In der Galaxie der Berber

Tunesien bietet mehr als Meer. Entdecker zieht es in den Süden des nordafrikanischen Landes. Dort, am Rande der Sahara, warten alte Höhlenorte und Filmkulissen.

Wenn Gäste kommen, schickt Raouf Talbi seine Brüder los. Mit landestypischen Instrumenten laufen sie den Berg hinunter, um die Besucher zu begrüßen. Die Männer tragen azurblaue Röcke, weiße Hemden und rote Westen. Dann beginnen sie zu trommeln und auf der Schalmei zu blasen. So begleiten sie die Ankömmlinge hinauf in das alte Douiret. Es ist ein Hotel und trägt den Namen des Mannes, der dem Ort neues Leben schenkt - "Chez Raouf".

Im Hof des Ksars, wie die Berber ihre Höhlendörfer nennen, wartet der 43-jährige Hausherr im Burnus, dem traditionellen Kapuzenmantel. Sein Großvater habe ihm den Kaftan vor 20 Jahren übergeben, sagt Raouf. Damals stand er vor der Frage: "Sollte ich, wie alle, das Dorf der Vorfahren verlassen und in die Ebene, ins neue Douiret ziehen, wo es fließendes Wasser gibt und Elektrizität?"

Sechstausend Menschen lebten einmal im Ksar Douiret. Bis zu sieben Meter hatten sie ihre Höhlenquartiere in den Fels gegraben. Darin trotzten sie dem Klima und ihren Feinden. Jedes Ksar besaß eine Wasserversorgung, die Speicher auf dem Gipfel waren meist gut gefüllt. Etwa 150 solcher Höhlendörfer sind bis heute im Bergland von Dahar erhalten geblieben. Sie bilden ein wichtiges kulturhistorisches Erbe im Südosten Tunesiens.

1980 hätten die letzten Familien das alte Ksar Douiret verlassen, erzählt Raouf. Ihn habe die Sehnsucht nach den Höhlen nie losgelassen. Hier verbrachte er die ersten Jahre seines Lebens. "Die anderen zogen fort", erzählt er. "Ich zog wieder in den Ksar."

Seit zehn Jahren belebt er das verlassene Bergdorf wieder. Ein Stromkabel wurde verlegt, die alte Wasserversorgung reaktiviert. Raouf Talbi setzt nach und nach die bis zu 700 Jahre alten Felsenquartiere instand. In acht der Ghorfas, wie die Höhlenwohnungen heißen, betreibt er das "Chez Raouf". Mutter und Schwester kochen für die Gäste. Es gibt inzwischen auch W-Lan, und Raouf hat viele Freunde bei Facebook - die ersten auch in Deutschland. Besucher, die den Weg zu ihm gefunden haben in die grandiose Stille der Wüste.

Reisende erwartet bescheidener Komfort mit fließend kaltem Wasser und Gemeinschaftstoilette. Auf den Betten in den Höhlen liegen schwere Kamelhaardecken. Raouf bietet Wanderungen oder Ausflüge auf dem Esel an. Und er begleitet die Fremden hinauf zur Speicherburg, wo sich ein unvergessliches Panorama bietet. Damit gehört der 43-Jährige zu den Pionieren einer relativ jungen Touristiksparte im Süden, wo die Sahara beginnt und wo seine Vorfahren ein historisches Erbe hinterlassen haben, das auf Rettung wartet. Bis in das 9. Jahrhundert gehen die Ursprünge der Felsenburgen zurück. Sie waren Zuflucht, als die Römer bis zur Sahara vordrangen. Später trotzten die Berber hier den Osmanen. Und immer zogen Kaufleute mit ihren Karawanen vorbei auf dem Weg zum Mittelmeer.

Von Weitem sind die Höhlen kaum sichtbar. Sie verstecken sich in Felslandschaften mit tiefen Schluchten und schroffen Gebirgsketten. In einer Landschaft wie auf dem Mond. Sie soll dem Star-Wars-Schöpfer George Lucas Inspiration für seinen Wüstenplaneten "Tatooine" gewesen sein, der seinen Namen dem Berberort Tatouine verdankt. In der Region liegen eine ganze Reihe von Drehorten, die für das Science-Fiction-Epos ausgewählt wurden. Sie locken nicht nur Star-Wars-Fans an.

Von Nefta am Rande des Salzsees Chott El Djerid ist es nicht weit bis "Mos Espa", dem Ort, in dem Luke Sykwalkers Vater Anakin als Sklave lebte. Vor Jahren retteten Fans die Filmkulisse vor dem Verfall. Solarmodule, Steckdosen und verwitterte Hinweistafeln zu "Mos Espa" und Skywalker verraten, dass Entwicklungshelfer hier versucht haben, eine touristische Attraktion zu schaffen. Geblieben sind ein paar aufdringliche Souvenirhändler, die Besucher auf Schritt und Tritt verfolgen - untypisch für Tunesien. Eine nagelneue Asphaltstraße führt durch die Wüste bis zur Science-Fiction-Siedlung im Nichts. Millionen-Kosten für einen Geisterort aus Holz und Pappe. Was für eine Verschwendung.

Für das schönste Hotel der Gegend, das "Dar HI" in Nefta, wurde das Geld bestens investiert. Die französische Stardesignerin Matali Crasset, die im Pariser Élysée-Palast das Büro der Präsidenten-Gattin Brigitte Macron einrichtete, schuf in Nefta ein Vier-Sterne-Haus mit nur 18 Zimmern, die sowohl an Star Wars als auch an die Höhlen von Douiret erinnern. Ihre sogenannten Pillenhäuser - rechteckige Wohneinheiten mit riesigen Fenstern - bieten Ausblicke auf Dattelhaine, auf den Chott El Djerid und das alte Dorf Nefta.

