Land in Sicht

Eine Kreuzfahrt, die ist lustig - aber ohne Ausflüge an Land nur halb so schön. Erst recht, wenn das Schiff eine Insel wie Madagaskar ansteuert.

Kurz vor 11 Uhr ist es mit der Ruhe im Wald vorbei. Ein Mohrenmakiweibchen klammert sich, so scheint es, noch fester an den Baumstamm und starrt die Fremdlinge aus sicherer Entfernung aus seinen Kulleraugen an. Ein paar Schritte weiter aalt sich ein Chamäleon in der Sonne; mürrisch verzieht es das Maul ob der Störung. Nur der Blattschwanzgecko tut so, als gehe ihn das alles nichts an. Kopfüber klebt er an einem Ast und tut, was alle Tiere hier tagsüber gewöhnlich tun: schlafen.

"Seid bitte still", mahnt Olivio, "und habt Respekt vor den Tieren und der Natur." Wir geben uns die größte Mühe. Nur: Wir sind nicht allein. Etwa 150 tagaktive Zweibeiner stapfen in kleinen Gruppen durch den Busch, wo das Leben normalerweise erst am Abend erwacht. Alle sind - gemeinsam mit rund 2000 weiteren Passagieren - zwei Wochen lang mit der Aidablu im Indischen Ozean unterwegs. Mauritius, La Reunion, die Seychellen und nun Madagaskar: Exotische Inseln, die man sich natürlich nicht nur vom Schiff anschauen will. Ein umfangreiches Ausflugsprogramm gehört deshalb zum Standardangebot jeder Kreuzfahrt.

Wir haben uns für den Ausflug mit dem Titel "Wandern im Naturreservat" entschieden. Mit 100 Euro pro Nase nicht ganz billig, aber wir wollen wieder pünktlich am Schiff sein. Eine individuelle Tour scheint uns dann doch zu riskant. Unser schwimmendes Hotel hat ungefähr eine Seemeile vor der Küste von Nosy Be geankert. Der Name bedeutet schlicht "Große Insel"; mit 325 Quadratkilometern ist sie etwa so groß wie Dresden und damit die größte vorgelagerte Insel von Madagaskar. Tenderboote bringen uns zum Hafen von Hell-Ville, dem Hauptort auf der Insel. Dort wartet bereits eine Armada von Minibussen. Aida-Mitarbeiter, sogenannte Scouts, verteilen die Gäste auf die Fahrzeuge. Hier lernen wir Olivio kennen. "Mein Name is Olivio, ich sprechen Deutsch ein bisschen." Das "Bisschen" beschränkt sich auf diesen Satz, umgehend wechselt der Guide ins Englische. Die Aida-Scouts sollen auch beim Übersetzen helfen. Doch bei zwei Dutzend Bussen müssten sich die jungen Frauen und Männer vierteilen, und es wären immer noch zu wenige. Also kramt jeder Ausflügler sein Schulenglisch hervor. Oder lässt einfach die Eindrücke auf sich wirken.

Es ist stickig und heiß und schwül, 31 Grad hat der Käpt'n für diesen Dezembertag vorausgesagt. Der Bus quält sich durch den Stau. Gelbe Tuk-Tuks schieben sich in jede erdenkliche Lücke, dazwischen bahnen sich Fußgänger ihren Weg. Links und rechts kleine Geschäfte, Marktstände und fliegende Händler. Wir überholen einen todesmutigen Fahrradfahrer und einen Karren, vor den zwei Zebu-Rinder gespannt sind.

Hinter der Stadt tauchen wir in grünes Bergland ein. Seltsame Pflanzen bedecken die Hänge. Die knorrigen Äste erinnern an Weinreben, nur sind sie viel dicker und die Blätter viel dichter. "Ylang-Ylang", erklärt Olivio. Frauen sitzen am Straßenrand; in großen Tüchern haben sie die Ernte des Tages verstaut: weiße Blüten, aus denen ein begehrtes Aroma für die Parfümherstellung gewonnen wird.

