Technik & Digitales
Verbot für Social Media unter 16: Sind wir bald nicht mehr anonym im Netz?

Ob Facebook, Instagram oder Tiktok: Soziale Medien sind fester Bestandteil unseres Alltags. Das bleibt nicht ohne Folgen, insbesondere für Kinder und Jugendliche. Eine Altersgrenze könnte kommen – und die zieht Probleme nach sich. Was Karola Köpferl vom Chaos Computer Club dazu sagt.

Chemnitz.

Stundenlanges Scrollen, Liken und Sharen: Kinder und Jugendliche kleben regelrecht an Tiktok, Instagram, Snapchat und Co., scheinen teils mit ihren Handys zu verwachsen. Doch für unter 16-Jährige in Deutschland könnten die sozialen Medien künftig tabu sein. In Australien ist es schon so weit.

Die Zahlen klingen alarmierend: Bei mehr als einem Viertel aller 10- bis 17-Jährigen gibt es „eine riskante oder pathologische Nutzung sozialer Medien“, heißt es in einer gemeinsamen Untersuchung von DAK-Gesundheit und der Uniklinik Hamburg-Eppendorf vom vergangenen Frühjahr. Fast 5 Prozent davon gelten als abhängig.

Vor der Coronapandemie im Jahr 2019 lag der Anteil der jungen Menschen mit problematischer Social-Media-Nutzung noch bei 11,4 Prozent. Jahre später ist die Zahl um 126 Prozent gestiegen. Das bleibt nicht ohne Folgen. „Es gibt hier eine sichtbare Verbindung zu psychischen Belastungen wie Depressivität“, so Studienleiter Prof. Rainer Thomasius.

Prominente CDU-Politiker für Altersgrenze

Auch die Bundesregierung debattiert das Thema seit Monaten. Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) befürwortet eine Altersgrenze für Social Media ab 16 Jahren.

Seit vergangenem Dezember gibt es diese bereits in Australien. „Wir beobachten die Erfahrungen in Australien sehr genau und warten zugleich die Empfehlungen der eingesetzten Expertenkommission ‚Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt‘ ab, die ab Mitte 2026 vorliegen“, so die Ministerin gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

So lange möchte der CDU-Landesverband Schleswig-Holstein offenbar nicht mehr warten. Für den Parteitag Ende Februar fordert er nun in einem Antrag ein „gesetzliches Mindestalter von 16 Jahren für offene Plattformen, flankiert durch verpflichtende Altersverifikation“, wie die „Bild“-Zeitung berichtet.

Befürwortet, dass Tiktok, Instagram und Co. erst ab 16 nutzbar sein sollen: Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU).
Befürwortet, dass Tiktok, Instagram und Co. erst ab 16 nutzbar sein sollen: Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU). Bild: Elisa Schu/dpa

Begründung für den Zugang ab 16: „Schutz für Kinder und Jugendliche vor den Auswirkungen von Hass und Hetze, vor psychischem Druck, Mobbing“ sowie „der Einfluss schädlicher Inhalte im Netz“.

Auch CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann unterstützt den Zugang zu Instagram, Facebook und Co. ab 16 Jahren, Kinder müssten in der digitalen Welt unter anderem auch vor „manipulativer Desinformation“ geschützt werden, sagte er der Zeitung. Zudem nehme die soziale Kompetenz der Kinder ab, wenn sie viel im Netz unterwegs seien.

Druck, Mobbing und AfD-Inhalte im Netz

Doch was würde solch eine Zugangsbeschränkung im Alltag von Kindern und Jugendlichen bedeuten? Lässt sich das Alter überhaupt zuverlässig und datenschutzkonform kontrollieren? Und: Werden am Ende alle User gläsern, bekommen wir also die Klarnamenpflicht durch die Hintertüre?

Nachfrage bei Karola Köpferl vom Chaos-Computer-Club in Chemnitz. „Kinder und Jugendliche leben heute selbstverständlich in digitalen Räumen“, erklärt Köpferl. Die digitale Teilhabe, also die Teilnahme am Internet und den sozialen Medien, sei ein Teil von Kinderrechten.

Diese digitale Welt besteht laut Köpferl derzeit vor allem aus Youtbe, Instagram, Tiktok und Snapchat. Dort vergleichen Mädchen und Jungs etwa den eigenen Körper nicht nur mit schlanken jungen Frauen, sondern auch mit durchtrainierten Männern. Köpferl spricht von „schwierigen gesellschaftlichen Körperbildern“ und von „Schlankheitswahn“.

Ob mehr oder weniger lustige „Challenges“, vermeintlich makellose Körper, prächtige Urlaubsbilder oder extremer politischer Content: Alles ist nur ein paar Klicks entfernt.
Ob mehr oder weniger lustige „Challenges“, vermeintlich makellose Körper, prächtige Urlaubsbilder oder extremer politischer Content: Alles ist nur ein paar Klicks entfernt. Bild: Elisa Schu/dpa

Der Druck, selbst so auszusehen, werde durch die Algorithmen der Plattformen verstärkt. Die Unzufriedenheit mit dem eigenen – nicht schlanken, nicht durchtrainierten – Körper steige. Eine weitere Folge: Cyber-Mobbing aufgrund des eigenen Aussehens, wenn man Bilder von sich hochlädt.

Und nicht nur das: Kinder und Jugendliche beziehen auch ihre politische Bildung von Tiktok und Co. Von den Algorithmen profitierten vor allem extreme politische Inhalte. Köpferl nennt die Inhalte kommerziell und politisch gesteuert.

