Schreien, spucken, schlagen

Polizeitrainer Steffen Meltzer gibt Tipps, wie man Angreifer erfolgreich abwehren kann - auch ohne Kung-Fu-Kenntnisse

Zu Hause bestohlen, von Betrügern abgezockt oder überfallen zu werden, davor fürchten sich rund ein Drittel aller Deutschen. Das zeigt ein Langzeitvergleich, den die R+V-Versicherung seit 1992 jährlich vornimmt. Wie begründet diese Angst ist und wie man sich am besten gegen Übergriffe wappnen kann, wollte Susanne Plecher von Polizeitrainer Steffen Meltzer wissen.

Herr Meltzer, wie wahrscheinlich ist es, dass ich Opfer einer Straftat werde? Ich fühle mich eigentlich ganz sicher.

Auszuschließen ist das nicht. Das darf allerdings nicht zur inneren Beunruhigung oder zu Ängsten führen. Jeder soll sein Leben genießen. Aber es ist auch Fakt, dass die polizeilichen Kriminalstatistiken nicht das reale Leben widerspiegeln. Die wenigsten Straftaten kommen zur Strafanzeige. Das zeigen Dunkelfeldstudien, etwa vom Landeskriminalamt in Niedersachsen. Demnach wird jeder dritte Einwohner einmal pro Jahr Opfer einer Straftat.

Das wären knapp 27 Millionen Straftaten pro Jahr. Das erscheint mir sehr hoch. Was zählt denn dazu?

Das reicht von Cybercrime, also Angriffen aus dem Internet beispielsweise auf Passwörter, über Trickbetrug, Taschendiebstahl bis zur Körperverletzung. Im Schnitt kommen aber nur 30 Prozent aller Körperverletzungsdelikte und zehn Prozent aller Sexualstraftaten zur Anzeige. In Sachsen sind 2017 323.000 Straftaten amtlich geworden, davon knapp 8000 Gewaltdelikte.

Wie bekomme ich denn mit, dass mich jemand angreifen will?

Die Gefahr kommt prinzipiell nie aus dem Nichts, es gibt immer Anzeichen dafür. Jemand, der in meine Intimsphäre eindringt und sich unmittelbar vor mir aufbaut, wird aggressiv sein. Wenn der dann noch laut spricht, den Kopf leicht senkt und seine Gesichtsfarbe verliert, wird es sehr gefährlich. Ein angriffsbereiter Täter ist blass, denn das Blut wird in die Muskulatur gepumpt. Auch wenn seine Hand in seinem Rücken oder unter seiner Jacke verschwindet, ist höchste Gefahr im Verzug. Dort könnte ein Messer versteckt sein.

Lässt sich das erkennen, noch bevor der Täter vor mir steht?

Nur, wenn man sich ein gelassenes Gefahrenbewusstsein angewöhnt.

Was meinen Sie damit?

Man sollte immer im Hinterkopf haben, dass es Menschen gibt, die es nicht gut meinen. Wer einen offenen Blick hat und nicht nur mit dem Handy beschäftigt ist, ist eher in der Lage, potenzielle Täter aus größerer Entfernung zu erkennen. Die Anlagen haben wir alle in uns. Sonst hätte unsere Spezies nicht überlebt. Wer sich mit dem Thema befasst, kann in Krisensituationen selbstbewusster auftreten und ist besser vorbereitet. Das hilft, denn Täter suchen sich Opfer aus, die leichte Beute versprechen. Deshalb sollte man eine gebückte Körperhaltung und einen Tunnelblick vermeiden. Aufrecht gehen, mit kräftiger Stimme sprechen: Das signalisiert, dass man wehrhaft sein könnte.

Wer angegriffen wird, ist meist starr vor Angst. Was dann?

Angststarre ist normal. Dann fühlt man sich sprichwörtlich wie das Kaninchen vor der Schlange und kann weder denken noch reagieren. Das kann bis zu 15 Sekunden dauern. Diese Zeit lässt sich reduzieren, wenn man sich gedanklich hin und wieder mit der Möglichkeit befasst und sich vorher überlegt, wie man in einer solchen Situation am besten handelt. Denn in der Situation ist nahezu jeder überfordert.