Während wir noch über die fremden Pflanzen staunen, hat unser Guide schon etwas Neues entdeckt. Wir steigen aus, um uns die Sache näher anzuschauen. Grüne Blätter, na und? "Ein Pantherchamäleon", erklärt Olivio auf Englisch, "ein Männchen." Wir gucken noch mal genauer hin - und siehe da, da sitzt das Tierchen. Perfekt getarnt, nur der Kopf gleicht einem farbenfrohen Kunstwerk. Mehr als 60 verschiedene Arten dieser Reptilien sollen auf Madagaskar leben. Auf Besucher üben sie eine magische Anziehungskraft aus, die Madagassen sehen sie lieber von Weitem. "Wenn sich ein Chamäleon einem Haus nähert, dann bedeutet das schlechte Nachrichten", sagt Olivio. Einzige Ausnahme: das Brookesia. Okay, man kann es auch schnell übersehen. Mit einem Zentimeter Länge - im ausgewachsenen Stadium - ist es das kleinste Chamäleon überhaupt. Olivio wird es später mit seinen Adleraugen dennoch erspähen.

Die Busfahrt endet in einem kleinen Dorf am Meer. Es herrscht Ebbe, wir müssen ungefähr zehn Minuten durch Sand und Schlamm zum Wasser stapfen. Dort warten bereits unzählige Holzboote auf uns. Drei bis sechs Leute passen in jeden Kahn, dazu noch der Steuermann. Gewöhnlich fahren die Menschen damit zum Fischen hinaus; heute schippern sie die Touristen über die Wellen. Die Boote, sogenannte Pirogen, sind so spartanisch wie genial: Ein Ausleger auf der rechten Seite verhindert, dass sie umkippen. Nicht viel anders müssen die Modelle ausgesehen haben, mit denen die ersten Siedler vor rund 1 600 Jahren aus dem heutigen Indonesien über den Ozean gepaddelt waren.

Wir müssen nur auf die andere Seite der Bucht, und Paddeln ist auch nur auf den ersten Metern nötig. Dann verbinden die Männer jeweils vier Boote mit Seilen, spannen ein Motorboot vorweg - und ab geht die Fahrt. Sofern der Motor anspringt. Während die anderen Kolonnen bereits fast außer Sichtweite sind, stellt sich unser Zugpferd recht bockig an. Aber dann heult es doch noch laut auf. Glück gehabt. Nach 45 Minuten Überfahrt erreichen wir das kleine Dorf Ampasibohy. "Mein Heimatdorf", sagt Olivio. Er führt uns vorbei an Souvenirständen und palmengedeckten Holzhütten. Davor dösen die Einwohner, dahinter das Vieh. Einen gemauerten Flachbau präsentiert uns der Guide als Schule, wo etwa 60 Kinder lernen. Vis-à-vis ein ähnliches Gebäude, das mal als Schulkantine diente. Doch seitdem die staatliche Post ihre Unterstützung eingestellt habe, erzählt Olivio, gebe es kein Essen mehr. Dabei herrscht zumindest an Früchten kein Mangel. Papaya und Ananas wachsen am Wegesrand, Brot- und Jackfrucht ebenso. Und Mangos in solcher Fülle, dass wir aufpassen müssen, nicht darauf auszurutschen. Auch Vanille, Madagaskars Exportschlager Nummer eins, gedeiht hier prächtig.

Schließlich gelangen wir zu einem Schild, das den Eingang zum Naturreservat Lokobe markiert - unser eigentliches Ziel. Rachid, ein hiesiger Parkführer, schleicht voran. Wir trampeln hinterher. Schon nach wenigen Schritten entdecken wir das Mohrenmakiweibchen. Ein Stückchen weiter labt sich ein Graurücken-Wieselmaki an einer Jackfrucht. Wer Lemuren in ihrer natürlichen Umgebung sehen will, muss nach Madagaskar reisen - die Halbaffen gibt es nur hier. Und das in einem erstaunlichen Artenreichtum. Die kleinsten Vertreter sind die Mausmakis und tragen ihren Namen völlig zu Recht, wie wir mit eigenen Augen sehen können. Ängstlich lugt ein Pärchen aus seinem Nest hoch oben auf uns herab. Die Vorsicht ist nicht ganz unbegründet: Nicht weit entfernt hat sich eine stattliche Boa um einen Ast gewickelt. Menschen stehen nicht auf ihrem Speiseplan, kleine Makis schon.

Nach einer reichlichen Stunde haben die ersten Ausflügler genug. Wir könnten gern noch mal so lange durch den Dschungel pirschen. Aber Gruppe ist Gruppe, und das Schiff wartet nicht. Im Dorf gibt es noch ein opulentes Mahl mit Reis, Fisch und Früchten, die Gastgeber singen die Nationalhymne - dann geht es per Boot und Minibus zurück zum Hafen. Endlich können die Tiere in Ruhe schlafen.

