Zu Fuß in die Renaissance im italienischen Ferrara

Der Fürstenhof im italienischen Ferrara war einst einer der größten Europas. Seit Jahrhunderten erinnern seine Bürger mit einem Umzug an diese glanzvolle Zeit.

An der Porta degli Angeli, dem Tor der Engel in der Stadtmauer ganz am Ende der Straße, sammeln sie sich. Edelmänner mit Stiefeln aus weichem Leder und zweifarbigen Beinkleidern, den Degen an der Seite, fesche Barette auf dem Haupt. Die Damen in kostbaren Brokatkleidern, hinter sich riesige Schleppen und auf dem Kopf zierliche Hauben. Die Ritter in schwerer, blitzender Rüstung und die einfachen Soldaten mit Lederwesten und Spießen. Dazu Bauern in einfacher Tracht, Handwerker, Gaukler und Fahnenschwinger.

Die Fanfaren schmettern, die Trommeln rühren sich, der Zug setzt sich in Bewegung. Das Licht der Strahler, das die unzähligen Gestalten aus der Dunkelheit holt, steigert das Festliche des Umzuges noch. Bis zu 1200 Einwohner von Ferrara, vom kleinen Kind bis zum Greis, nehmen jedes Jahr am vorletzten Sonnabend im Mai an diesem Umzug teil. Er ist Ouvertüre des Palio, der am nächsten Sonntag folgt und als das älteste Pferderennen der Welt gilt. Erstmalig ist es für das Jahr 1259 erwähnt. Die Ferraresi erinnern damit an einen militärischen Sieg ihres Markgrafen. Er gehörte dem Geschlecht der Este an, die von 1240 bis 1597 in Ferrara regierten und ihren Hof zu einem der glanzvollsten im Europa der Renaissance machten.

Ein Zeugnis jener Zeit ist der Weg, den der historische Umzug nimmt. Er führt nämlich über den Corso Ercole I d'Este, jener von Palästen gesäumten Straße, die das Tor der Engel mit dem Zentrum der Stadt und dem mächtigen Schloss der Este verbindet. Der Corso ist die Hauptstraße der sogenannten Addizione Erculea; sie gilt - weil am Reißbrett entstanden - als erste moderne Stadtanlage Europas, erzählt Fremdenführerin Maria Teresa Orsatti. Seit 1995 ist sie als Unesco-Weltkulturerbe anerkannt. Anders als im mittelalterlichen Teil des Stadtzentrums mit seinen engen, verwinkelten Gassen, ließ Hofbaumeister Biagio Rossetti (1447-1516) hier schnurgerade Straßen anlegen.

Wo sich die beiden Hauptstraßen treffen, steht ein architektonisches Wunderwerk: der Palazzo dei Diamanti, der Diamantenpalast. Seinen Namen hat er von den 8500 Marmorspitzen, die seine Fassade bilden und die je nach Sonnenstand unterschiedliche Schatten werfen. "Wir haben hier in der Po-Ebene nur Lehm, aus dem die Ziegel gebrannt werden", erklärt Maria Teresa Orsatti. Dass der Palast aus Marmor ist, der von weither geholt werden musste, war Ausdruck des Reichtums und des Kunstsinns von Renaissancefürst Ercole I. d`Este (1431-1505). Heute finden sich im Diamantenpalast Galerien für Alte und zeitgenössische Kunst, die mit spektakulären Ausstellungen weit über Ferrara hinaus von sich reden machen.

Der historische Umzug, der unmittelbar am Diamantenpalast vorbeiführt, ist ein Wettkampf zwischen den acht historischen Bezirken Ferraras. Bewertet werden die Kostüme, die nach alten Bildern aufwendig geschneidert werden, die Darbietungen der Musiker, Gaukler und Fahnenschwenker und die Gesamterscheinung. Es ist faszinierend, den Teilnehmern des Umzugs in die Gesichter zu sehen. Sie sind von unglaublichem Stolz geprägt, aber das hat nichts Aufgesetztes. Sie schlüpfen so vollkommen in die Rollen ihrer Vorfahren, dass man meint, die Ferraresi der Renaissance vor sich zu haben, so wie sie auf den Gemälden der Ferrareser Malerschule und auf den Wandbildern im Palazzo Schifanoia zu sehen sind.

Was potenzielle Besucher wissen müssen: Das einstige Lustschloss der Este mit den berühmten allegorischen Darstellungen der zwölf Monate ist derzeit geschlossen. Der Palazzo war, wie andere alte Gebäude der Stadt ebenso, vom Erdbeben 2012 betroffen. Welchen Schaden damals zwanzig Sekunden Erschütterung anrichteten, das zeigt sich daran, dass heute, sieben Jahre später, immer noch an seiner Wiederherstellung gearbeitet wird.

Dabei schlagen die um 1500 entstandenen Wandbilder eine Brücke ins Heute. Denn auf einem von ihnen sind Männer zu sehen, die auf Eseln reiten und um die Wette rennen. Das ist heute beinahe immer noch so. Zwar laufen beim Palio heute statt der Männer in den ersten beiden Rennen je ein Junge und ein Mädchen aus jedem Contrade gegeneinander. Aber das Eselrennen geht wie eh und je über die Bühne. "Natürlich mag es nicht jeder der störrischen Vierbeiner, einen Jockey auf seinem Rücken zu tragen", berichtet Fremdenführerin Orsatti. Mancher bleibe einfach stehen oder laufe in die verkehrte Richtung. "Aber das ist ganz nach dem Geschmack des Publikums."

