Urlaub mit Selbstbeteiligung

Värmland hat alles, außer viele Menschen: Riesige Wälder, tausende Seen, breite Flüsse und viele Elche. Eine schwedische Besonderheit gibt Reisenden die Chance, tiefer in die Natur einzutauchen.

Wenn der kleine Romanheld Nils Holgersson auf seiner Hausgans Martin über das Värmland fliegt, sieht er viele Seen und tiefe Wälder unter seinen Füßen vorbeiziehen. In der westschwedischen Provinz kommen auf einen Quadratkilometer gerade einmal 17Einwohner. Da bleibt viel Platz für Grün und Blau und ein paar rote Farbtupfer, die sich bei näherem Hinsehen als Hausdächer entpuppen.

Selma Lagerlöf hat diese Landschaft in ihren Sagen meisterhaft beschrieben. Die Schöpferin von Nils Holgersson und vielen anderen Büchern hat dafür als erste Frau überhaupt den Literaturnobelpreis erhalten. Sie selbst lebte ebenfalls im Värmland, im kleinen Örtchen Sunne. In dem Herrenhaus, in dem die Schriftstellerin geboren wurde, ist ein Museum eingerichtet. Es zählt heute zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Schwedens.

Etwa 20 Kilometer nördlich von Sunne, im Kittelfältets Naturreservat, gibt es dagegen nur noch hohe Bäume und viel Wasser. Und seit Kurzem einen langen Holztisch mit Stühlen - mitten im Wald. Dieser Tisch ist bereits so populär, dass es ratsam ist, seinen Platz vorab zu reservieren. Das geht ganz einfach per Internet, auf Wunsch mitsamt Kochutensilien und Geschirr. Das Ganze nennt sich "Edible Country" ("Essbares Land"), ein Konzept, zu dem weitere zwölf Tische in ganz Schweden gehören. Der schwedische Staat will Gästen und Landsleuten damit eine besondere Naturerfahrung ermöglichen.

Die Rezepte für die Tische haben Sterneköche entwickelt - passend zur Natur der jeweiligen Region und möglichst einfach mit regionalen Zutaten umzusetzen. Wer es etwas komfortabler möchte und nicht selber kochen will, der kann sich bei "Edible Country" auch einen Koch dazu buchen. In diesem Fall ist es Naturpädagoge Max Monsler. Er hat Zanderfilets mitgebracht.

Das spart zumindest Zeit. Ansonsten ist Angeln in Schweden völlig unkompliziert. "Dafür braucht man bei uns keinen Angelschein, man muss nur eine Erlaubnis für die Region kaufen", sagt Max. "Das geht auch schnell mit dem Smartphone über das Internet." Generell unterliegt das Leben in der freien Natur in Skandinavien weniger Restriktionen als bei uns. Im Wald Essen zu kochen oder zu schlafen, das ist im Gegensatz zu Deutschland nicht verboten - es herrscht das Jedermanns-Recht.

Heute herrscht allerdings auch die Jedermanns-Pflicht. Denn das Konzept von "Edible Country" sieht keinen All-inclusive-Service vor. Die Gäste von Max Monsler müssen deshalb mitmachen und im Wald nach Brennnesseln für die Zubereitung des Fisches und nach jungen Tannenzapfenspitzen wegen des Zitronengeschmacks suchen. Dazu gibt es frische schwedische Kartoffeln, die mit weich gegartem Sellerie zu einem Mus gestampft werden. So ein Mahl gibt Kraft für die nächste Herausforderung.

Unweit des Kittelfältet Naturreservats fließt Schwedens längster Fluss, der Klarälven. In großen Kurven schlängelt er sich bis nach Karlstad, wo er in den Vänern-See mündet. Früher wurden Holzstämme aus dem Norden auf dem Klarälven transportiert, heute erledigen das Lkw auf der Straße.

Die Tradition wird zumindest touristisch weiter bewahrt. Die Holzstämme dienen heute aber einem anderen Zweck: Sie werden mit Seilen zu Flößen zusammengebunden und schippern Touristen gemächlich nach Süden - eine ideale Entschleunigung für Großstädter. "Nur die Strömung ist der Motor, lasst euch einfach treiben", sagt der Guide, der die Leute für die Touren einweist. "Damit ihr irgendwie wisst, wo ihr seid, solltet ihr die Kurven zählen", empfiehlt er und drückt seinen Kunden eine Karte vom Fluss in die Hand.

Zu diesem Zeitpunkt sind allerdings schon vier anstrengende Stunden vergangen. Denn die Flöße stehen nicht fertig am Ufer und warten, bis Touristen ihre Rucksäcke darauf verstauen und die Leinen lösen. Die Baumstämme müssen stattdessen selbst zu einem Floß verbaut werden. Und bis auf ein paar theoretische Knotenschulungen von den Mitarbeitern der Verleihstation sind die zukünftigen Passagiere dabei ganz auf sich allein gestellt. Drei Lagen von jeweils bis zu 14 Stämmen müssen im kalten Flusswasser übereinandergeschichtet und miteinander verknotet werden. Das kostet Kraft und vor allem ein gutes Vorstellungsvermögen. Umso glücklicher ist man am Ende, wenn das tonnenschwere Gefährt auch wassertauglich ist und man wie Huckleberry Finn dem nächsten Abenteuer entgegenschwimmen kann.

