Reisende Baustelle

Die neue "Aida Mira" musste diese Woche ihre ersten Fahrten mit hunderten Urlaubern absagen. "Freie Presse" hat sich an Bord umgesehen und erklärt, warum.

Die Reise ist abgesagt: "Gott sei Dank!" Wohl selten dürfte die Crew eines Kreuzfahrtschiffes derart erleichtert gewesen sein, wie die Mannschaft der "Aida Mira" Anfang dieser Woche. Wochenlang hatte sie versucht, das neue Schiff der Rostocker Reederei auf Vordermann zu bringen. Vergeblich: Die baulichen und technischen Mängel waren so gravierend, immer neue tauchten auf, dass sich der Kapitän einen Tag vor der ersten, großen Reise nach Südafrika zum endgültigen Stopp entschied. Statt gut 1500 Passagieren gingen am Mittwoch hunderte Techniker und Bauleute an Bord, um die wichtigsten Bereiche auf den anerkannt hohen "Aida"-Standard zu bringen. Die "Mira" fährt zwar nach Kapstadt, um dort am 23. Dezember Gäste zu begrüßen, aber eben als reisende Baustelle.

Bereits die Jungfernfahrt nach der Taufe am vergangenen Wochenende fand nicht statt. Das Schiff, das ab Palma de Mallorca zum ersten Kurztörn im Mittelmeer aufbrechen sollte, blieb drei Tage im Hafen liegen. Tagelang werkelten Arbeiter an Bord, wurden containerweise Schrott, Bauabfälle und verschlissene Einrichtungselemente per Kran vom Schiff befördert.

Dass Kreuzfahrtschiffs-Neubauten zu spät fertig werden, ist in der boomenden Branche eher die Normalität als die Ausnahme. Auch bei "Aida". Bei der "Prima" etwa mussten die Rostocker gut ein Jahr warten, bis die Werft das Schiff ausliefern konnte. Dass freilich die Tauf- und Jungfernfahrt-Gäste auf einem Großbauplatz einchecken, das gab es so wohl noch nicht. Entsprechend trauten diese ihren Augen nicht. Die Sonnendecks dienten teilweise als Abfalllager, die Duschen in den Kabinen ließen sich nicht einstellen, weil die Thermostate falsch eingebaut waren. Stromausfälle und Kurzschlüsse legten Küchen und die Saunen lahm. Und aus dem Schornstein kamen schwarze Abgase.

Die Urlauber reagierten auf ihre Weise: lange Gesichter, wütende Kommentare und diese Mängel dokumentierende Fotos in den sozialen Medien. Wenig kommunikativ erwies sich das an Bord weilende Management. Zwar entschuldigte sich Präsident Felix Eichhorn, "dass wir unseren Qualitätsansprüchen noch nicht gerecht werden konnten". Sehr spät, erst in der letzten Minute vor dem geplanten Auslaufen zur Jungfernfahrt, kam die Absage selbiger. Und erst einen Tag vor dem Aufbruch nach Afrika wurde diese Überführung storniert.

Immerhin: Allen Taufgästen wurde angeboten, dass sie die Reisekosten ersetzt bekommen und einen Bonus für weitere Touren erhalten. Die Afrika-Fahrer sollten unkompliziert umgebucht werden. Die meisten nahmen dies an und blieben dann erstaunlich gelassen.

Wie konnte eine solche Panne passieren? Das Schiff wurde 1999 als "Mistral" in Dienst gestellt. In den letzten Jahren fuhr es als "Costa neoRiviera" für die "Aida"-Schwestermarke. Es wurde schlichtweg runtergewirtschaftet. "Aida" hatte gehofft, das 20 Jahre alte Schiff in vier Wochen umzubauen. Doch erst auf der Werft in Genua wurde das ganze Ausmaß der Schäden sichtbar. Starkregen verzögerte zudem viele Arbeiten im Außenbereich.