Ein Spa-Bereich am Rande der Wüste lädt ein, zu bleiben und nicht nur auf der Durchreise einmal zu übernachten. Genau das möchten die Tourismusmanager der Region. Das Land sei dabei, die Anschläge von Djerba (2002), Sousse und Tunis (2015) hinter sich zu lassen, sagt Walid Rahali, der regionale Commissioner von Tatouine. Offiziellen Angaben zufolge stieg die Zahl deutscher Urlauber in Tunesien 2018 um 52 Prozent zum Vorjahr auf 275.000. Aber die Berberorte des Südens werden von den meisten Touristen nur auf Tagesausflügen besucht. "Besucher sollten hier nicht nur durchfahren, sie sollen die Region als Destination entdecken und Zeit bei uns verbringen", wünscht sich Rahali.

Deswegen würden Wanderrouten entwickelt, auf denen man am Rande der Sahara reisen kann - zum Salzsee Chott El Djerid, in dem Karl Mays Kara Ben Nemsi seine Nordafrika-Abenteuer erlebte. Und nach Nefta, Douz, Tozeur und zu den Felsenburgen. Unweit von Tozeur, am Rande des Chott El Djerid, bauen Investoren aus Katar und die Anantara-Hotelkette derzeit das erste Fünf-Sterne-Resort Tunesiens. Das 80-Millionen-Dollar-Projekt soll vor allem Gäste aus dem Nahen Osten und Asien in die Wüste locken. Anders als das "Dar HI" im Herzen von Nefta wird das "Anantara Tozeur" ein abgeschottetes Luxusdorf sein. Im Herbst soll es öffnen. Noch stehen die Suiten und Villen nackt am Rande des Salzsees.

Nur ein paar Kilometer weiter in Nefta warnt derweil eine Investruine, wie vergänglich touristische Visionen sein können. Dort, oberhalb des Tales, das der Oase früher Wasser spendete, verfällt das "Sahara Palace" - eine riesige Vier-Sterne-Hotelanlage. Es war die Lieblingsherberge eines der letzten Präsidenten des Landes.

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Die Beraterin: Leila Ben Gacem ist eine kleine Frau mit großem Lächeln. Die 49-jährige Biomedizinerin steht im Hof ihres Hotels in der Medina von Tunis. Vor zwölf Jahren hat sie das Haus vor dem Verfall gerettet. Eine patriotische Pflicht sei das gewesen, sagt sie. Dabei war sie selbst Weltenbummlerin, studierte und arbeitete im Ausland. Heute müssten junge Leute das Land nicht verlassen, sondern an sich glauben, Chancen nutzen, Zweifel beiseiteschieben. Gastfreundschaft und Weltoffenheit seien die "Rohstoffe des Landes". Heute berät sie Handwerker, Designer, Künstler und Start-upsin der Medina. Leila weiß: Die Zukunft des Landes hängt vom wirtschaftlichen Erfolg ab.

Der Gastwirt: Gäste erkennen sofort, dass Ahmed ein gelernter Kellner ist. Umsichtig und freundlich serviert er Ziegenkäse, gebratenes Lamm und Wüstenpflanzentee. Ahmed, Mitte 20, managt das "Kenza-Chenini" - ein Gasthaus im Höhlenort Chenini. Sein Weg führt direkt in einen der Räume, die seine Vorfahren vor hunderten von Jahren gegraben haben. In Chenini leben noch 1000 Berber. Ahmed und seine Familie wohnen sogar in einer der Höhlen. "Ganz bewusst setzen wir die Tradition der Berber fort", sagt der junge Mann, der nie in die Stadt gehen würde. "Hier ist meine Heimat, meine Familie, hier habe ich Arbeit", sagt er. Hier möchte er auch seine Frau finden.

Der Händler: Auf dem Markt von Tunis staunen nur die Touristen, wenn Zitronenverkäufer Hamza Ayari seine Nikon unter dem Ladentisch hervorzaubert und drauflosschießt. In der Medina ist der 32-Jährige längst bekannt. Seit zehn Jahren verewigt er mit der Kamera nicht nur die Kunden, sondern auch den Alltag und die einfachen Leute von Tunis. Alles hatte mit einem Touristen aus Deutschland begonnen, der ihm einfach seine Kamera anvertraute. Ayaris ist es wichtig, seinen Landsleuten den schwierigen Alltag zu zeigen. Seine Bilder hängen in der Medina und werden im Fernsehen gezeigt. "Auch kleine Leute können stolz auf sich sein, das will ich ihnen zeigen", sagt Ayari.

Ab in den Süden 

Anreise: Tunisair fliegt dienstags und donnerstags von Frankfurt nach Tunis. Flugzeit 2,5 Stunden.

Weiterreise: Mit Inlandsflügen nach Tozeur oder Djerba. Für Autoreisen werden Allrad-Geländewagen empfohlen.

Beste Reisezeit: November bis April.

Ziele im Süden: Regionen Tatouine, Medinine und Matmata, Region Jerid mit den Oasenstädten Douz, Kebili, Nefta und Tozeur. Rundreisende können Campingplätze wie Zmela nutzen.

Preise: "Chez Raouf" in Douiret (Ü/HP etwa 20 Euro), Camp Zmela (Ü/HP 26 Euro), Hotel Sango in Tatouine (Ü/F ab 67 Euro), Dar HI in Nefta (Ü ab 96 Euro)

Die Reise wurde unterstützt vom Fremdenverkehrsamt Tunesien. www.discovertunisia.com/de

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