Thomas Peterson hätte mit dem Floßbau sicher kein Problem gehabt. Er ist der Mann, der ein ganzes Dorf mit urigen Holzhütten am Edam-See unweit von Karlstad errichtet hat. Zwei dieser Hütten sitzen in Bäumen, drei stehen am Ufer und eins schwimmt auf dem Wasser - es ist mit einem Anker am Grund festgemacht. Naturbyn hat Thomas seine Siedlung genannt - was ins Deutsche übersetzt so viel wie Naturdorf heißt. "Ich habe angefangen, ein Haus für mich selbst zu bauen", erzählt der Zimmermann und ehemalige UN-Blauhelmsoldat. "Freunde haben mich dann darauf hingewiesen, dass es eine tolle Idee ist und viele Menschen daran Freude haben könnten." Und so holte der 50-Jährige immer mehr Stämme aus dem Wald, ließ sie zuschneiden und zimmerte neben den Hütten Duschen zum Selberpumpen, Außenküchen zum Selberheizen, eine Sauna und mehrere überdachte Feuerplätze.

Die sind ideal für eine obligatorische Kaffeepause, also für eine Fika, wie die Schweden zu sagen pflegen. Die sind übrigens nach den Finnen Vizeweltmeister im Kaffeetrinken, im Durchschnitt kommen sie auf 3,5 Tassen pro Tag. "Wir kochen das Kaffeepulver in einem Topf auf und lassen das Getränk dann fünf Minuten ziehen", sagt Thomas und reicht seinen Gästen Zimtschnecken und würzige Pepparkakor-Kekse, die man in Deutschland auch in schwedischen Möbelhäusern bekommt. Falls man den Schwedenurlaub zu Hause etwas verlängern möchte.


Raus in die Natur

Anreise: Über Stockholm weiter mit der schwedischen Fluggesellschaft Air Leap nach Karlstad. Wer mit Auto (1230 km ab Chemnitz) kommt, kann die Fähre von Kiel nach Göteborg nehmen, dann weiter bis Karlstad.

Floßfahren: Ein Floß zum Selberbauen und eine Tagesfahrt mit Verpflegung kosten 112 Euro pro Person.

www.vildmark.se/de

Naturbyn: Leben ohne Strom - pro Nacht kosten Holzhütten ab 170 Euro.

www.naturbyn.se

Edible Country: Die Tische zum Selberkochen kosten nichts. Zusätzliche Kochutensilien 15 Euro. Ein Extrakoch kostet 85 Euro. Buchung unter: www.visitsweden.com/ediblecountry

Jedermanns-Recht: In Schweden darf man überall wandern oder zelten, Ausnahmen: Privatgärten, vor Wohnhäusern oder auf Äckern.

Die Reise wurde unterstützt von Visit Schweden.


Im ewigen Eis von Torsby

Ab in den Tunnel: Wer im Värmland der Natur entfliehen will, muss sich warm anziehen

Mütze, Schal und Unterhosen: Das gehört in Torsby das ganze Jahr über zur Grundausstattung. Zumindest im hiesigen Skitunnel. Denn da herrscht eine Temperatur von minus drei Grad Celsius. So kann es schnell zu einem Temperaturunterschied von 25 Grad im Vergleich zur Außenwelt kommen.

Skilehrer Rasmus Bon gibt deshalb den Tipp, nicht gleich loszustürzen und erst mal die Lungen an die kalte Luft zu gewöhnen. Nach ein paar Minuten zeigt er den Anfängern, wie man sich im Diagonalschritt bewegt. "Der rechte Arm geht nach vorn und das rechte Bein nach hinten. Gebt acht, dass der Abdruck direkt unter dem Körper ist", sagt er und startet mit dynamischen Bewegungen in die Loipe. Die anderen folgen ihm - so gut sie können. Die Skistrecke ist 1,3 Kilometer lang. Im Tunnel geht es über Kunstschnee hoch und runter. Die Strecke folgt dem natürlichen Gefälle des ursprünglichen Geländes.

Der Skitunnel dient nicht nur touristischen Zwecken. Er wird auch von Nationalmannschaften genutzt. Sind die Topstars zu Gast, ist der Tunnel nicht gesperrt. Eine gute Chance, auch mal einen Promi zu beobachten. Zum Beispiel Biathlon-Legende Ole Einar Björndalen, der im Sommer oft vom nahe gelegenen Norwegen zum Training nach Torsby rübergefahren sein soll.

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