Mit dem Rad über die Alpen

Drei Länder, 560 Kilometer und 3000 Höhenmeter: Der neue Fernradweg München - Venedig will die Nummer 1 in den Alpen werden. Was macht ihn so besonders?

Das letzte Unwetter hat Steine vom Berg gelöst und auf den Radweg gespült. Die Reifen graben sich knirschend ein, beginnen zu schlingern. Treten, treten - sonst kippt das Fahrrad um. Wer die Schönheit der Alpen genießen will, muss auch ihre Launen aushalten können. Inzwischen ist das nicht mehr nur ein Privileg von Wanderern, sondern auch von Radfahrern. Dank EU-Geld haben elf Tourismuspartner aus drei Ländern einen neuen Fernradweg über die Alpen erschlossen. Er verbindet München mit Venedig und verläuft in der kürzesten Variante über 560 einheitlich beschilderte Kilometer. Angesichts von 3000 Höhenmetern, die dabei zu überwinden sind, planen die meisten dafür mindestens zehn Tage ein.

In München geht es noch gemütlich auf dem Isarradweg los. Sandstrände und Biergärten verführen zum Verweilen. Doch schon der erste Anstieg auf geschottertem Grund macht klar: Sonntagsfahrer sind hier fehl am Platz. Und das Rad sollte keine allzu schmalen Reifen haben.

Nach wenigen Kilometern muss sich der Radler entscheiden, ob er bis zur österreichischen Grenze die Variante über die Kurstadt Bad Tölz oder über den Tegernsee nehmen will. Rein von der Entfernung macht das kaum einen Unterschied. "Doch am Tegernsee können in der Hochsaison die Quartiere knapp sein", sagt Claudia Tscherne. Die Österreicherin kümmert sich länderübergreifend um das Management des Fernradweges. "Dazu gehört zum Beispiel, mehr Hoteliers zu überzeugen, auch Radfahrer willkommen zu heißen." Denn Letztere bleiben meist nur eine Nacht, und das bedeutet Mehraufwand.

Etwa zwei Drittel der Fernradler wählen die Route über Bad Tölz - vorbei an sattgrünen Wiesen und hübschen Zwiebelkirchtürmen bis in die barocke Altstadt. "Bei uns bieten viele Gastgeber sichere Unterstellmöglichkeiten für Räder an", sagt Marketing-Chefin Gabi Peters. Der besonderen Luft der Gegend wird heilende Wirkung nachgesagt. Ideal für den ersten Übernachtungs-Stopp.

Am Morgen wird der Weg alpiner, die Silhouette der Berge immer schon vor Augen. Über dem Sylvensteinsee schwebt ein Wattewölkchen und lässt sich mit der Kamera einfangen. Doch das ist nur der Vorgeschmack auf das glasklare Wasser des Achensees, der sich zwischen den Gipfeln des Karwendel und des Rofangebirges eingegraben hat. Weiße Segelboote gleiten dahin, eine Seilbahn schwebt den Berg hinauf, ein Paraglider hinunter. Eine Kulisse wie in einem Heimatfilm. Dank Fahrrad lassen sich die wechselnden Landschaften auf entschleunigte Art genießen. Mehr als 5,5 Millionen Deutsche haben laut ADFC im vergangenen Jahr eine Radreise unternommen - ein Plus von 27 Prozent zu 2017. Bayern gilt als Lieblingsziel. Doch das Interesse am europäischen Ausland wächst - vor allem durch den E-Bike-Boom.

Freddy Mair ist mit seiner Reiseagentur Fun Active Tours und 1400 Fahrrädern der größte Radverleiher entlang der Route München-Venedig. "Vor zwei Jahren hatte ich 25 E-Bikes, jetzt sind es 250 und nächstes Jahr 500", sagt er. Er sieht das E-Bike als angenehmes Mittel zum Zweck, noch mehr Natur mit weniger Aufwand zu erleben. So können auch Menschen nachhaltig reisen, die sportlich dazu sonst nicht in der Lage wären. Denn abgesehen von der rasanten Abfahrt von Maurach ins Inntal erfordert der weitere Streckenverlauf eine gute Kondition. Spätestens ab Innsbruck mit seiner sehenswerten Altstadt wird es anstrengend - den steilen Anstieg zum Brenner hinauf. Auf der alten Brennerstraße herrscht starker Verkehr, einen Radweg gibt es dort nicht. "Der Brenner ist unsere Achillesferse", gesteht Managerin Tscherne. "Da sind wir am Planen." Alternativ fährt die S-Bahn von Innsbruck stündlich in nur 40 Minuten auf den Brennerpass. Tscherne: "In Bayern und Österreich nehmen Regionalzüge Räder ohne Reservierung mit."