Was sollte auf diesem geistigen Notfallplan stehen?

Laut schreiend zu fliehen. Es geht darum, den Täter kurz zu verwirren und andere bei der Flucht lautstark auf die eigene Notlage aufmerksam zu machen. Das ist in den meisten Fällen das Klügste, was man machen kann, auch wenn juristisch gesehen Recht dem Unrecht nicht weichen muss. Wenn man vorher noch in der Lage ist, einen kurzen Überraschungsmoment zu schaffen - umso besser. Wer ausgeraubt wird, kann zum Beispiel etwas fallenlassen. Der Täter wird nach unten schauen und man kann den Moment zur Flucht nutzen. Eine Chance ergibt sich fast immer. Viele Vergewaltigungen bleiben im Versuch stecken, wenn sich die Frau lautstark mit Händen und Füßen wehrt. Sie hat dafür zusätzliche Hilfsmittel parat: Schlüssel, Nagelfeile, Spray, das sie beherzt einsetzen kann. Das muss dann natürlich griffbereit sein.

Darüber nachzudenken, ist das eine. Aber lässt sich das üben?

Das Wichtigste ist, dass man lernt, nein zu sagen. Wer das nicht kann, ist überall ein bevorzugtes Opfer. Üben lässt sich das, indem man die Arme hochreißt, tief Luft holt und mit überzeugendem Brustton brüllt "Nein, ich will das nicht".

Empfindet es der Täter als Provokation, wenn ich ihn anschaue?

Das kann durchaus passieren. Deshalb: Kein unnötiger Blickkontakt zu aggressiven Personen! Es gibt Gegenden, in denen Augenkontakt als Angriff gilt. Aber wenn ich demütig nach unten blicke, den Kopf senke, signalisiere ich Unterlegenheit. Dann gelte ich schnell als Opfer. Wir wollen im Alltag eine gleichberechtigte Kommunikation, das heißt, wir schauen dem anderen maximal fünf Sekunden in die Augen und dann wieder weg.

Was raten Sie, wenn man in der Nacht von Einbrechern überrascht wird?

Dann sollte man möglichst die Schlafzimmertür abschließen, notfalls verbarrikadieren, die Polizei rufen. Wenn man gerade kein Handy hat, schreit man aus dem Fensterlauthals um Hilfe. Wenn ein Familienmitglied die Chance zur Flucht hat, muss es die nutzen, um Hilfe zu holen.

Helfen Selbstverteidigungskurse?

Sport verbessert prinzipiell das Körpergefühl und unsere mentalen Fähigkeiten. Allein eine dadurch verbesserte Körperhaltung strahlt positiv aus. Ich rate Laien jedoch davon ab, wie Kung-Fu-Kämpfer aufzutreten. Die meisten werden das Wissen, dass sie in wenigen Trainingseinheiten erworben haben, in der Stresssituation nicht erfolgreich anwenden können. Ein einfacher harter Schlag gegen den Kopf kann in einer Notwehrsituation sehr wirksam sein.

Die meisten werden zu so einer brutalen Attacke nicht in der Lage sein.

Richtig. Deswegen beißen, strampeln, spucken, kratzen, flüchten, um sich schlagen und dabei laut schreien. Das ist leichter durchführbar.

Was halten Sie vom Versuch, verbal zu deeskalieren?

Solange das geht, ist das das Beste. Immer die gesunde, gelassene Mitte wählen, nicht duzen, nicht zurückprovozieren, selbstsicher auftreten. Noch besser ist es, die Gefahr vorher zu erkennen und einen Bogen darum zu machen. Das kann man lernen.

Steffen Meltzer 

Der Oberkommissar ist auch Sachbuchautor. Seit 15 Jahren trainiert er Polizisten in Gewaltprävention.

Meltzer bringt Mitarbeitern von Stadtverwaltungen, Kliniken, Feuerwehren und Busunternehmen bei, wie sie sich in Angriffssituationen sichern. rnw

Buchtipp

Steffen Meltzer: Ratgeber Gefahrenabwehr - So schützen Sie sich vor Kriminalität Ehren Verlag, 227 Seiten,  ISBN: 9783981955910,  Preis: 19,90 Euro.

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