Zu den Waalen in den Alpen

Meran ist bekannt, seit Sissi dort urlaubte. Doch die beste Aussicht hat man vom Nachbarort Marling, vom Pfad eines speziellen Handwerks.

Morgens nach acht, wenn sich Sonnenstrahlen an der Ostseite der Berge den Weg ins Tal bahnen und gegenüber der Nebel an den Wänden des Hirzers und Ifingers emporkriecht, dann hebt sich der Vorhang fürs ganz große Kino. Meran erwacht.

Meran - die mondäne Kurstadt, die mit ihrem mittelalterlichen Zentrum und dem milden Klima schon Österreichs Kaiserin Sissi lockte. Inmitten der Jugendstilfassaden und Laubengänge, der Parks, Gärten und 70 Brunnen reckt sich der hohe Kirchturm von St. Nikolaus, Merans Wahrzeichen. Ganz rechts wartet Europas größte Pferderennbahn auf schnelle Hufe und bunte Hüte. Die Hindernisanlage gilt als Scala des Reitsports. Und vor dieser Kulisse fließt, sozusagen als natürliche Bühnenkante, die Etsch. Ihr Plätschern schwillt nach der Vereinigung mit dem Passer zum Rauschen an.

Beifall aus dem 1. Rang gut 100 Meter weiter oben. Die Loge für das Schauspiel in Südtirols zweitgrößter Stadt steht in Marling, einem idyllischen Weindorf mit 2600 Seelen, das sich unter Ruhesuchenden und Wanderlustigen zum Geheimtipp gemausert hat. Hannes Kofler, Chef des Tourismusvereins, spricht von jährlich 50.000 Ankünften und 250.000 Übernachtungen, die meisten von Ende März bis Anfang November. Der Ort wirbt mit 300 Sonnentagen im Jahr. Eine Führung durch den pittoresken Ort dauert zwei Stunden. Nicht zu übersehen: der 47 Meter hohe Turm der Pfarrkirche Maria Himmelfahrt. Ihre Seitenkapelle steht schon gut 700 Jahre. Weil sich ein britischer Kurgast vor gut 150Jahren in das Gemäuer verliebt hatte, wurde das Gotteshaus im englischen Selsley nachgebaut.

Marling lebt vom Tourismus und vom Apfel. 13 Sorten, meist Golden Delicious und Gala, werden in der Gegend geerntet - selbst rings um das La Maiena Meran Resort, einer Luxusherberge, die auch wegen der Aussicht auf die nahe Stadt so heißt.

Gerade war dort am Hang noch der bunte Triebwagen der Vinschgaubahn aus Mals vorbeigejagt, um sich nach einer ausgedehnten unterirdischen Linkskurve gut eine Minute später auf der anderen Hotelseite wieder zu zeigen. Der Bahnhof von Marling, italienisch Marlengo, liegt direkt unter dem La Maiena. Im Halbstundentakt bringt der Zug nicht nur viele der 60 Mitarbeiter des Fünf-Sterne-Resorts zur Arbeit. Auf der eingleisigen Strecke , die 2019/20 elektrifiziert werden soll, kommt auch ein Teil der Gäste an - umwelt- und preisbewusst. "Wer so aus der Schweiz anreist, erhält eine Mobilcard zur kostenfreien Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs im Meraner Land", verrät Hotelchef Mathias Waldner. Tourismuschef Kofler weiß von einem Angebot der Deutschen Bahn, bei dem diese Karte inklusive Bus und Bahn in ganz Südtirol sowie einigen Seilbahnen günstig hinzugebucht werden kann. Jeder Zug hat in Meran Anschluss nach Bozen. Selbst bei in Italien nicht gerade seltenen Streiks werden laut Aushang im Warteraum bestimmte Fahrten garantiert.

Waldner und sein Team sind längst auf den Beinen, wenn die Bahn die ersten Wanderer zum Waalweg, Marlings Hauptattraktion, ausspuckt. Der Spross einer eingesessenen Hoteliersfamilie führt das einstige Sporthotel in dritter Generation. "Es stand nie infrage, dass ich das mal übernehme", sagt er mit eigener Philosophie: "Was ist Wellness?", fragt er. "Ein guter Wein, eine Massage, eine tolle Wanderung? Lass es sein, was der Gast will." Die ganze Familie packt an im Wellness- und Gourmettempel mit 70Zimmernund allein 60Südtiroler Weinen auf der Karte. Auch die Eltern, Hans und Marlene, helfen, etwa, wenn für Gäste eine Wanderung zur Familien-Almhütte ansteht.

