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Der Tartu Skimarathon über 63 Kilometer zieht um die 3000 Langläufer an. Immer mehr Deutsche gehen in Otepää an den Start – so wie unser Autor, der auf der Reise viel über Land und Leute gelernt hat.
Die Busfahrt vom Hotel zum Start im berühmten Tehvandi-Skistadion von Otepää ist kurz und auffällig ruhig. Kein Wunder: Die 63 Kilometer auf Langlaufskiern, die an diesem Sonntagmorgen beim Tartu Skimarathon im Süden Estlands auf die Teilnehmer warten, sind Herausforderung genug. Doch die Wetterprognose von minus 22 Grad hat das Nervositäts-Level in unserem Bus nochmal merklich in die Höhe geschraubt. Der Respekt vor der eisigen Kälte steht allen ins Gesicht geschrieben. Die einen rüsten sich mit Tapes auf Wangen, Nase und Stirn, die anderen mit einer dicken Vaseline-Schicht. Dass das Außenthermometer im Stadion kurz darauf „nur“ minus 20 Grad - in der Sonne - anzeigt, ändert nichts an der Ausgangssituation: Das wird heute ein Abenteuer.
Für einen Teil unserer 30-köpfigen Gruppe des in Dresden ansässigen Veranstalters Schulz Sportreisen hatte die Reise nach Estland schon abenteuerlich begonnen. Aufgrund eines Lufthansa-Streiks ging es nur über den Umweg Zürich und mit Verspätung nach Tallinn. Was für ein Glück, dass wir schon einen Tag früher angereist sind. So kommen wir nicht nur in den Genuss einer Führung durch die Altstadt von Tallinn, bei der wir auf dem Weg zum Tartu Skimarathon in die Geschichte des Landes eintauchen. Einen Tag zuvor können wir beim etwas anderen Stadtbummel gar nicht alles aufnehmen, was uns Reiseführerin Triin Asi über Land und Leute erzählt. Die 53-Jährige hat in Marburg studiert, spricht deshalb sehr gut deutsch und versteht es, die wichtigsten Fakten und die besten Geschichten über ihr Heimatland zu verbinden.
Von angesagten Stadtteilen und verrückten Geschichten
Denn dass Tallinn 2011 Kulturhauptstadt Europas war, dass ein Drittel der etwa 1,3 Millionen Esten in der Hauptstadt leben und regelmäßige Sauna-Besuche zur Kultur des Landes gehören, das erfährt man natürlich auch im Internet. Dass Ex-Fußball-Star David Beckham mit einem Instagram-Post vor einer Iglu-Sauna, die er sich in Estland bestellt hatte, den weltweiten Vertrieb dieser besonderen Saunen ankurbelte, geht da schon eher als Insider-Information durch. Zumal Triin Asi natürlich jenen Platz im Yachthafen von Tallinn kennt, wo man einen Blick in eine solche Iglu-Sauna werfen kann. Auch für die im Stadtbild immer wieder auffällige Nähe von historischen Gebäuden und moderner Architektur gibt es eine überraschende Erklärung. Im zwischen Kreuzfahrt-Terminal und Altstadt gelegenen Rotermann-Viertel zum Beispiel, das zu den angesagtesten Stadtteilen gehört, wurden mutig spannende Entwürfe von Architektur-Studenten umgesetzt.
Aha-Momente bleiben auch auf der Strecke des Tartu Skimarathons nicht aus, als wir eine kleine Trainingsrunde drehen. Das Stadion-Areal in Otepää mit Schanze und Biathlon-Stadion kennen die meisten nur von den Weltcup-Übertragungen im Fernsehen. Auf vielen der weit verstreut entlang des Kurses liegenden Grundstücke zeugen Löcher in zugefrorenen Seen und Teichen davon, dass für die Esten ein Eisbad zum Saunagang ganz offensichtlich dazu gehört. Dazu passend hat Triin Asi das Rezept ihrer Landsleute parat, um mit der Kälte umzugehen. „Wir essen und wir schlafen im Winter einfach mehr als im Sommer“, erklärt sie lachend. Naja: Obwohl ich am Abend zuvor wirklich gut gegessen und die Nacht zuvor auch erstaunlich gut geschlafen habe, friere ich am Sonntag im Tehvandi-Skistadion trotzdem. Aber nicht lange. Dann setzt sich die erste von drei Startwellen in Bewegung. Zu den knapp 2150 Teilnehmern, die über 63 Kilometer starten, kommen am Mittag nochmal 750 auf der 31-Kilometer-Distanz.
Dank Landschaft und Natur kommt keine Eintönigkeit auf
Unsere Gruppe, die sich in einem Hotel am Pühajärv-See nahe Otepää auf das Rennen einschwört, ist bunt gemischt. Das betrifft nicht nur die Nationalitäten, sondern auch die Ambitionen: Sie reichen von einem erfahrenen Skimarathon-Läufer aus Werdau, der den langen Kanten am Ende in unter vier Stunden absolviert, bis zu einer Berlinerin, die mit 67 Jahren erstmals ein Skilanglaufrennen auf der Halb-Distanz mit Bravour meistert. Ich erlebe den Tartu Maraton, der in der Landessprache tatsächlich ohne h geschrieben wird, als ein sehr abwechslungsreiches Rennen, in dem die Kälte dann doch nicht zum ganz großen Thema wird. Nur auf den ersten Kilometern prüfe ich regelmäßig, ob ich Finger und Füße normal bewegen kann. Dann bin ich mir sicher, dass die Kleiderordnung passt und kann auch ab und an die Schönheit der Landschaft und der Natur genießen.
Im Ziel in Elva erwarten mich eine tolle Finisher-Medaille, das obligatorische warme dunkle Bier mit Honig und meine Frau. Die Busfahrt zurück zum Hotel fällt wesentlich lebendiger aus als früh. Es gibt so viele Eindrücke zu teilen. Mein erstes Fazit: Der Tartu Skimarathon steht den ganz großen Events der Szene wie dem Wasalauf in Schweden, dem Marcialonga in Italien oder dem Birkebeinerrennen in Norwegen kaum nach. Er punktet mit einem welligen Kurs, auf dem es nie eintönig wird, und mit breiten Loipen, auch wenn in diesem Jahr die Schneeauflage zum Ende hin recht dünn war. Was bleibt, ist vor allem aber eine Erkenntnis: Bei kaum einer anderen Skimarathon-Reise kann man innerhalb von fünf Tagen so viel über das Gastgeberland lernen. Das macht den Trip letztlich auch für die Partnerin oder den Partner so interessant.
Der Termin für 2027 und alle Infos zur Reise sind zu finden auf der Homepage von Schulz Sportreisen.