Die Aidablu kreuzt noch bis März im Indischen Ozean. Preisbeispiel: 26.02.-12.03.2019 ab 4498 Euro für zwei Personen in einer Innenkabine inklusive Flug.


Warum sind Landausflüge so teuer, Herr Bönsch? 

Kreuzfahrtschiffe bieten umfangreiche Ausflugsprogramme. Steffen Klameth sprach mit Frank Bönsch. Er ist Director Shore Excursions bei Aida. 

Freie Presse: Aida-Gäste vergnügen sich lieber auf dem Schiff als an Land - so schreibt es jedenfalls Wladimir Kaminer in seinem Buch "Die Kreuzfahrer". Sind Ihre Kunden wirklich so träge?

Nein, im Gegenteil. Mehr als 95 Prozent unserer Gäste verlassen das Schiff in den rund 300 Destinationen, die unsere Schiffe weltweit anlaufen. Wie hoch der Anteil konkret ist, hängt natürlich von der Destination ab. Je ferner und exotischer das Ziel, umso höher ist die Zahl der Gäste, die unsere Ausflugsangebote nutzen.

Gibt es einen Trend bei Ausflügen?

Wir sind ständig auf der Suche nach neuen Trends und holen das Feedback unserer Gäste ein. Aida-Gäste sind sehr aktiv, weshalb wir auch ein Aktivprogramm im Angebot haben. Dazu gehört seit Neuestem ein umfangreiches Hiking-Programm. Außerdem bieten wir eigene Scuddy-Ausflüge an und haben auf einigen Schiffen E-Scooter im Verleih. Ein weiterer Trend sind Familienausflüge, Strandtransfers und nachhaltige Ausflüge.

Wie kontrollieren Sie, ob das versprochene Programm geboten wird?

Wir arbeiten in der gesamten Welt nur mit renommierten Agenturen zusammen. Neben regelmäßigen Qualitätschecks durch unsere Kollegen, die die Ausflüge begleiten, gibt es ein Feedbacksystem für unsere Gäste.

Ausflüge vom Schiff sind meist viel teurer als bei Anbietern vor Ort. Warum?

Vergleichbare Ausflüge mit den gleichen Inhalten und den hohen Aida-Qualitäts- und Sicherheitsstandards finden Sie kaum günstiger. Unsere Agenturen müssen umfangreiche Qualitätskriterien erfüllen, alle Reiseleiter sind zertifiziert, und die Agenturen gewährleisten einen Versicherungsschutz. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass unsere Ausflüge alle im Hafen am Schiff starten. So muss der Gast kein Geld für ein Taxi investieren und hat die Garantie, pünktlich zurück am Schiff zu sein. Dies können wir natürlich nicht für individuell organisierte Ausflüge gewährleisten.


Ein Sachse auf hoher See 

Die Kabine ist nicht ordentlich gereinigt worden? Das Essen ist versalzen? Oder, noch schlimmer, der Proviant ist aufgebraucht? Damit das alles gar nicht erst passiert, gibt es auf jedem Kreuzfahrtschiff einen Hotelmanager. Auf der Aidablu ist das David Schmidt. Der 40-Jährige ist ein waschechter Sachse.

Seine Kindheit verlebte er auf Schloss Batzdorf bei Meißen. Sein Vater, ein Restaurator, möbelte das Anwesen bereits zu DDR-Zeiten nach und nach wieder auf. "Also lernte ich Zimmermann", erzählt David. Dann zog die Kultur ein, es wurde eine Schlossküche eingerichtet. "Also lernte ich Koch." Doch das Fernweh war stärker. "Also bewarb ich mich bei Aida."

Er wurde sofort genommen, arbeitete sich vom Barkeeper zum Barchef hoch, studierte Hotelmanagement und ist seit zwei Jahren Hotelmanager. Inzwischen hat er die ganze Welt gesehen.

Am liebsten entdecke er neue Ziele in Laufschuhen. Er joggt durch die Straßen von New York und über den Strand auf Antigua. Im Februar sind wieder sechs Monate rum, dann macht er erst mal Urlaub. Und er freut sich auf ein Wiedersehen in Batzdorf: "Unglaublich, wie sich in so kurzer Zeit so viel verändert." (sk)

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