Die Abfahrt in Südtirol führt ins Eisacktal. Die Restaurants am Wegesrand servieren Schlutzkrapfen und Kaminwurzen. In der nördlichsten Provinz Italiens wird deutsch gesprochen. Und auch die Radwanderer auf dem Fernweg sind überwiegend Deutsche. "Die Ungarn, Tschechen und Polen holen aber auf", sagt Gerhard Schubert. "Die Italiener kommen vor allem im August." Schubert arbeitet als Tourenbegleiter und legt pro Saison bis zu 8000 Kilometer mit dem Rad zurück. Vor Kurzem war er mit Japanern unterwegs. "Die dachten, ab dem Brenner geht es nur noch locker bergab, und das mit dem Fotoapparat in der Hand", sagt er.

Tatsächlich sind mit dem Rad immer wieder Anstiege zu bewältigen. Mit Toblach auf 1250 Metern Höhe ist dann das Tor zu den Dolomiten erreicht - zum schönsten Abschnitt der Strecke. Majestätisch recken sich die Welterbegipfel in den Himmel und wechseln mit der Uhrzeit ihre Farbe. Zum Sonnenuntergang zeigen sie sich in einem warmen Orange-Rot. Im Mondschein wirken sie übernatürlich kalt.

Auf dem Dolomitenradweg geht es zum spektakulärsten Punkt der Tour, dem Drei-Zinnen-Blick. Die drei senkrechten Felsobelisken gelten als Wahrzeichen der Dolomiten. Mit jedem Meter wird es frischer. Denn der höchste Punkt der Radtour ist nicht etwa der Brenner, sondern mit 1530 Metern der Cima-Pass. Ein altes Bahnhäuschen erinnert daran, dass hier früher ein Zug fuhr. Jetzt dient der Bahndamm als verkehrsfreie Radpiste - 35 Kilometer immer nur bergab: durch grob in die Felsen gehauene Tunnel, über tiefe Schluchten, entlang an plätschernden Bächen. Die Abfahrten auf nicht immer festem Grund werden oft unterschätzt. "Manche haben keinerlei Erfahrungen mit dem E-Bike. Sie kommen zwar den Berg hoch, aber oft nicht mehr runter", weiß Mair. Die Zahl der Unfälle steige.

Das Durchschnittsalter von Radreisenden liegt laut ADFC bei 52 Jahren. Freddy Mair erzählt von einem Vater mit drei Töchtern, die bei ihm E-Bikes leihen wollten: "Ich habe zuerst die Töchter gesehen. Die waren zwischen 60 und 65."

In Cortina rahmen die Dolomiten das Städtchen romantisch ein. Bei einer Rast gibt's Eis und Cappuccino vom echten Italiener. Über autofreie Serpentinen rollen die Räder dann fast von allein ins Cadoretal. Nach einigen hübschen Orten verlässt die Route die Alpen und schwenkt in die Ebene Venetiens.

Auf etwa 20 Prozent der Gesamtstrecke fehlen noch separate Radwege. Vor allem in Italien geht es auch mal über verkehrsreiche Straßen. "Unsere Region ist touristisch noch nicht so entwickelt", sagt Elisa Siciliano vom Touristikbüro in Treviso. Das solle sich aber ändern. Ganz aus der Nähe der Stadt kommen die berühmtesten Schaumweine der Welt - von den Prosecco-Hügeln. In Deutschland ist bestenfalls das Getränk bekannt.

Entlang der Sile, dem größten Quellfluss Europas, sind es in der kurzen Variante nur noch 47 Kilometer bis Mestre, einem Vorort von Venedig. Wer über einen Reiseveranstalter eine Tour mit Gepäcktransport und Leihrad gebucht hat, gibt dort einfach sein Rad zurück und fährt mit dem Zug nach Venedig. Denn Radfahren ist in der Lagunenstadt verboten. Die mit 91 Kilometern längere Variante führt über eine Landzunge am Meer bis zur Fähre.

Noch steht der Radweg München-Venedig im Schatten der Via Claudia Augusta, dem ersten Radweg über die Alpen, der über den Reschenpass entlang der alten Kultur- und Handelsroute der Römer führt. Doch Projektmanagerin Claudia Tscherne hofft, dass er sich schon bald zum Fernradweg Nummer 1 in den Alpen entwickelt. "Wir werden weiter in Qualität investieren", verspricht sie, "in den Ausbau der Strecke, in Dienstleistungen wie Ladestationen und radfreundliche Unterkünfte." Der berühmte Zielpunkt der Tour kommt ihr dabei zugute. Venedig mit seinen Kanälen und Gassen hat zwar nur noch 50.000 Einwohner, zieht aber jährlich 30 Millionen Touristen an. Eine romantische Verklärtheit liegt in der Luft, während sich die Massen in Richtung Markusplatz schieben. Wer von München bis Venedig mit dem Rad durchgehalten hat, spürt spätestens hier: Der Weg kann manchmal sogar schöner als das Ziel sein.


Von München bis zur österreichischen Grenze

Länge: 98 Kilometer

Strecke: Immer entlang der Isar nach Bad Tölz. Am Sylvensteinspeicher verlässt man den Fluss und fährt an der Walchenklamm bis zur Grenze beim Achenpass. Alternativ gibt es von München eine 92-km-Route über den Tegernsee.