Den Waalweg finden Urlauber allein: erster Abzweig links, geradeaus und 20 Schweißtropfen steil bergauf. Wer die gut hundert Höhenmeter geschafft hat, wird mit grandioser Aussicht belohnt. Dabei ist der Waalweg nur die erste Etage im Wandernetz in drei Höhenlagen. Auf ambitioniertere Zeitgenossen warten der Höhenweg und das Hochplateau vom Vigiljoch.

Einmal oben, geht es am bewaldeten Hang bequem und fast waagerecht weiter auf einem kindertauglichen, gepflegten Weg entlang eines glucksenden Rinnsals, dem Waal. Solche künstlichen Kanäle leiten Wasser aus einem Bach oder See oft kilometerweit zu Feldern und Plantagen. Geografisch bedingt, regnet es in Teilen Südtirols auch in weniger trockenen Jahren so wenig, dass die Bauern auf dieses Bewässerungssystem angewiesen sind.

Der Marlinger Waal von Töll nach Oberlana ist der älteste und beeindruckendste der elf Wege um den Meraner Talkessel. Er wurde Mitte des 18. Jahrhunderts auf Anregung der Kartäusermönche in Schnals erbaut, die in Marling ein Weingut besaßen. Das zwölf Kilometer lange Teilstück ist in drei Stunden zu schaffen - auch wenn rauchende Maronenöfen und rustikale Einkehrmöglichkeiten immer wieder zum Verweilen einladen.

Im Herbst darf Törggelen nicht fehlen. Bei dem Südtiroler Brauch werden in geselliger Runde Knödel, Schlachtplatte, geröstete Kastanien und Suser, der neue Wein, verkostet. "Ab Ende September gibt es an fast jedem Sonntag Törggelefeste im Ort", sagt Tourismuschef Kofler.

Früher waren am Kanal drei Waaler beschäftigt. Ausgerüstet mit einer Art Grabebeil garantierten sie, dass das Wasser nie ausblieb. Ihr Alarmsystem funktioniert noch immer: Ein an einem Wasserrad befestigter Hammer schlägt bei jeder Umdrehung auf eine Schelle. Blieb der monotone Klang aus, hieß das: zu wenig Wasser. Die Aufseher mussten die Havarien beseitigen - im Idealfall nur Sand, Blätter, Zweige. Waaler waren höchst angesehen, entschied ihre Arbeit doch über Gedeih oder Verderb der Ernte. Zur Schneeschmelze konnte der Kanal auch zu voll sein. Dann wurden Ableitungen geöffnet, um Schäden zu vermeiden. Auch die Wasserverteilung oblag dem Waaler. Wer, wann und wie viel vom kostbaren Nass bekam, war oft ein Streitgrund unter den Bauern.

Angesichts moderner, großer Bewässerungsanlagen sind Waale heute fast nur noch "Touristenwasserle", wie sie Hannes Kofler nennt. Der Marlinger erfüllt seinen Zweck und versorgt dank der vielleicht letzten beiden Waaler 300 Hektar, vor allem Weinberge und Apfelplantagen. Ein Spaziergang über Marling, vorbei an übersichtlichen Schautafeln, vermittelt einen Eindruck vom fast ausgestorbenen Beruf.

Für jeden Geldbeutel

Anreise: mit dem Auto 710 Kilometer via Brenner und Bozen; mit der Bahn von Chemnitz mit mehreren Umstiegen in etwa zehneinhalb Stunden.

Wohnen: Hotels (Ü/F ab 80 Euro p. P.), B&B + Bauernhöfe ab 35 Euro p. P., FeWo ab 65 Euro; 5-Sterne-Resort La Maiena (ab 140 Euro p. P. mit 3/4-Pension).

Bewegung: Wanderparadies für alle Ansprüche, im Winter ideal für Langläufer. Abfahrer locken Meran 2000, das Familienskigebiet, Schwemmalm und Vigiljoch. Für Mountainbiker und Genussradler gibt es ein riesiges Radwegenetz.

Vorschläge für Ausflüge: Südtiroler Archäologiemuseum über und mit der Gletschermumie Ötzi in Bozen, größte digitale Modelleisenbahn Italiens in Rabland, Pflegezentrum für Greifvögel in Dorf Tirol.

Die Recherche wurde unterstützt vom La Maiena in Marling.

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