„Ich mache Tiktok auf und nach fünf Minuten habe ich AfD-Content in meiner Timeline drin“, so Köpferl. Und weiter: „Was ich sehe, dafür bezahlt jemand.“ Sie warnt vor politischem Einfluss. „Ob aus den USA, Russland oder von der AfD.“ Anstatt dass politische Inhalte ausgewogen seien, gehe es nur darum, wer am meisten dafür zahlt, dass sein Content prominent ausgespielt werde.

Datenschutz: Zuverlässige Alterskontrolle „kaum möglich“

Wie blickt die Expertin auf die angepeilte Altersgrenze? In ihren Augen würden Eltern mit dem Thema Social Media und dem Umgang damit von der Politik alleingelassen und die Plattformen setzten Regeln nicht durch.

Darum sei das Vorhaben „eine politische Ansage, gegen die erstmal niemand etwas haben kann“. Allerdings: Eine reine Altersgrenze löse die strukturellen Probleme im Netz nicht.

Dazu kommt die Frage: Woher sollen die Tech-Konzerne zweifelsfrei wissen, wie alt die User sind? „Zuverlässige Alterskontrollen sind technisch kaum möglich, ohne massiv in den Datenschutz einzugreifen“, erklärt Köpferl. Besonders problematisch sei das Hochladen des eigenen Ausweises oder biometrische Verfahren - sprich: Gesichtserkennung.

Zudem lasse sich auch der Ausweis-Upload austricksen: „Dann nehme ich mir halt zur Altersverifikation den Ausweis von jemandem, der alt genug ist.“ Beispielsweise heimlich den Ausweis eines Elternteils.

Anonymität weg - und wer hat die Daten?

Mit der Altersverifikation wäre es zudem vorbei mit der Anonymität im Netz, weil ja jeder Nutzer nachweisen müsste, dass er mindestens 16 Jahre alt ist. „Mit der Ausweiskontrolle ist die Anonymität weg, darüber müssen wir uns klar sein.“ Plötzlich wären also alle User mit Klarnamen bekannt. Ob man sich dann noch offen etwa zu heiklen politischen Themen äußert?

Und ein weiteres heißes Eisen: Was passiert mit all den dadurch gewonnenen Daten? Mit Blick auf die Datenschutzgrundverordnung bezweifelt Köpferl, dass eine Plattform massenhaft Daten (etwa Bilder) von Minderjährigen speichern darf.

Beispiel Tiktok: Wo würden all die Nutzerdaten am Ende landen - gar in China?
Beispiel Tiktok: Wo würden all die Nutzerdaten am Ende landen - gar in China? Bild: Monika Skolimowska/dpa

Überhaupt sieht sie die zentrale Datenspeicherung kritisch. Denn die Daten würden womöglich gar nicht in Europa, geschweige denn in Deutschland gespeichert.

„Unsere Ausweise liegen dann vermutlich auf einem Server in irgendeiner chinesischen Stadt oder irgendwo in der US-amerikanischen Wüste von Texas.“ Und weiter: „Da kann dann im Zweifel auch mal eine Regierung drauf zugreifen, die überhaupt keiner demokratischen Kontrolle unterliegt.“

Grundsätzlich warnt Köpferl: „Wir dürfen Kinder und Jugendliche nicht vor Social Media schützen, indem wir sie an Überwachung gewöhnen.“

Köpfler: Altersgrenze praktisch nicht umsetzbar

Besser wäre es in ihren Augen, wenn die Politik sowohl Eltern als auch Schulen dabei unterstützte, Kinder und Jugendliche für die digitale Gesellschaft fit zu machen, sie über Chancen und Risiken von Social Media aufzuklären. Stattdessen würden jedoch Finanzmittel im Bereich Kinder- und Jugendhilfe gekürzt.

Noch ist die Altersgrenze in Deutschland nicht beschlossen. Glaubt die Expertin, dass sie kommt? „Sie kommt, aber sie wird in der Praxis nicht umzusetzen sein. Welche Eltern würden erlauben, die Ausweise ihrer Kinder hochzuladen?“ Zudem sei es nicht kontrollierbar, ob sich die großen Plattformen tatsächlich an die Altersgrenzen-Vorgaben halten.

Köpferl hält ein gesamteuropäisches Vorgehen für zielführender. „Dann müssen wir uns EU-weit aber auch zusammensetzen und fragen: ‚Welche Art von sicherer Altersverifizierung bieten wir an?‘“.

Das planen andere Länder

Nicht nur in Deutschland sind Altersgrenzen für soziale Medien ein heiß debattiertes Thema. Seit dem 10. Dezember dürfen Tiktok und Co. in Australien erst ab 16 Jahren genutzt werden. Bereits 4,7 Millionen User-Konten wurden seither deaktiviert.

Während etwa in Griechenland und Portugal Debatten darüber laufen, verständigten sich Regierung und Opposition in Dänemark darauf, eine Altersgrenze von 15 Jahren für bestimmte soziale Medien einzuführen.

Die Nationalversammlung in Frankreich stimmte im Januar für ein Verbot für unter-15-Jährige, welches ab September in Kraft treten könnte. Das Oberhaus in Großbritannien stimmte kürzlich für ein Social-Media-Verbot für alle unter 16.

Das möchte auch Spanien einführen, wie Regierungschef Pedro Sánchez vor wenigen Tagen ankündigte. (phy)

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