Urlaub in der Türkei - geht das noch?

Schnäppchenreise oder Sicherheit - diese Frage stellen sich zurzeit viele Deutsche. Eine kleine Denkhilfe.

Wie wär's mit einer Woche Badeurlaub im Vier-Sterne-Hotel, alles inklusive und mit Flug ab Dresden für 265 Euro? Eigentlich ein unmoralisches Angebot - aber nur eines von vielen, das man zurzeit im Dresdner Karstadt-Reisebüro buchen kann. "Wir bekommen minütlich neue Schnäppchen", sagt Chefin Sylvia Finkbeiner, "aber niemand will sie haben." Denn die Sache hat einen kleinen Haken: Das Reiseziel heißt Türkei.

Es ist noch gar nicht so lange her, da flogen die Deutschen regelrecht auf das Land zwischen Schwarzem und Mittelmeer. Traumstrände und Luxushotels, antike Stätten wie Troja und Ephesos, die aufregende Metropole Istanbul - es gab und gibt viele Gründe für eine Türkei-Reise. Nicht zu vergessen die freundlichen Gastgeber und ein verlockendes Preis-Leistungs-Verhältnis. "Die Türkei war jahrelang unsere Rennstrecke und noch beliebter als Mallorca", sagt Christian Adler, Sprecher der Mitteldeutschen Flughafen AG.

Doch damit ist es vorerst vorbei. Vergangenes Jahr stiegen in Dresden 42.000 Passagiere weniger in einen Flieger gen Türkei als 2015 - ein Rückgang um die Hälfte. In Leipzig ging die Zahl der Türkei-Passagiere um mehr als ein Drittel zurück. Damit war Sachsen keine Ausnahme: Nur noch knapp vier Millionen Deutsche reisten 2016 in die Türkei; im Jahr zuvor waren es noch 5,6 Millionen.

Den ersten Dämpfer gab es im Januar 2016. Unweit der Blauen Moschee im historischen Zentrum von Istanbul sprengte sich ein Selbstmordattentäter in die Luft und riss zwölf Deutsche mit in den Tod. Es folgten beinahe monatlich weitere Terroranschläge mit insgesamt rund 180 Todesopfern. Vorläufiger Schlusspunkt der Serie war ein Angriff auf den Nachtklub "Reina" in der Nacht zum 1. Januar 2017 mit 39 Getöteten.

Für zusätzliche Beunruhigung sorgten der gescheiterte Putschversuch im Juli vorigen Jahres und der seitdem geltende Notstand. "Es ist keinesfalls auszuschließen, dass terroristische Gruppierungen auch weiterhin versuchen werden, Anschläge, insbesondere in den großen Metropolen, durchzuführen. Diese können sich auch gezielt gegen Ausländer richten", schreibt das Auswärtige Amt in seinen Sicherheitshinweisen.

Zugleich weisen die Experten in Berlin explizit darauf hin, dass sich die Sicherheitsvorkehrungen landesweit "auf hohem Niveau" befänden. Es gebe auch keine Hinweise auf Ereignisse, bei denen ausländische Touristen in den touristischen Reisezielen entlang der Mittelmeerküste zu Schaden gekommen seien. Gleichwohl sah sich das Auswärtige Amt in dieser Woche veranlasst, seine Sicherheitshinweise zu verschärfen. Begründet wird dies mit dem für den 16. April geplanten Referendum über Verfassungsänderungen. Reisenden wird empfohlen, sich von politischen Veranstaltungen und größeren Menschenansammlungen fernzuhalten.

Bislang galt in der Reisebranche die Regel: Unglücke und Anschläge sind zwar tragisch, ändern aber nur kurzfristig etwas am Verhalten der Touristen. Das, so scheint es, hat sich in der jüngsten Vergangenheit deutlich geändert. Ägypten und Tunesien erholen sich nur sehr langsam, bei der Türkei kann von einem Comeback gar keine Rede sein. Die Buchungen für den Sommer seien gegenüber dem Vorjahr um 58 Prozent zurückgegangen, gab der Präsident des Deutschen Reiseverbandes (DRV), Norbert Fiebig, bekannt.

Mehrere Studien und Umfragen belegen, dass das Sicherheitsbedürfnis der Urlauber enorm gestiegen ist - und das nicht nur in Deutschland. Jeder dritte Bundesbürger sagte in einer Yougov-Umfrage für das Portal Holidaycheck, Terroranschläge und politische Unruhen beeinflussen die Wahl des Sommerreiseziels. Gut jeder Vierte hat schon einmal bewusst ein sicheres Reiseziel gewählt, und 45 Prozent wollen es nun tun, ermittelte Norstat für das Portal Travelzoo.

