Überall Napoleon

Vor 250 Jahren wurde Korsikas berühmtester Sohn geboren. Die Einwohner lieben ihn nicht, aber ihr Stolz auf ihn ist ungebrochen. Eine Spurensuche.

Napoleon ist 300 Kilo schwer und ganz aus Bronze. Lässig lehnt er am Tresen in der Casa Bonaparte, einem kleinen privaten Museumslokal - gleich neben dem Geburtshaus des Franzosenkaisers in der Rue St. Charles in Ajaccio. "Kommen Sie auf einen Apéro mit Napo", ruft Wirt Michel Ciccada. Dann erzählt er die Geschichte der Figur: Vergangenes Jahr brachte er sie von einem Besuch in Kuba mit. Der Künstler José Maria Soberon aus Havanna hat die Nachbildung geschaffen, nachdem er zuvor bereits Ernest Hemingway, John Lennon und Che Guevara auf diese Weise verewigt hatte. Aber was hat Napoleon mit Kuba zu tun? "Dessen letzter Leibarzt, er hieß Francois Carlo Antommarchi, verbrachte seine letzten Tage auf Kuba", berichtet der Wirt. Auch dort, fügt er noch hinzu, gebe es ein Napoleon-Museum.

Weltweit, so scheint es, ist der kleine Korse fast so bekannt wie Jesus Christus. Und aus aller Welt pilgern die Besucher zu seinem Geburtshaus in Ajaccio. "Hier, wo alles begann", wirbt das Maison Bonaparte, das man mit einem Audioguide durchstreifen kann. Kaum eine Frage bleibt unbeantwortet. Ein Nachfahre des Franzosenkaisers soll in den USA sogar der Gründer des Geheimdienstes FBI gewesen sein.

Mit acht Jahren verließ der kleine Korse dieses Haus, mit 20 hat er 1799 noch einmal hier geschlafen. Doch seine Feinde wollten ihm ans Leder, weiß Gästeführerin Catherine Lehmann. Sie zeigt auf eine Falltür, den Eingang zu einem Geheimgang. "Der führt von der Stadt bis ans Meer, so konnte Napoleon entkommen." Der Gang existiere bis heute, nur sei er verschlossen.

Fragt man Madame Lehmann, wie die heutigen Korsen zu Napoleon stehen, sagt sie: "Sie sind stolz auf Napoleon I., aber sie hassen ihn." Viel hätte er nicht für die wirtschaftlich schwache Insel getan. Er erklärte lediglich seinen Heimatort Ajaccio 1811 zur Hauptstadt. "Sein Neffe Napoleon III. hat sich viel mehr für Korsika eingesetzt", so Catherine Lehmann. Und doch bringt "Napo" bis heute Touristen und damit Geld auf die Insel. Schon auf dem Weg vom Flughafen zur Innenstadt zeigt ihn ein großes Gemälde an einer Hausfassade. Auf dem sehr grünen Marktplatz thront seine Statue in Form eines römischen Imperators. Im Rathaus dient der opulente Napoleon-Salon als Trauzimmer und kann besichtigt werden. Nebenan gibt es ein prächtiges Münzkabinett. Im Keller geht es in die Familiengruft. Allerdings blättert im Haus der Putz von den Decken. Mit EU-Geldern plant man nun ein neues Napoleon-Palais. "Jetzt machen wir ein bisschen Business, das hätten wir schon eher tun sollen", gibt sich die Gästeführerin kämpferisch. Die benachbarte Insel Elba, wo Napoleon gefangen war, sei um einiges weiter.

Die Wiederentdeckung des größten Sohnes der Insel hat noch einen anderen Grund: Am 15. August 2019 jährt sich Napoleons Geburtstag zum 250. Mal. Dann werden sich die Bonapartisten auch auf dem Place d'Austerlitz versammeln, etwas außerhalb des Stadtzentrums. Hier wird unter einer Statue des Feldherren, die sich hoch über zahlreichen Stufen erhebt, auf die Siege des Militärdiktators verwiesen. Nebenbei: Auch Bautzen und Dresden werden auf der riesigen Granitplatte genannt. Steht man neben der Statue, hat man einen gigantischen Ausblick auf Stadt und Küste. Selbst im Landesinneren hört der Napoleonkult nicht auf. In Bocognano, an der Straße nach Bastia Richtung Norden, trifft man nach etwa einer halben Stunde auf das jüngste Napoleon gewidmete Museum. "U Palazzu" ist ein steinernes, repräsentatives Landhaus in dem Ort, wo des Kaisers Großmutter wohnte. Als Kind hielt er sich hier auf, erträumte sich eine Sommerresidenz im Dorf seiner Vorfahren. Dazu ist es nicht gekommen. Doch das mehrgeschossige Museum birgt interessante Exponate über die Bonapartes und das Leben in den Bergen. Und über die Banditi, die Geächteten und Wegelagerer.

