, Töpferwaren, Dolchen und Pfeilspitzen, die Archäologen fanden, wurde das Ribat von Arrifana erst vor 20 Jahren als muslimischer Schutz- und Gebetsort quasi wiederentdeckt.

Hier und an den Klippen weiter im Süden erspähen Wanderer mit etwas Glück Weißstörche, die in den Felsen brüten. Sie sind überall in den Orten an der Algarve zu finden. Seeadler würden die Birdwacher aber vergeblich suchen. "Die gibt es hier nicht", sagt Diogo Trindade.

Nach vier Stunden erreicht er mit seinen Gästen wieder den Strand von Amado. Hier empfiehlt er eine Rast bei Cato. Das kleine Roadhouse liegt etwas versteckt zwischen den Stränden von Amado und Bordeira in Carrapateira. Der Zufall will es so: Der Besitzer heißt ebenfalls Diogo. Seine Gäste sind Wanderer und Surfer. Für sie brät er täglich frischen Fisch und Meeresfrüchte. Auch ein paar Zimmer für die Nacht hat er im Obergeschoss. Sein Gemüse baut er hinterm Haus an. Bio natürlich, wie er sagt. Als Dünger nutzt er die Abfälle seiner Küche. In der Taverne hängen Bilder regionaler Maler, auf den herumstehenden Instrumenten spielen abends Diogos Freunde oder die Gäste.

Diogo vom Cato betont, dass er Teil der Rota Vicentina ist, und sein Namensvetter ergänzt, dass dieses touristische Projekt mehr sei als nur ein Netz von Wander- und Radlertouren. Es stehe allen offen, die mit Produkten und Dienstleistungen einen nachhaltigen Tourismus fördern möchten. Bereits jetzt würden sich Surfschulen, Bootsverleiher, Fahrradstationen, Herbergen sowie kulturelle und Wellness-Veranstalter beteiligen, sagt Guide Diogo Trindade. "Es gibt etwa 200 Anbieter, die seit 2012 die Rota Vicentina im Einklang mit den Gemeinden, mit der Umwelt und der örtlichen Wirtschaft entwickeln", sagt er.

Ähnliche Projekte wie die Rota Vicentina wachsen auch andernorts an der Algarve. Eines heißt Via Algarviana und führt ins Hinterland, unter anderem durch die Sierra de Monchique, eine Gebirgslandschaft mit Eukalyptuswäldern und den höchsten Bergen der Algarve. Von ihnen kann man aus 40 Kilometern Entfernung den Ozean sehen.

Das Ziel dieser Offerten liegt auf der Hand. Portugals Süden will seine touristische Saison kontinuierlicher gestalten. Sie ist die Haupteinnahmequelle der Region und dauert schon jetzt zwölf Monate. Derzeit verdreifacht sich die Zahl der Menschen, die im Sommer an der Algarve leben. In den Wintermonaten sind die Destinationen weniger ausgelastet. Das soll sich ändern.

Bei 15 bis 20 Grad lässt es sich in der grandiosen Landschaft bestens wandern und radeln. Das will man noch mehr fördern. Denn es gibt nicht viele Orte in Europa, wo die Gäste zu Weihnachten und im Januar die Apfelsinen direkt vom Baum pflücken können.


Schulenglisch hilft weiter 

Reisezeit: Für Wander- und Radelreisen bieten sich die Monate Oktober bis April an.

Übernachtung: Individuelle Buchungen unter:

www.portuguesetrails.com/de

Sprache: Deutsch wird kaum gesprochen, mit Schulenglisch kommt man weiter.

Die Reise wurde unterstützt vom Tourismusbüro der Algarve.

www.visitalgarve.pt/de

www.algarve-entdecker.com

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