Reise
Wie die Rheinromantik entstand - und heute fortlebt

Ab 1817 bereiste William Turner das Mittelrheintal mehrfach. Mit seinen Gemälden prägte er die schwärmerische Sichtweise auf die Gegend. Seine Stationen werden gerade aufwendig kartographiert.

Koblenz.

Die Festung Ehrenbreitstein ist denkbar leicht erreichbar: Seit der Bundesgartenschau 2010 befördert eine Seilbahn Passagiere binnen vier Minuten quer über den Rhein zu der Anlage, die bei Koblenz über Stadt und Fluss wacht.

Durch die Luft und übers Wasser: Mit der Seilbahn geht es zur Festung Ehrenbreitstein, mit dem Dampfer auf Flussfahrt.
Durch die Luft und übers Wasser: Mit der Seilbahn geht es zur Festung Ehrenbreitstein, mit dem Dampfer auf Flussfahrt. Bild: Thomas Frey/dpa/dpa-tmn

Wer unterwegs den Blick gen Süden richtet, sieht das inoffizielle Portal zum Oberen Mittelrheintal vorbeiziehen. An der Station der Festung angekommen, bürgt der Panoramablick auf das Deutsche Eck für zusätzliches Spektakel.

Die Vorzüge der Landschaft beeindrucken im August 1817 auch den britischen Romantiker William Turner (1775–1851). Vom westlichen Rheinufer aus fertigt er eine ganze Serie von Skizzen der Festung an. Der seinerzeit bereits arrivierte Maler ist per Schiff und Postkutsche von London nach Köln gereist. Anschließend folgt er der linksrheinischen Straße, die auf Napoleon zurückgeht.

Über Boppard, St. Goar und Bacharach setzt Turner seine Reise bis nach Bingen fort. Unterwegs hält er den Fluss mit seinen Inseln, Booten und Bewohnern ebenso fest, wie die mit Burgen und Festungen bebauten Steilhänge an seinen Ufern. Die Skizzen dienen ihm noch Jahre als Vorlage für Aquarelle, mit denen er die Rheinromantik, wie wir sie heute kennen, optisch definiert.

Ungestüm und ursprünglich

Laut Turner-Experte Armin Thommes, war es vor allem das Ungestüme und Ursprüngliche der Landschaft, das den Maler und seine Generationsgenossen faszinierte. Dabei habe Turner die gängige Vorstellung vom Rheintal nicht nur bedient, sondern dramatisch überhöht, wo immer sich das angeboten habe.

Vor allem das Ungestüme und Ursprüngliche der Landschaft reizte den Maler William Turner, sagt Experte Armin Thommes.
Vor allem das Ungestüme und Ursprüngliche der Landschaft reizte den Maler William Turner, sagt Experte Armin Thommes. Bild: Ralf Johnen/dpa-tmn

"Turner hat gerne Blickpunkte so kombiniert, dass seine Bilder nicht nur interessanter, sondern auch harmonischer wurden." Bei ihm seien das Tal enger, die Weinberge steiler und die Zahl der markanten Bauwerke größer als in der Realität geraten. 

Der freischaffende Künstler Thommes war dem Mythos Rheinromantik schon verfallen, bevor das Obere Mittelrheintal 2002 als erste deutsche Kulturlandschaft in den Adelsstand des Unesco-Welterbes erhoben wurde. Eine Abhandlung über Turner suchte er jedoch vergeblich. 2005 machte es sich daran, in Archiven und Bibliotheken nach dem Œuvre des Meisters zu forschen, um es zu katalogisieren: Auf 51 Aquarelle kam er, die auf 26 Standorte im Mittelrheintal zurückgehen.

Verklärung siegt über Realität

Thommes‘ Initiative aber sollte sich nicht auf das Kunsthistorische beschränken: "Bei der Katalogisierung ist mir die Idee gekommen, aus Turners Reise eine Wanderroute zu machen." 2017 setzte der Zweckverband Welterbe Oberes Mittelrheintal den Vorschlag um. Seitdem werden an den Standorten nach und nach Bronzeplaketten mit übergroßen Abdrücken in den Boden eingelassen, die Besucher dazu einladen, sprichwörtlich in Turners Fußstapfen zu treten. Über QR-Codes können sie Details abrufen.

In Turners Fußstapfen: Seit 2017 werden an bedeutenden Spots Bronzeplaketten in den Boden eingelassen.
In Turners Fußstapfen: Seit 2017 werden an bedeutenden Spots Bronzeplaketten in den Boden eingelassen. Bild: Ralf Johnen/dpa-tmn

Weil die Plaketten kostspielig sind, konnten sie bisher nicht überall realisiert werden. Am Loreley-Blick in Oberwesel etwa fehlt sie noch. Dafür umkreist dort das Mittelrhein-Museum mit zahlreichen Exponaten die Feinheiten der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts. Beheimatet ist es im Forum Confluentes, einem architektonisch kühnen Kulturzentrum, das ein weiteres Indiz für den frischen Wind ist, der die Stadt durchweht.

Einige Kilometer weiter wartet nach einer kurzen rechtsrheinischen Bahnfahrt das nächste Highlight: Die monumentale Marksburg aus dem 13. Jahrhundert, die auf einem Felsen über dem Fluss thront. Wie der unweit des Bahnhofs von Braubach gelegene Routenstandort 4 dokumentiert, ging aus der hier angefertigten Skizze eines jener recht verhuschten Aquarelle hervor, die so typisch sind für Turners Stil. Die romantische Verklärung siegt abermals über die Realität.