Nicht nur die Bilder im Netz von Gästen und die Schlagzeilen der Journalisten vor Ort sorgten für einen Imageschaden des mit jährlich über einer Million Kreuzfahrtgästen deutschen Marktführers. Gut 250 Vertreter von Reisebüros waren auf der "Mira", um sie kennenzulernen. "Dieses Schiff kann ich meinen Kunden derzeit nicht empfehlen", war deren Tenor.

Dabei hat das 14. Flottenmitglied der Rostocker, da sind sich die Kreuzfahrtexperten einig, Potenzial. Sie soll das Selection-Programm mit ungewöhnlichen Routen und längeren Liegezeiten ergänzen. Mit 216 Metern Länge und nur 714 Kabinen - darunter über 100 der besonders begehrten Suiten - ist es ein kleines Schiff. So kann es auch ausgefallenere Orte anlaufen. Ungewöhnlich viel Platz pro Gast bieten die Außenbereiche wie Decks.

Neu ist: Während auf anderen "Aidas" nur etwa 20 Prozent der Gäste Restaurantplätze angeboten werden können und die anderen 80 Prozent per Büfett versorgt werden, ist das Verhältnis auf der "Mira" umgekehrt. Mehr Service also am Tisch, die Getränke sind inklusive. Fünf Restaurants gibt es, sieben Bars und viele kleine Sitzgruppen - genau das, was das überwiegend ältere Selection-Publikum wünscht.

Das Design ist hell und modern. Anders als bei den neueren Schiffen gibt es wieder ein geschlossenes Theater mit 600 Plätzen und kein Theatrium. Zwei Shows pro Abend werden gegeben, die teilweise anders gestaltet sind, etwa als Klassikabend mit Geiger, Klavierspieler und Sängern. Doch auch die altbekannten Shows wie die der "Aida Stars" oder das TV-Quiz "Wer wird Millionär?" sind hier zu erleben.

Der Spa- und Sportbereich wurde komplett neu, großzügig und in frischen Farben gestaltet. Sauna gibt es hier - wie auf den anderen Selection-Schiffen und bei der sogenannten Sphinx-Klasse - kostenlos.

Vom Publikum lange und stark nachgefragt betritt "Aida" mit der "Mira" Neuland bei den Routen. Im Winter fährt die Neue rund um Südafrika, jeweils ab Kapstadt. Durban, Port Elizabeth und Lüderitz in Namibia zählen zu den Stationen. Auch sonst ist der wegen seines großen Freiplatz-Angebotes auch Sonnenschiff genannte Pott im Süden unterwegs. Das alles spricht für eine erfolgreiche Zukunft.

Was freilich Kreuzfahrt-Kritiker bestärken wird: Anders als der letzte Neubau "Aida Nova" verfügt die "Aida Mira" nicht über einen LNG-Antrieb mit umweltfreundlichem, verflüssigtem Erdgas. Das Schiff fährt weiter mit umweltschädlichem Schweröl und Marinediesel. Die Abgase werden an Bord gereinigt.

Auf diese Umweltbilanz angesprochen, kontert die Reederei mit dem Argument, dass man ein altes Schiff quasi recycle. Dadurch werde die Umwelt weniger belastet als mit einem Neubau, für den ja ebenfalls Ressourcen gebraucht werden.

Den Süden als Ziel

Das südliche Afrika ist im europäischen Winter das Ziel der "Aida Mira". Höhepunkte sind mehrtägige Stopps in Kapstadt oder Namibia, um die jeweiligen Attraktionen zu erkunden oder Safaris zu unternehmen. Ein Preisbeispiel ab/bis Kapstadt: Die 14-Tage-Reise kostet ab 1345 Euro p. P. in der Innenkabine. Das An-/Abreisepaket gibt es ab 1410 Euro.

Ab Sommer 2020 ist die "Mira" im östlichen Mittelmeer unterwegs und läuft Städte wie Athen und Olympia an. Die 7-Tage-Reise kostet ab 799 Euro p. P.

Die Recherche wurde unterstützt von Aida Cruises Rostock.

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