Nah am Wasser gebaut

Stettin hat sich verändert, die Stadtväter träumen vom "Venedig des Nordens". Und es wird weiter gebaut. Neue Altstadt, Aquapark, Amphitheater. Ein Rundgang - immer der Nase nach.

Stettin riecht nach Schokolade. Je nach Windrichtung begleitet der süße Duft den Spaziergänger auf seinem Weg durch die über 700 Jahre alte polnische Stadt. Der Geruch kommt von "Gryf", einer Fabrik am Oderufer, wo Kakaomasse und -pulver produziert wird - Halbfabrikate. "Leider keine Tafeln für unsere Geschäfte", bedauert Przemyslaw Jackowski.

Der gebürtige Stettiner verdingt sich gelegentlich als Stadtführer. Eigentlich aber lebt und arbeitet er im brandenburgischen Schwedt. Dort betreut er deutsch-polnische Projekte. Dennoch ist er ein Grenzgänger, wie viele in der Region. Seine Mutter wohnt nach wie vor in Stettin; er besucht sie regelmäßig. Und die Autoräder für seinen Pkw hat er bei ihr in der Garage eingelagert. "Deswegen musste ich dieses Jahr lange mit Winterreifen fahren", erzählt Jackowski. Denn wegen Corona war die Grenze wochenlang dicht.

Jetzt ist die Grenze wieder offen. Und die Stadt voller Menschen. Es sind Einheimische, Studenten, aber auch Touristen vor allem aus Deutschland und Skandinavien. Die Gäste tun sich schwer damit, den polnischen Namen Szczecin richtig auszusprechen: "Schtschetschin". Leichter geht das Schlendern über den ziemlich neuen "Segler-Boulevard" am Oderufer. "Vor wenigen Jahren war das noch alles unbefestigt und schmutzig", erinnert sich Carsten Heinke, der gerade an einem Reiseführer über den Norden Polens schreibt.

Jetzt haben sie hier eine Flaniermeile, die den Vergleich mit Hamburgs Hafencity nicht zu scheuen braucht, schon gar nicht nach Meinung von Marketingstrategen. Kleine Restaurants mit Namen wie "Stockholm" oder "The Kitchen" laden an der Promenade zum Besuch ein. Dazwischen gibt es Skulpturen und Installationen. Menschen stehen Schlange, um das in Polen beliebte spiralförmig aufgetürmte Softeis zu kaufen. Oder die Kugeln von Eccolo, einem einheimischen Produzenten, der mit hausgemachten Eisspezialitäten wirbt.

Der Boulevard ist Teil eines großen Vorhabens, das die Stadtverwaltung "Floating Gardens" ("Schwimmende Gärten") nennt. Krzysztof Soska, stellvertretender Oberbürgermeister, berichtet, wie Stettin bis zum Jahr 2050 noch grüner und blauer werden soll. Schon jetzt sei die Hälfte der Stadt von Bäumen, Wiesen, Parks, Flüssen und Seen bedeckt. Doch sie wollen mehr, wollen ein weiteres "Venedig des Nordens" werden - wie Amsterdam, Kopenhagen oder Sankt Petersburg. Dafür wird viel Geld investiert, zum Beispiel eine Milliarde Zloty in eine bessere Trinkwasserversorgung. Die Stadt setzt auf Radwege, gut zu erreichende Parks und Wälder.

Und auf neue Stadtteile nahe am Wasser. Deswegen riecht Stettin auch nach Zement. An allen Ecken wird gebaut. Östlich der Oder entsteht ein Meereserlebniszentrum. Das Polnische Theater bekommt einen Anbau. Am Hafen wächst ein neues Wohngebiet. 2022 soll ein Aquapark öffnen - eine Mischung aus Wissensvermittlung und Spaßbad mit bis zu 25 Saunen, wie der Vizebürgermeister berichtet. Ein Amphitheater ist im Werden, Hotels ebenso. Eine neue Brücke in Planung.