Richtig ernst werde es erst beim Hauptrennen, wenn Reiter und Pferde drei Runden drehen müssen, um den Sieger zu ermitteln. Übrigens: Bei Regen wird der Umzug abgesagt und auch nicht an einem anderen Tag wiederholt - ein Jahr Arbeit wird so einfach aufgehoben, für das nächste Jahr. So prachtvoll der Zug von mehr als eintausend Menschen auch ist: Das Entscheidende ist, dass sich die Stadt, die Bevölkerung jedes Jahr ihrer selbst versichert, ihrer Herkunft, ihrer großartigen Geschichte - und so etwas für den Zusammenhalt innerhalb der Stadtviertel wie der gesamten Stadt tut. Dass der Umzug nicht von Kitsch- und Wurstbuden gesäumt wird, dass es keinen großen Medienrummel gibt, dass er nicht zuerst auf Touristen abzielt - das alles zeigt, dass ihn die Ferraresi oder Estensi, wie sie sich auch nennen, für sich selbst machen. Daher rührt seine Authentizität.

Wenn sich der große Umzug aufgelöst hat, kommen einem junge Leute in hochgeschnürten Kleidern und in Wams mit bauschigen Ärmeln entgegen. Wären die Straßenlaternen und die Autos nicht, dann könnte man sich tatsächlich in einer anderen Zeit wähnen.

Am Ende des Po

Anreise: Mit dem Flugzeug nach Venedig oder Bologna, dann per Zug oder Auto weiter nach Ferrara. Mit dem Auto von Chemnitz rund 1000 Kilometer.

Übernachtung: Eine besondere Unterkunft in Ferrara ist das Agriturismo Principessa Pio, ein Hotel mit Restaurant in einem alten Bauernhaus mit großem Gemüsegarten mitten in der Stadt. DZ ab 73 Euro pro Nacht.

Comacchio: Der Hauptort in der Lagunenlandschaft erinnert mit seinen Kanälen und Brücken an Venedig, hat ein modern gestaltetes Museum mit einem römischen Handelsschiff.

Die Recherche wurde unterstützt von Visit Ferrara und Visit Comacchio.

Die Lagune der Aale

Die Fische werden in Comacchio zu marinierten Delikatessen - selbst Sophia Loren hat einmal mitgeholfen

Etwa 40 Kilometer südwestlich von Ferrara stößt das Delta des Po an die Adria. Zentrum der einzigartigen Lagunenlandschaft ist das Städtchen Comacchio mit seiner berühmten Trepponti-Brücke, die den Zusammenfluss von drei Kanälen überspannt.

Am Valle Campo, einer 1700 Hektar großen Lagune, ist Enrico Nordi, einer der letzten Binnenfischer, zu Hause. Er sorgt dafür, dass es nach wie vor die größte Delikatesse der Region gibt: Anguilla marinata - marinierten Aal. Er erzählt, dass die kleinen Aale über tausende Kilometer aus der Sargassosee östlich von Florida, wo die Laichplätze liegen, bis in die Adria wandern. Über spezielle Schleusen werden sie in die Lagune gelassen, angelockt vom wärmeren und salzhaltigeren Wasser. Hier wachsen sie zehn Jahre, bevor sie gefangen und ein Teil von ihnen zur Rückwanderung in die Sargassosee freigelassen werden.

Enrico Nordi erzählt auch, dass die Valli, was so viel wie Wassertäler heißt, weil sie hinter der Küste unter dem Meeresspiegel liegen, einst 61.000 Hektar groß waren. Aber, dass viele nach dem Zweiten Weltkrieg trockengelegt wurden, um Felder und Wiesen zu gewinnen. Und dass es heute nur noch 8000 Hektar Lagunen gibt.

In Comacchio kann man die Manifattura dei Marinati besichtigen. Ein altes Gebäude mit zwölf großen Kaminschächten, wo der Aal und andere Fische auf lange Eisenstangen gespießt und über offenem Feuer geräuchert und dann mariniert werden. Wie dort einst gearbeitet worden ist, zeigt der Spielfilm "La donna del fiume" ("Die Frau vom Fluss") von 1954. Dort spielt Sophia Loren eine Arbeiterin in der Fischfabrik, die zwischen einem ehrbaren Polizisten und einem schmuggelnden Fischer wählen muss. Da ist zu sehen, wie das Feuer in den Kaminen lodert und der Fisch geräuchert wird. Und man erlebt die Loren in feschem Arbeitskleid und gleichmäßig über den Oberkörper verteiltem Schweiß.

Neben Profis wie Enrico Nordi gibt es an den Valli hunderte Amateurfischer. Das sind in der Regel ältere Damen und Herren, die Fischerhütten mit großen rechteckigen Setznetzen besitzen. Diese werden ins Wasser gelassen und irgendwann wieder hochgezogen. Was sich darin verfängt, kommt in den Topf - wenn die Möwen nicht schneller waren. rnw

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