Inspirationsquelle Turners aus dem 13. Jahrhundert: die monumentale Marksburg.
Inspirationsquelle Turners aus dem 13. Jahrhundert: die monumentale Marksburg. Bild: Thomas Frey/dpa/dpa-tmn

Deutschlands schönster Wanderweg

Weiter geht es nach Osterspai zu einer Attraktion neueren Datums: dem Langhalsweg. Eine Fachpublikation hat den acht Kilometer langen Rundweg 2024 zu Deutschlands schönstem Wanderweg gekürt. Mit knapp 350 Höhenmetern ist der Parcours knackig. Doch vorbei an Brombeersträuchern bietet er formidable Ausblicke auf das Westufer mit den Steillagen der Weinberge am Bopparder Hamm, der weitesten aller Rheinschleifen. Wie Standort 5 belegt, wusste der Maler auch diese Szenerie zu goutieren – wenn auch von der anderen Flussseite mit Blick auf Osterspai.

Weiter flussaufwärts in St. Goar steht der Anleger der Rheinschiffahrts-Gesellschaft Köln-Düsseldorfer sinnbildlich für den klassischen Mittelrheintourismus. Die schneeweißen Schiffe sind stets gut ausgelastet, denn sie passieren auf dem Weg in den Nachbarort Oberwesel erst die verwunschene Burg Katz und dann den Loreleyfelsen. Beide hatten es Turner besonders angetan - worauf in St. Goar und dem gegenüberliegenden St. Goarshausen auch Plaketten hinweisen.

Hatte es Turner auch besonders angetan: der bekannte Loreleyfelsen.
Hatte es Turner auch besonders angetan: der bekannte Loreleyfelsen. Bild: Ralf Johnen/dpa-tmn

Wer das Mittelrheintal nicht an Bord erkundet, kann seine Pfade indes mit weniger Besuchern teilen. Auf dem Rheinburgenweg etwa entfaltet das Tal eine andere Faszination: Auf der Etappe zurück von Oberwesel nach St. Goar führt der Fernwanderweg über einen Höhenrücken mit Premiumausblicken. Unübertroffen aber ist Maria Ruh, wo Wanderer auf den 132 Meter hohen Loreleyfelsen herabschauen. Eine Turner-Plakette suchen sie hier vergeblich: Der Maler skizzierte die mythenumrankte Schieferwand stets auf Flussniveau.

Turner-Teller als Wegzehrung

Dank der Kombination von Wanderungen, Bahn, Seilbahn, Fähre und Bootstouren gerät der Trip zu einer vielseitigen melancholischen Zeitreise - passend zum schwärmerisch-verträumten Blick, den Turner, aber auch Schriftsteller wie Victor Hugo, Clemens Brentano oder Heinrich Heine, der das Gedicht "Die Loreley" (1824) verfasste, auf den Fluss hatten und zur Rheinromantik maßgeblich beitrugen.

Der Fluss als Begleiter: Blick von der Turner-Route auf den Rhein bei Oberwesel.
Der Fluss als Begleiter: Blick von der Turner-Route auf den Rhein bei Oberwesel. Bild: Ralf Johnen/dpa-tmn

Der langsam anlaufende Turner-Tourismus ist dabei laut Andreas Stübers ein willkommener Impuls. Wie der Inhaber des "Rheinhotel" in Bacharach erläutert, hängt zwischen Koblenz und Mainz zu viel an der Schifffahrt, die kaum Übernachtungsgäste in die Orte bringe. Die Modernisierung der touristischen Infrastruktur komme daher nur schwer in Gang. Und wer weiß schon, dass Brentano mit seiner Ballade "Lore Lay" schon um die Jahrhundertwende eine literarische Vorlage schuf, die obendrein Bacharach erwähnt?

In "Stübers Restaurant" heißt Andreas Stüber seine Klientel jedenfalls demonstrativ mit einem Vesper-Teller namens "William Turner" willkommen, der laut Karte "Leckeres vom Mittelrhein" vereint. Dieser erweist sich als gute Grundlage für die nächste Etappe: Es geht nach Bingen, wo mit dem Mäuseturm und der Burg Ehrenfels weitere Ikonen der Rheinromantik warten, die Turner verewigte. Sie wirken, als wären sie schon immer hier gewesen – und als würden sie für immer bleiben.

Auch ihn verewigte Turner: Mäuseturm auf einer kleinen Rheininsel bei Bingen.
Auch ihn verewigte Turner: Mäuseturm auf einer kleinen Rheininsel bei Bingen. Bild: Boris Roessler/dpa/dpa-tmn

Links, Tipps, Praktisches:

Reiseziel: Das Obere Mittelrheintal wird von Koblenz im Norden und Bingen im Süden eingegrenzt. Es gehört als Kulturlandschaft seit 2002 zum Weltkulturerbe der Unesco.

Anreise: Koblenz ist der ideale Ausgangspunkt für eine Reise durch das Mittelrheintal. Besucher können die Turner-Route mit dem Auto absolvieren. Vielfältiger ist eine Kombination aus Bahn (auf beiden Rheinseiten), den Schiffen der Köln-Düsseldorfer, Fähren, Wanderungen und Radtouren.

Die Turner-Route: An 26 Standorten zwischen Koblenz und Bingen ermöglichen in den Boden eingelassene Bronzeplaketten mit einem Durchmesser von einem Meter es Besuchern, sprichwörtlich in Turners Fußstapfen zu treten (turner-route.de). Über QR-Codes gibt es zusätzliche Informationen. Der Zweckverband Welterbe Mittelrheintal hat 2017 mit der Realisierung begonnen.

Weiterführende Informationen: welterbe-mittelrheintal.de (dpa)

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