Auf den Resten der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Altstadt ist die neue "alte Stadt" weitgehend fertig. Teilweise mit barocken Außenfassaden oder mit einer Andeutung der historischen Giebelarchitektur. Ein paar Wohnungen, aber "vor allem Restaurants und Touristenunterkünfte sind entstanden und werden noch gebaut", so Krzysztof Soska. Rund 350.000 Übernachtungsgäste kommen jährlich. Tendenz steigend. Dazu gesellen sich Tagesausflügler. "Sie sind in der Mehrzahl", glaubt Stadtführer Przemyslaw Jackowski. Ganze Busladungen voll besuchen zum Beispiel Konzerte in der neuen Philharmonie am Plac Solidarnosc. Das Gebäude mit der Glasfassade, nachts von innen beleuchtet, soll an einen Eisberg erinnern. 2015 erhielt der Entwurf eines spanisch-italienischen Architektenduos den Mies-van-der-Rohe-Architekturpreis der EU.

Wer mit dem Zug in Stettin ankommt, kann vom Bahnhof aus der "Roten Route" folgen. Die führt entlang einer roten Markierung auf dem Boden zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten wie dem Schloss der Herzöge von Pommern, dem Alten Rathaus und zu zahlreichen Bauten der Backsteingotik, darunter dem Dom. Von dessen verglastem Turm aus - zu erreichen auch per Fahrstuhl für umgerechnet drei Euro - bietet sich ein Rundumblick auf die Stadt.

Weit in der Ferne sieht man das Stettiner Haff. Der Geruch nach Meer wabert durch die Straßen am Ufer. Vielleicht ist es Einbildung, denn das Meer ist Dutzende Kilometer entfernt. Vielleicht kommt der Meergeruch auch von den Heringen, die Gastwirt Boleslaw Sobolswski in seinem Restaurant "Na Kuncu Korytarza" ("Am Ende des Ganges") gegenüber vom Schloss anbietet. Hering in Paprika, in Honig, in Knoblauch- oder in Pfefferkuchensoße. Eigene Kreationen, betont der Wirt. Für seine Zanderfischsuppe hat er sogar eine Auszeichnung vom polnischen Landwirtschaftsministerium bekommen.

Große Dreimastsegler, Restaurantschiffe, kleine Ausflugsboote schaffen zusätzliches Küsten-Flair. Das Unternehmen STS Kapitan Borchardt bietet mehrtägige Segeltörns zur 60 Kilometer entfernten Ostsee an. Auf eher kurze Touren in den Dammschen See und durch die Oderarme hat sich dagegen Marèin Mrówka von "Holiday Szczecin" spezialisiert. Wie andere Bootslenker wartet er am Ufer auf Touristen.

Bei seinen Touren gibt es viel Aussicht - auf die 500 Meter langen Hakenterrassen, die nach einem ehemaligen Oberbürgermeister benannt wurden und heute so etwas wie das Wahrzeichen der Stadt sind, mit Brunnen, großen Freitreppen, dem Nationalmuseum und einem Café mit noch mehr Eiscreme - dort mit extra viel Schokolade oben drauf.


Zu Land und zu Wasser 

Anreise: Mit dem Zug ist Stettin von Chemnitz aus in reichlich sechs Stunden zu erreichen, mit dem Pkw sind es rund 410 Kilometer.

Die Übernachtungkostet zwischen 35 und 120 Euro (DZ/Nacht).

Bootsfahrtenbuchen kann man unter: holiday.szczecin.pl (Holiday Boat), zwischen 29 und 89 Zloty/Person je nach Tourlänge; Mehrtagestouren für aktive Mitsegler: www.kapitanborchardt.pl (7 Tage/1800 Zloty)

Stadtführungen auf Deutsch gibt es unter anderem bei Szczecin City Tours. Kosten: 24 bis 42 Zloty, 

www.stettin-erleben.de

Corona:In Polen gilt eine Maskenpflicht im ÖPNV, in Hotels und öffentlichen Gebäuden.

Der Beitragentstand mit Unterstützung des Polnischen Fremdenverkehrsamtes.

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