Krach in Tracht

Im Salzburger Land hat das Schnalzen seit Jahrhunderten Tradition. Männer schwingen die Peitsche - und erreichen dabei Spitzengeschwindigkeiten.

Luzifer spitzt die Ohren. Unruhig tänzelt der vierjährige Hengst auf der Stelle. So ein seltsames Seil hat er noch nie gesehen. Beim ersten Knall der Peitsche geht ein Zucken durch den ganzen Körper, so sehr erschrickt das junge Tier. Eine halbe Stunde später ist es nicht wiederzuerkennen. Auf dem gescheckten Pferd steht jetzt ein Mann und schwingt wild die Peitsche. Das Seil zischt nur knapp am Pferdekopf vorbei. Ein Knall folgt dem nächsten. Doch nicht einmal das bringt den Hengst jetzt noch aus der Ruhe. "Wir haben ihn eingeschnalzt", freut sich Franz Walchhofer und streichelt das schwarz-weiß gescheckte Fell.

Schnalzen, das ist im Salzburger Land mehr als nur ein Vereinssport. Es ist gelebte Tradition. Wobei im kleinen Ort Altenmarkt eigentlich keiner genau sagen kann, wie lang es diesen Brauch schon gibt. Man erzählt sich, dass die Peitsche über die Seidenstraße nach Österreich kam. Ursprünglich diente sie als Waffe gegen Schlangen; auf den Almen nutzte man sie zur Verständigung. Wer zurückschnalzte, der gab das Zeichen dafür, dass er zu Hause ist. Später galt das Schnalzen als Statussymbol bei Hochzeiten. Wer etwas auf sich hielt, der ließ es beim Fest ordentlich krachen.

Heute gibt es für die 34 Mitglieder der Altenmarkter Schnalzengruppe nur noch wenige Anlässe, bei denen sie ihre Peitsche schwingen können. Beim Erntedankfest im Oktober ziehen sie mit ihren Pferden durch den Ort, beim sogenannten Perchtenlauf im Januar sind sie mit dabei - und sogar einzelne Wettkämpfe gibt es. Schnalzen, das ist auch eine Kunst. Eine, die man lernen muss. Mit einer Kinderpeitsche werden schon Fünfjährige herangeführt. Erwachsene können die Peitschenspitze mit rund 1000 Kilometer pro Stunde durch die Luft sausen lassen. Es ist eine der schnellsten Bewegungen, die ein Mensch per Hand erzeugen kann.

Wie das genau geht, weiß keiner so gut wie Franz Walchhofer. Den Kindern im Ort bringt er das Peitschenschwingen bei. Vor allem den Jungen. Schnalzen, das ist in Altenmarkt Männersache. Noch. Inzwischen interessierten sich auch ein paar Mädchen für den Brauch, meint der 54-Jährige und lässt das Seil locker über seinem Kopf kreisen. Eine kurze Bewegung mit dem Handgelenk, dann zieht er die Peitsche nach rechts. Im Sekundentakt wechselt das Seil jetzt die Richtung. "Dabei", so erklärt er, "entsteht die Überschallgeschwindigkeit - und es knallt." Vorausgesetzt, die Peitsche funktioniert auch richtig.

Für die perfekte Herstellung ist in Altenmarkt nur einer zuständig: Erwin Oberlechner. Klein ist seine Werkstatt, aber gut sortiert. Eine Holzbank, ein Regal - viel mehr braucht er für sein Handwerk nicht. Seine erste Peitsche fertigte der gelernte Koch 2002 an. Für den Prototyp habe er viel Zeit gebraucht, erzählt er. Inzwischen hat der 49-Jährige aber Routine. Innerhalb von sechs, spätestens in sieben Stunden ist die Peitsche fertig. Der Holzgriff mit dem grün-roten Band ist sein Markenzeichen. Anders als bei einer Reitgerte kommt es bei seinen Peitschen nur auf den Knall an. Wichtig ist deshalb der Schmiss, das unterste Ende der Peitsche. Das muss besonders gut gearbeitet sein. All das verrät Oberlechner noch. Dann wird er wortkarg. Wie genau er die Peitschen herstellt, will er nicht verraten. Nur so viel: Mit Flechten hat es nichts zu tun. Die Seile werden gedreht. Dass er dabei seine Hand trainiert, merkt jeder, der ihm eben jene schüttelt.

Erwin Oberlechner kann die Peitschen nicht nur herstellen, er ist auch selbst ein passionierter Schnalzer. Einer, der im Pferdesattel eine gute Figur macht. Schnalzer gibt es an vielen Orten, aber Schnalzer, die auf dem Pferd ihre Peitsche knallen, die sind selten. "Das kann man auch nicht mit jedem Pferd machen", erklärt Oberlechner. Sein Vereinskollege Walchhofer stimmt ihm zu. Hier in Altenmarkt vertrauen sie auf eine Rasse - den Noriker. Ein schweres, besonders nervenstarkes Pferd, das in Österreich zu Hause ist. Auch Luzifer, der Hengst mit der langen Mähne, gehört dieser Rasse an.

Wenn die Schnalzer durch Altenmarkt ziehen, dann lässt sich das im 4200 Einwohner großen Ort kaum einer entgehen. Allein die zünftigen Trachten der Reiter sind sehenswert, genauso wie der Blumenschmuck der Pferde. Mittlerweile zieht das gelebte Brauchtum sogar Touristen an. Auch zum Wandern kommen die Besucher. Richtig voll wird es in den vielen Pensionen und Hotels aber erst, wenn der Schnee sich über die Hänge legt. Dann verwandelt sich die verträumte Gemeinde in ein Skiparadies. Zauchensee, ein in 1350 Meter Höhe gelegener Ortsteil von Altenmarkt, ist als Austragungsort des alpinen Skiweltcups bekannt.

Zurück zu Luzifer. Das Pferd meistert seinen Auftritt bravourös. Franz Walchhofer ist zufrieden. Beim nächsten Auftritt darf der Hengst wieder mit dabei sein.

Berge und Pisten

Anreise: Von Chemnitz bis Altenmarkt sind es mit dem Auto 550 km. Mit der Bahn dauert die Reise mindestens über sieben Stunden.

Übernachten: Zum Beispiel an der Kirche im 3-Sterne Hotel Rosner, Zimmer für 80 Euro pro Person mit Frühstück. Auch auf vielen Bauernhöfen sind Urlauber willkommen.

Für Genießer: Altenmarkt hat fast 40 Wirtshäuser. Kaiserschmarrn,

Tafelspitz und Kalbsschnitzel - Besucher dürfen sich auf deftige Speisen und volle Teller freuen.

Schnalzen: Die nächste Vorführung findet anlässlich des Altenmarkter Perchtenlaufs im kommenden Jahr am 6. Januar statt.

Die Recherche wurde unterstützt von der Organisation Altenmarkt-Zauchensee Tourismus.

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