Ajaccio, die Hauptstadt des weitgehend autonomen Korsikas, mutet eher französisch an und trägt nicht zufällig den Beinamen "Little Nizza". Die Hafenstadt Bastia im Norden und das malerische Städtchen Bonifacio ganz unten im Süden sind dagegen stark italienisch geprägt. Dort sind die Spuren des 1821 verstorbenen Kaisers fast verwischt. Immerhin: In Bastia, auf der Place St. Nicolas, erscheint er als römischer Eroberer mit Toga, Adler und Lorbeerkranz. Seine Schwester Elisabeth hatte die Statue aus toskanischem Marmor finanziert. Es gibt noch eine lebhafte Rue Napoleon und ein Hotel Napoleon. Auch hinter der Theke des Stammhauses von Likörhersteller Mattei prangt der Name des Korsen. Aber das war es dann auch schon.

Dafür können Bastia und das Cap Corse mit anderen Pfunden wuchern. Eine malerische Landschaft und Dörfer, die auf Felsen hoch überm Meer thronen, locken die Touristen ebenso. Und hier hört man eher betörenden korsischen Männergesängen der Polyphonie zu als strammen Marschklängen eines gescheiterten Eroberers.

Berge und Meer

Anreise: Flug ab Berlin-Tegel bis Bastia mit Lufthansa über München oder Paris ab ca. 500 Euro. Ab Frankfurt/M. mit Alitalia über Rom ab ca. 300 Euro.

Preise: Die Insel ist tendenziell teurer als das französische Festland. Beispiel:Ausflüge: Zwischen Bastia und Ajaccio verkehrt eine Schmalspurbahn durch die Berge, 3 Stunden Fahrzeit (21,60 Euro retour). Ab St. Florent bei Bastia lohnt eine Schiffstour zum Badestrand von Lotu (16 Euro retour). Oberhalb von Bastia liegt der Col de Teghime: Erinnerungsort an die Befreiung Korsikas im 2. Weltkrieg.

Stadtführung: "Kleine Legenden" heißt die Tour in Bastia mit Likörverkostung und polyphonem Männergesang für 15 Euro. Buchung: Touristenbüro Place St. Nicolas.

Sehr gut speisen: in Erbalunga/Cap Corse im "Les Americains", korsische Küche mit Livemusik; in Nonza im "La Sassa": hip und ausgefallen; in Bocognano "A Tanedda", uriges Landlokal mit Schlachtplatte und Blick auf bombastische Berge.

Die Recherche wurde unterstützt vom Tourismusbüro Atout France.

https://de.france.fr/de

 

Korsische Köstlichkeiten: Das sollten Sie unbedingt probieren

Brocciu-Käse: Der Nationalkäse der Korsen wird aus Schafs- oder Ziegenmilch hergestellt. Als Mitbringsel gibt es ihn auch eingeschweißt. Und man kann ihn ebenso als Gebäckfüllung (Beignets au brocciu) oder als Käsekuchen (Fiadone) kaufen.

Wein: Der korsische Wein schafft es gerade noch aufs französische Festland, aber leider kaum über die Landesgrenzen. Dabei ist die Produktion beachtlich - sowohl in der Menge als auch in der Qualität. Am nördlichen Cap Corse gedeihen die meisten Trauben. Hier kann man sich entlang der touristischen Weinstraße durchprobieren. Allein im Ort Patrimonio gibt es 40 Winzer, die an den Hängen zum Mittelmeer vor allem rote Sorten und den weißen Dessertwein Muscat anbauen. Auch bei Ajaccio und Sarténe an der Westküste wachsen gute rote Trauben. Die meisten Tafelweine werden an der Ostküste hergestellt. Es gibt neun geschützte Herkunftsbezeichnungen AOC.

Honig: Ein unverfälschtes Naturprodukt, wenn es flüssig - sprich frisch - ist. Guten Honig findet man zum Beispiel auf dem Markt in Ajaccio. Von Februar bis November schwärmen die Bienen aus, um Honig mit Kastaniengeschmack oder kräftigen Herbsthonig zu fabrizieren. Letzterer gilt als natürliches Viagra und wird mit Whisky konsumiert.

Likör: Der süße korsische Nationalaperitif Cap Corse wird bei Bastia hergestellt. Die Traditionsfirma Mattei produziert Markenliköre in diversen Geschmacksrichtungen: mit Zedern-, Myrte- oder Anisgeschmack. Die Ingredienzien dafür kommen aus der stark duftenden Macchia, dem dichten Gestrüpp, das überall auf Korsika wuchert.

 

Wurst: Die traditionelle Aufschnittplatte wird mancher Korsika-Urlauber zu Hause vermissen. Unverzichtbar: der Räucherschinken Prisuttu, der im Sommer mit Feigen serviert wird, und der würzige geräucherte Rollschinken Coppa. Die Schweine, die diese Delikatessen liefern, grasen wild in den Bergen. Auch diese Leckereien gibt es eingeschweißt zum Mitnehmen. krü

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