Der autoritäre Regierungsstil von Präsident Erdogan macht die Entscheidung für potenzielle Türkei-Urlauber nicht leichter. Nicht genug, dass Erdogan mit Härte und Willkür gegen seine Feinde im eigenen Land zu Felde zieht. Doch nun kommt es beinahe täglich zu Ausfällen und Beleidigungen gegenüber dem deutschen Volk. Das geht vielen dann doch zu weit - als Nazi will sich hierzulande niemand gern beschimpfen lassen - von Nazis wohl abgesehen.

Und es schwingt die Angst mit, dass man auch als Deutscher Opfer der Repressalien in der Türkei wird. Aus Sicht der Linken wäre eine Retourkutsche durchaus angebracht: Linke-Chefin Katja Kipping brachte vorige Woche einen Tourismus-Boykott ins Gespräch. Der Verzicht auf einen Türkei-Urlaub wäre ein Zeichen für Demokratie und Menschenrechte.

Ein Boykott würde die Türkei schmerzlich treffen. Der Tourismus ist eine wichtige Säule der türkischen Wirtschaft und ein bedeutender Devisenbringer. Die Deutschen spielen dabei als größte Besuchergruppe eine besondere Rolle. Nach dem Putschversuch und den Terroranschlägen brach der Umsatz in der türkischen Tourismusbranche dramatisch ein. Die Einnahmen sanken 2016 im Vergleich zum Vorjahr um fast 30 Prozent, wie das Statistikamt Türkstat im Januar mitteilte.

Entsprechend groß war der Aufwand, den die Türkei auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin betrieb. Die Aussteller füllten eine ganze Halle, der Fußboden war mit Teppich ausgelegt. "Die Türkei ist so sicher wie Deutschland", warb Außenminister Cavusoglu. Er stammt aus dem Ferienort Alanya, hat dort seinen Wahlkreis. Keiner weiß also besser, was leere Hotels für die dortige Bevölkerung bedeuten.

Es gehe ihr nicht darum, mit einem Boykott die Menschen in der Türkei zu schädigen, die am Tourismus verdienen, hatte Kipping gesagt. Mag sein - aber natürlich trifft es zuallererst die Hotelangestellten, die Händler, die Busfahrer, wenn die Gäste ausbleiben. Und ob sie die Schuld dafür bei ihrem Präsidenten suchen oder doch nicht eher bei den untreuen Deutschen, steht auf einem ganz anderen Blatt. Unter Umständen wird Erdogan so noch zum Profiteur der Krise.

"Die Türkei muss zurückkommen", appellierte DRV-Präsident Fiebig. Das wird sie ganz bestimmt - die Frage ist nur: Wann? Gegenwärtig halten sich viele Deutsche mit ihrer Urlaubsplanung noch zurück - zum einen, weil die Preise anderswo, etwa in Spanien, deutlich angezogen haben. Und zum anderen, weil die Hoffnung auf ruhigere Zeiten in der Türkei wohl noch nicht ganz gestorben ist. Schließlich hat sich an den guten Gründen, die viele Jahre für einen Urlaub dort sprachen, nichts geändert.

"Wir sind davon überzeugt, dass die Türkei im Sommer 2017 gerade kurzfristig einen Nachfrage-Boom erleben wird", meint Hicabi Ayhan, der bei FTI für das Zielgebiet Türkei verantwortlich ist. Erst kürzlich habe man das Flugangebot und die Hotelkapazitäten aufgestockt. Die Buchungen lägen bereits auf Vorjahres-Niveau. Ähnlich optimistisch agiert die Fluggesellschaft Germania. Ab 8. Mai verbinde sie einmal wöchentlich Dresden mit dem Badeort Dalaman im Südwesten der Türkei, kündigt Flughafensprecher Adler an. Nach Antalya könne man täglich sowohl von Dresden als auch von Leipzig fliegen. Vielleicht ist die Schnäppchenzeit schneller vorbei, als man glaubt. (mit dpa)

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1Kommentare
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  • 6
    2
    Pixelghost
    17.03.2017

    Die Urlaubs-Batterien - nennt man das artgerechte Haltung von Urlaubern? - in der Türkei und anderswo sind nichts für mich.



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