Bedingungen: Großteils befestigte Radwege und ruhige Nebenstraßen. Stetige leichte Anstiege.

Auch unbefestigte Abschnitte mit Schotter. Beim Stausee ein Stück verkehrsreiche Straße.


Von der deutsch-österreichischen Grenze nach Innsbruck

Länge: 73 km

Strecke: Durch Tirol am Achensee entlang und runter ins Inntal. Von Jenbach führt der Innradweg talaufwärts an Schwaz, Wattens mit den Kristallwelten und Hall vorbei. Dabei geht es immer wieder an den Inn heran bis Innsbruck.

Bedingungen: Großteils ruhige Straßen und separate Radwege, die meist gut asphaltiert sind. Nur am Achensee unbefestigte Wege. In Maurach sehr steile, lange Abfahrt auf Schotterweg mit Haarnadelkurven. Im Inntal immer leicht bergauf, teils Verkehrslärm.


Von Innsbruck nach Toblach

Länge: 149 km

Strecke: Auf dieser anstrengendsten Etappe radelt man über die Dörfer des Wipptals hoch auf den Brenner. Die Abfahrt nach Südtirol führt auf der ehemaligen Bahntrasse ins Eisacktal hinab durch Sterzing. Nach dem Besuch der Franzensfeste zweigt man ins Pustertal ab und radelt entlang des Flusses Rienz taleinwärts. Vorbei geht es an Bruneck mit dem Messner Mountain Museum bis zum Ferienort Toblach.

Bedingungen: Großteils sehr gute Radwege oder ruhige Nebenstraßen. Aber drei kräftezehrende Steigungen. Alternative zum stark befahrenen Brenneranstieg ist die S-Bahn von Innsbruck.


Von Toblach nach Pieve di Cadore

Länge: 61 km

Strecke: Der schönste Abschnitt führt auf dem Dolomiten-Radweg vorbei am Toblachsee durch eine spektakuläre Alpenwelt mit Blick auf die Drei Zinnen. Ab dem höchsten Punkt, dem Passo Cima, geht es kilometerlang bergab.

Bedingungen: Verkehrsfrei auf sehr gut ausgebautem Radweg auf der Trasse der ehemaligen Dolomitenbahn. Der erste Teil bis Cortina ist ein unbefestigter Schotterweg, danach großteils asphaltiert.


Von Pieve di Cadore nach Treviso

Länge: 132 km

Strecke: Entlang steiler Felsen rollt man ins Val di Cadore und durch das Tal des Piave. Von Soverzene aus lohnt ein Abstecher in die Altstadt von Belluno und den Nationalpark Belluneser Dolomiten. Bevor man auf der Hauptroute den letzten Pass, die Sella di Fadalto, überquert, lädt der Lago di Santa Croce zum Baden ein. Weiter geht's bergab durch das Val di Fadalto an Seen entlang nach Vittorio Veneto, vorbei an Conegliano bis in die Stadt Treviso.

Bedingungen: Meist ruhige Straßen oder Radwege. Der größte Teil ist asphaltiert, allerdings auch einige verkehrsreiche Abschnitte, besonders vor und nach der Sella di Fadalto. Bis auf den Passanstieg geht es vielfach bergab.


Von Treviso nach Venedig

Länge: 47 km

Strecke: Immer am Ufer der Sile entlang geht es durch Dörfer in die venezianische Ebene. Von Quarto d'Altino lohnt ein Abstecher nach Altino. Quer durch Wiesen und Felder, ganz ohne Steigungen, erreicht man Mestre, den Vorort von Venedig. Alternativ kann man auf einer 91-km-Variante über eine Landzunge entlang der Adriaküste nach Punta Sabbioni fahren und mit der Fähre übersetzen.

Bedingungen: Entlang der Sile großteils unbefestigte, aber gut befahrbare Wege. Ab Quarto l'Altino vor allem ruhige Nebenstraßen. In Mestre ist mehr Verkehr.


Zur Vorbereitung

Anreise: Mit Zug, Fernbus oder Auto bis München. Einige Hotels wie Bauer und Holiday Inn Süd bieten gegen Gebühr Parkplatz (ab 5 Euro/Tag).

Rücktransfer Mestre-München mit Zion Reisen 145 Euro p.P. inkl. Rad.

Preisbeispiel: 12 Tage ab München mit Ü/Frühstück, Gepäcktransfer, Transfer zum Brenner mit Feuer und Eis Touristik ab 1290 Euro; zuzüglich Leih-E-Bike 290 Euro und Rücktransport nach München.

Buchtipp: Radtourenbuch München-Venedig von Bikeline, 14,90 Euro.

Die Recherche wurde unterstützt von Fun Active Tours sowie Feuer und Eis Touristik.

Offizielle Seite:

www.muenchen-venezia.info

Radreiseveranstalter:

www.muenchen-venedig.reisen

www.italybike.info/de

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